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Familienserie auf Vox : Wie das eben so spielt

  • -Aktualisiert am

Theo (David Grüttner) hört aus zu reden, als sein Hund verschwindet. Bild: Vox

Vox will die klassische Familienserie modernisieren: In „Das Wichtigste im Leben“ geht eine Mittelschichtsfamilie aus Bonn durch emotionale Abgründe. Ist das wirklich aus dem Leben gegriffen?

          Was sind schon Kapitalverbrechen, um die es im Fernsehen fortwährend geht, verglichen mit den Dramen des Alltags: Wenn ein verliebtes Mädchen von seinen Eltern gezwungen wird, einen ganzen Nachmittag bei Opa zu verbringen, und dann ist dort kein Handy-Empfang – das ist Drama. Wenn der Hund wegläuft, den das Vorschulkind nach langem Drängen bekam – auch das. Die Entscheidung des ältesten Sohnes, das vom Vater trainierte Basketballteam zu verlassen, ist ein Drama, der Routinesex, der sich nach Jahren des ausschließlichen Elternseins in einer Partnerschaft einstellt.

          Die Fankhausers, eine Mittelschichtsfamilie aus Bonn, deren Leben die neue Vox-Serie „Das Wichtigste im Leben“ verfolgt, sind emotional jedenfalls ständig am Anschlag. Das Gesicht, das Vater Kurt (Jürgen Vogel) bei Autofahrten durch die herbstliche Umgebung aufsetzt, ist das erschöpfte Gesicht eines Mannes, der in Familie und Beruf alles richtig zu machen versucht.

          Pubertär und geistig abwesend

          Mutter Sandra (Bettina Lamprecht) hat das Durchhalte-Lächeln einer Frau, auf der in einer Familie mit drei Kindern trotzdem alle Last liegt. Tochter Luna (Bianca Nawrath) ist pubertär und geistig abwesend, weil in den Skateboard-fahrenden Stiefbruder der besten Freundin verliebt. Adoptivsohn Philipp (Sidney Holtfreter) fürchtet sich vor dem Zeitpunkt, an dem sein Wechsel vom Basketball zum Ballett von Außenstehenden kommentiert wird.

          Dazu der hochsensible Theo (David Grüttner), der eigentlich bald in die erste Klasse gehen müsste, ein verschlossener Junge, der mit seiner näselnden Stimme ausgesprochen herzig daherkommt: mit ihm beginnt die von Richard Kropf („4Blocks“) entwickelte Story. Theo bekommt im Tierheim einen Hund – und beschließt, nicht mehr zu reden, als Mischling Fredo bei einem Bäckereibesuch, bei dem er vor dem Laden angeleint werden muss, verschwindet. Noch Wochen später, bei der Einschulungsuntersuchung, bringt der Junge kein einziges Wort heraus. Die Eltern machen das Beste daraus. Nur wenn Theo nicht eingeschult wird, dürfte sich das nicht zuletzt auf Sandras Sehnsucht auswirken, mehr Zeit für sich selbst zu haben.

          „Das Wichtigste im Leben“, die dritte Serienproduktion von Vox nach dem „Club der roten Bänder“ und „Milk and Honey“, folgt Theos Geschichte und allem, was die Fankhausers auf Trab hält. Und zwar in einem entspannten Tempo, bei dem der Zuschauer alle Figuren kennenlernen kann. Erzählt wird horizontal, jedem Familienmitglied, also auch den Kindern, gehört ein breiter Erzählstrang. Timo Moritz und Marco Uggiano an der Kamera ist gleichermaßen an einer realistischen Anmutung wie durchkomponierten Bildern gelegen.

          Wir erleben, wie Theo nach dem Verschwinden des Hundes leidet und mit einem Handköfferchen voller Trinktüten „auswandern“ will, beobachten Lunas Verknalltheit und die ersten Schritte von Philipp in der „Dance Academy“-haften Tanzschule. Sandra plant zur Abwehr der dräuenden Midlife-Crisis die Eröffnung eines Cafés. Und Kurt, hauptberuflicher Trainer der „Bonn Baskets“, wird nicht nur durch seine Enttäuschung über Philipps Ausstieg aus dem Vereinssport oder die Sorge um Theo gefordert, sondern auch durch seinen Bruder Stefan (Denis Schmidt), der das Leben leichter nimmt als er – kein Wunder: Stefans erstes Kind kommt ja erst demnächst auf die Welt.

          Unter dem Strich ist das extrem gefühlig, nicht von ungefähr liegt auf der Tonspur häufig ein seichter Popsong. Die Familienserie „Das Wichtigste im Leben“ wird aber ihre Zuschauer finden. Sie werden die ständig wechselnde emotionale Tönung preisen und sagen, das sei wie aus dem Leben gegriffen. Und wenn es weiter so läuft wie in den ersten vier vorab einsehbaren Folgen, könnten die Mitglieder dieser Familie, die alle mit lebensnah spielenden Schauspielern besetzt sind, selbst Kritikern ans Herz wachsen.

          Das Wichtigste im Leben, mittwochs um 20.15 Uhr auf Vox.

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