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Netflix-Serie „The Society“ : Endlich eine Welt ohne Erwachsene

  • -Aktualisiert am

Eine Welt ohne die Erwachsenen? Kein Wunder, dass die Jugend feiert. Bild: Netflix

Die neueste „Herr der Fliegen“-Adaption auf Netflix stellt abermals die übergroße Frage nach den Grundsätzen der Gesellschaft. Womit die Serie aber besticht, sind Emotionen und Spannung.

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          Erwachsenwerden, ist das nicht immer wie ein Abschied vom naiven Kinderglauben, der Mensch sei edel, hilfreich und gut? Wenn man aber alle Erwachsenen mit ihren Kompromissen, Ängsten und Kriegen aus dem Weg räumt, wenn man Kinder auf einer einsamen Insel aussetzt – kann dann vielleicht eine bessere Gesellschaft entstehen? Wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass William Golding, der am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hatte, vom Gegenteil überzeugt war und deshalb auch jede „Herr der Fliegen“-Adaption ihre Protagonisten nicht nur in archaische Überlebenskämpfe verwickelt, sondern bald brutal egoistisch Krieg um Macht führen lässt.

          Christopher Keyser macht mit seiner neuen Netflix-Serie „The Society“ da keine wirkliche Ausnahme, und doch ist sein Angang etwas hoffnungsvoller. Das Meistern der Situation scheint ihm jedenfalls nicht unmöglich zu sein. Die Experimentalanordnung ist ähnlich: Mehrere Busladungen voller High-School-Absolventen ab sechzehn Jahren werden einer unklaren Bedrohung wegen aus der amerikanischen Kleinstadt West Ham herausgebracht, kehren aber bald in ihren Heimatort – oder eine demselben zum Verwechseln ähnliche Version – zurück. Trotz gut gefüllter Supermarktregale ist die Stadt jedoch vollständig verlassen und liegt nun wie eine Oase inmitten endloser Wald-Wildnis. Bei aller Beklemmung nutzen die Teenager – beneidenswert jung und doof – den Ausfall der elterlichen Überwachung zuerst einmal kräftig aus und veranstalten in der Kirche ein orgiastisches Besäufnis.

          Seltsamerweise funktionieren in diesem Paralleluniversum die Handys der Protagonisten untereinander weiter, auch Strom und Wasser gibt es offenbar unbegrenzt (der Experimentator Keyser war großzügig), nur eine Verbindung nach außen ist nicht möglich, weil es kein Außen gibt. Um hier zu überleben, müssen die Jugendlichen nicht nur zusammenhalten, Verantwortung übernehmen und Familien gründen, sondern eine funktionierende, von allen respektierte Ordnung aufbauen – zunächst eine Art Erbmonarchie erstaunlicherweise –, was nicht ohne die erwartbaren Reibungen abgeht. Cassandra (Rachel Keller), die aufgrund ihrer Schulautorität weitum akzeptierte, strikte Regeln einführende Anführerin (und ja, Seherin) wird samt ihrer Hausmacht, bestehend aus ihrer Schwester Allie (Kathryn Newton, die eigentliche Hauptrolle der Serie), dem politisch weitsichtigen Heimkind Will (Jacques Colimon) und dem hochbegabten Nerd Gordie (José Julian), bald von waffenschwingenden Anhängern eines darwinistischen Liberalismus herausgefordert.

          Auf dieser Gegenseite tut sich der ehemals – als Geld noch eine Bedeutung hatte – reiche, charmante Playboy Harry (Alex Fitzalan) hervor, ebenso der schlau-aggressive Einzelgänger Campbell (Toby Wallace). Dass dies an Geschlechterkampf oder an eine Kollision von Demokraten und Republikanern erinnert, ist kein Zufall – und das Hauptproblem der Serie: Alles, was an politisch-gesellschaftlichen Themen problematisiert wird, Gewaltenteilung etwa, Todesstrafe, Populismus, Sozialismus oder ein Staatsstreich, kommt arg schablonenhaft daher. Auch die schnelle Verwandlung der Jugendlichen, die ganz in ihren neuen Rollen aufgehen, wirkt zu konzeptuell, zu brav und mitunter sogar albern. Dagegen schert sich die Narration wenig um naheliegende Fragen: Wo sind die Busse und Fahrer hin? Wo kommt der Strom her? Würde man wirklich derart verschwenderisch mit den letzten Ressourcen umgehen? Und wie weit trägt der Trick, den klugen Gordie quasi universal als Wissenschaftler und Mediziner einzusetzen, um frühe Katastrophen abzubiegen?

          Dass die Erzählung trotzdem gefangennimmt, liegt daran, dass „The Society“ gar kein Kopfkino sein will, sondern in der Hauptsache eine emotionale, aufgrund der gelungenen Darstellerauswahl und guten Charakterverteilung (alle Prototypen sind vertreten) durchaus angenehme „Young Adults“-Soap nach dem Muster von „Riverdale“: ein Kleinstadtpanorama mit Zugang der Kamera zu allen Schlafzimmern, das die Frage, welche Paare sich finden und hintergehen, so wichtig nimmt, wie man das vielleicht nur mit sechzehn tut. Das Mysterium am Grunde des Settings sorgt zwar ebenso wie manche Gewalttat für Spannung, steht aber nicht im Vordergrund, weshalb sich Keysers Serie auch von „Lost“ (mit seiner enttäuschenden Auflösung), der Sci-Fi-Fiktion „The 100“ und auch von „Wayward Pines“ unterscheidet, wobei in ästhetischer Hinsicht – allein die Lage der Stadt inmitten endloser Wälder – freilich vieles an die erste, starke Staffel der letztgenannten Dystopie erinnert.

          Ob man den kleinen Epilog der zehnten Folge überzeugend findet, entscheidet diesmal also keineswegs über den Gesamteindruck. Wer es angesichts der letzten Tage der Menschheit nicht ganz so dystopisch und fernsehdeutsch hysterisch mag wie in der Sky-Apokalypse „8 Tage“, darf sich hier jedenfalls trotz der wenigen platten Ausgriffe in religiöse Symbolik gut aufgehoben fühlen. Der Firnis der Zivilisation ist auch in „The Society“ dünn, aber ihr Zerreißen nicht unbedingt wahrscheinlicher als in vielen Ländern unserer Tage, eher im Gegenteil. Ohne Erwachsene ist die Welt zwar nicht automatisch besser – kein Garten Eden ohne Brudermord und Schlangenbiss –, will das vielleicht sagen, aber noch lange nicht schlechter, und überdies, so backfischknitterfrei und sportskanonenfit, sehr hübsch anzusehen.

          Die erste Staffel von The Society ist von heute an auf Netflix abrufbar.

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