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Neue Netflix-Serie „Élite“ : Die hohe Schule der tiefen Schläge

  • -Aktualisiert am

Schöner Schein: die Diplomatentochter Lucrecia, gespielt vom mexikanischen Disney-Sternchen Danna Paola Bild: Netflix

Jung, böse und vor ihrer Zeit erwachsen: In der Netflix-Serie „Élite“ gebärden sich spanische Internatsschüler ziemlich frühreif.

          „Ich verliere mich gerade ein wenig“, gesteht Nadia (Mina El Hammani) mit wässrigem Blick, und man kann sie verstehen. Die muslimische Schülerin hat bewegte Tage hinter sich. Zuerst stürzte ihre alte Schule in sich zusammen, dann wurde aus der Tragödie scheinbar ein Segen. Nadia bekam, zusammen mit ihren Freunden Christian (Miguel Herrán) und Samuel (Itzán Escamilla), ein Stipendium für die beste Privatschule Spaniens, Las Encinas.

          Hier soll die gesellschaftliche Elite von morgen lernen. Kinder von Politikern, Adligen und mächtigen Unternehmern. Die allerdings sind von den Neuankömmlingen nicht gerade begeistert. Manche fürchten die akademische Konkurrenz, andere haben schlicht keine Lust auf den Umgang mit Menschen, die nicht aus ihrem gesellschaftlichen Dunstkreis kommen. Mit ihrem Hijab ist Nadia das erste leichte Ziel: Sie wird rassistisch beleidigt, und das Kopftuch muss sie nach einer Beschwerde bei der Schulleitung von nun an ablegen. „Wollen Sie ein Mädchen fördern, das frauenfeindliche Werte vertritt?“, fragt Diplomatentochter Lucrecia, gespielt vom mexikanischen Disney-Sternchen Danna Paola, ihren Lehrer, während sie es sich auf seinem Pult bequem macht. „Vergessen Sie nicht, wessen Eltern Ihr Gehalt zahlen.“

          „Wir wollten keine Teenie-Serie schreiben“

          Samuel ergeht es kaum besser, er bringt seine Probleme allerdings von zu Hause mit. Sein Bruder Nano (Jaime Lorrente) ist gerade aus dem Gefängnis zurück. Eigentlich ein Grund zur Freude, leider hat er einen Schlägertrupp im Gepäck, der angehäufte Schulden für den Schutz vor brutalen Insassen eintreiben will. Frohen Mutes beginnt dagegen Christian den neuen Schulalltag. Er kann sein Glück kaum fassen, ab jetzt die Schulbank mit den Reichen und Schönen zu teilen, und während ihm bewusst ist, dass er akademisch keine großen Sprünge machen wird, ist er fest entschlossen, soziale Kontakte zu knüpfen, die ihm eine bessere Zukunft ermöglichen können.

          Seine Charmeoffensive beginnt er bei Carla (Ester Expósito), einer schönen Adligen, die mit ihrem Freund Polo (Álvaro Rico) zusammen ist, seit die beiden zwölf Jahre alt sind. Tatsächlich gelingt es ihm schnell, Carla zu verführen, allerdings ahnt er nicht, dass Polo eingeweiht ist und heimlich zuschaut. „Wir sind sechzehn Jahre alt. Wann können wir uns verlieren, wenn nicht jetzt?“, will die mit HIV infizierte Marina (María Pedraza) die aufgewühlte Nadia beruhigen, und diese Erinnerung an das Alter der Protagonisten wirkt nach allem, was bis zu diesem Zeitpunkt in „Élite“ passiert ist, doch ein wenig absurd.

          „Wir wollten keine Teenie-Serie schreiben, die sich um die Probleme dieser Zeit dreht. (...) Natürlich sind die Protagonisten noch immer Teenager, und deshalb wird über Adoleszenz gesprochen. Wir wollten aber nicht, dass das zum großen Thema der Serie wird“, schreibt der Co-Erfinder Carlos Montero in seinem Produktionsstatement. So muss man sich über das sechzehnjährige Paar, das in der eigenen gemeinsamen Wohnung sein langweilig gewordenes Liebesleben aufpeppen will, oder regelmäßigen Verkehr in der Schuldusche unter abgeklärten Sexualpartnern nicht mehr wundern.

          Dramatische Überspitzung im Hochglanz-Look

          Diese überzogenen Momente der Serie lenken allerdings leider mitunter von den größtenteils durchaus für die junge Zielgruppe relevanten und sensibel inszenierten Aspekten von Élite ab: jugendlichen Ängsten, Erwartungen nicht erfüllen zu können, der Abgrenzung von den Eltern, wechselnden Machtdynamiken im Freundeskreis oder dem Entdecken von Liebesbeziehungen. Worauf all diese Konflikte hinauslaufen, ist klar, sobald ein verstörter Samuel in der Eröffnungsszene seine blutverschmierte Hand an der Scheibe der Schulschwimmhalle herabgleiten lässt: Eine Schülerin wird sterben, und am Ende der ersten Folge wissen die Zuschauer auch, wer das Opfer ist. Der vermeintliche Mordfall fungiert als düsterer Rahmen für die Geschichte, mit kurzem Teaser zum Einstieg und einem Cliffhanger am Ende jeder Folge. Ein bewährtes Konzept, das auch hier seinen Dienst tut und den Spannungsbogen aufrechthält, wenn das eigentliche Drama mal allzu hanebüchene Züge annimmt.

          „Élite“ will sich in die Tradition erfolgreicher Teenie-Mystery-Serien wie „Veronica Mars“ (2004–2007), „Pretty Little Liars“ (2010–2017) oder „Tote Mädchen lügen nicht“ (seit 2017) einreihen, vergisst dabei aber mitunter, dass die Thriller-Elemente in diesen Shows immer auch dazu dienten, die Coming-of-Age-Konflikte der Helden zu unterstreichen. Dass dramatische Überspitzung im Hochglanz-Look und Teenager, die wie Erwachsene reden, auch durchaus reizvoll sein können, haben Serien wie „Gossip Girl“ (2007–2012) oder „O. C. California“ (2003–2007) überzeugend vorgemacht.

          „Élite“ verzichtet aber auf die satirischen Entspannungsmomente dieser Vorbilder und bleibt deshalb oft in einem nicht immer passenden Mix aus stilisiertem Hochglanzthriller und Sozialdrama stecken. So geht etwas von dem großen Potential der fruchtbaren Grundkonstellation verloren. Sehenswert ist die Serie nicht zuletzt aufgrund der Riege sehr talentierter Jungdarsteller, von denen Netflix einige in einem klugen Kniff aus der spanischen Bankraub-Serie „Haus des Geldes“ übernommen hat – der bisher auf der Streaming-Plattform am häufigsten abgerufenen nichtenglischsprachigen Serie überhaupt.

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