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Serie „Meine geniale Freundin“ : Ohne Schmutz hilft auch kein Sepiafilter

Beste Freundinnen, schärfste Konkurrentinnen: Lenù (Elisa Del Genio, l.) und Lila (Ludovica Nasti) in Saverio Costanzos Serie Bild: Magenta TV

Ziemlich kulissenhaft: Saverio Costanzo hat Elena Ferrantes Welterfolg „Meine geniale Freundin“ verfilmt. Als Fernsehserie wird die neapolitanische Saga zu einer leblosen Veranstaltung.

          Bilder erzeugen, die mit den Vorstellungen von Millionen passionierten Lesern und vor allem Leserinnen mithalten können: Um nichts anderes geht es bei der Verfilmung eines literarischen Welterfolgs, besonders wenn es um ein Phänomen wie Elena Ferrantes Romantetralogie „Meine geniale Freundin“ geht. Aus der Anonymität heraus unter Pseudonym geschrieben, eroberten die in einem kleinen Verlag publizierten Bücher von 2011 an den internationalen Buchmarkt; wo immer sie erschienen, griff das „Ferrante-Fieber“ um sich. Gierig wurde von der Fangemeinde eine Fortsetzung nach der anderen vom Lebensroman der Freundinnen Lila und Lenù, deren Geschichte im Neapel der fünfziger Jahre beginnt, verschlungen. Auf den letzten Satz des letzten Bandes folgte 2014, für deutschsprachige Leser 2018, der kalte Entzug.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Natürlich müssen solche Bücher verfilmt werden, sie schreien geradezu nach Eingliederung in die mediale Verwertungskette; natürlich landen sie nicht im Kino wie vor noch gar nicht so langer Zeit die „Harry Potter“-Saga. Im Zeitalter der Streamingdienste ist es keine Frage, dass „Meine geniale Freundin“ als Fernsehserie zurückkehrt. Die italienische Rai und der amerikanische Sender HBO haben sich für dieses auf vier Staffeln angelegte Projekt zusammengetan. Sie haben den für seinen einfühlsamen Adoleszenzfilm „Die Einsamkeit der Primzahlen“ bekannten Regisseur Saverio Costanzo verpflichtet, Elena Ferrante als Beraterin des Drehbuchteams (Francesco Piccolo, Laura Paolucci sowie Costanzo) ins Boot geholt und sich ans Casting gemacht – mit dem hier alles steht und fällt.

          Bei den Darstellern der kindlichen Hauptfiguren haben sie die richtige Wahl getroffen. Ein Blick auf Ludovica Nasti – mager, dunkel, quecksilbrig in den Bewegungen, mit abgründig wissendem Blick – und Elisa Del Genio – größer, in sich ruhend, blond und wohlgefällig – genügt, um Raffaella, genannt Lila, die Tochter des Schuhmachers, und Elena, genannt Lenù, die Tochter des Pförtners, vor Augen zu haben, wie sie im Buche stehen. Mehr als zwei Episoden waren vorab nicht zu sehen, deshalb kann über den Verlauf der Serie mit den Schauspielerinnen, die die jugendlichen und erwachsenen Freundinnen spielen, nur gemutmaßt werden. Was in den ersten beiden Stunden deutlich wird, ist der Ansatz, den Costanzo wählt.

          Diese kulissenartig aussehenden Kulissen

          Er inszeniert Werktreue und entwickelt die Geschichte, wie es Elena Ferrante in ihren Romanen getan hat. Ein Anruf erreicht die alte Elena: Raffaella ist verschwunden, spurlos. Aus der Wut über das Sich-unsichtbar-Machen der anderen (das die Unsichtbarkeit der Ferrante spiegelt) entspringt bei Elena der Impuls, aufzuschreiben, was sie an gemeinsamen Erlebnissen erinnert. Aus diesem Akt literarischer Rekonstruktion erhebt sich die Stimme Lenùs (in der Originalfassung die Alba Rohrwachers) als die einer allwissenden Erzählerin, die über den Spielfilmszenen schwebt.

          Und dann zeigt sich das erste grundlegende Problem. Die Szenen spielen vor und in Kulissen, die dermaßen kulissenartig aussehen und so wenig nach den fotografisch wohldokumentierten neapolitanischen Armenvierteln der Nachkriegszeit, dass man sich fragt: Soll das die Konstruiertheit von Erinnerung symbolisieren? Oder überdrehen die Italiener mit den Amerikanern das Telenovelahafte, das die „Geniale Freundin“ lustvoll bedient und zugleich unterläuft? Ohne Schmutz auf den Straßen nützen Sepiafilter, Vignetten und das rußige Inkarnat der Schauspieler nichts, wenn atmosphärische Glaubwürdigkeit erzeugt werden soll. Das hier ist Theater. Die von den Balkonen krakeelenden Frauen beglaubigen es, als hätten sie sich an einem legendären Werbespot für das Parfum „Egoïst“ berauscht.

          Der Blick der Kamera saugt sich fest

          Wer gehofft hatte, dass Costanzo den Wettbewerb mit den Filmemachern des Neorealismo suchen würde oder mit Regisseuren wie Gabriele Salvatore, der in „Ich habe keine Angst“ eindrucksvoll eine Geschichte der Angst aus der Perspektive eines Kindes erzählte, wird enttäuscht. Und wo im Original „L’amica geniale“ Neapolitanisch und Italienisch miteinander kämpfen, regiert in der deutschen Synchronfassung die Normsprache. Das ist ein herber Verlust.

          Der Blick der Kamera (Fabio Cianchetti) saugt sich immer wieder an den Gesichtern der Mädchen fest: „Schau genau hin!“, fordert Lila, die Geniale, ihre Kameradin und die Zuschauer auf. Und in dem, was wie im Vorbeigehen registriert wird, zeigt sich mit voller Wucht die Tragödie des Südens, aus der die Mädchen sich mühsam auf dem Bildungsweg befreien wollen. Wie Costanzo das inszeniert, ist die größte Stärke der ersten Episoden.

          Etwas geht verloren

          Niemand redet von Mafia, aber dass Don Achille die Macht im Viertel hat, braucht keine Worte. Taten sprechen für sich. Ein Mann wird vor der Kirche gegen eine Wand geschleudert. Ein anderer vor einem Geschäft fast zu Tode getreten. Die Kinder stehen dabei. Brutalität beherrscht das Familienleben: Lilas Vater wirft sie aus dem Fenster. Elenas Mutter lässt ihren Mann die Kinder schlagen. Frauen sind noch erbarmungsloser als die Männer. Lila und Elena klammern sich, auch diese literarische Reminiszenz wird getreulich ausbuchstabiert, an Louisa May Alcotts emanzipatorischen Klassiker „Betty und ihre Schwestern“.

          Episodisch wird entwickelt, wie die Mädchen miteinander konkurrieren, einander weh tun, einander schützen im Massenauflauf der vielen Familien um sie herum. Costanzo kann auf überzeugende Schauspieler und Laiendarsteller zählen, dennoch wirkt sein neapolitanisches Stadtviertel seltsam leblos. Er wird wohl alle großen Themen der Vorlage – Armut, Familie, Freundschaft, Gleichberechtigung, organisiertes Verbrechen, sozialer Aufstieg – abarbeiten, kühl erzählend wie in den Romanen Elena, die Fleißige. Aber im Film geht darüber etwas verloren: die Faszination, die Raffaella, die Geniale, Unfassliche, weckt.

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