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Serie „Ein Hauch von Amerika“ : So sieht ahistorisches Nostalgiefernsehen aus

  • -Aktualisiert am

Kommen sich näher: George (Reomy D. Mpeho) und Marie (Elisa Schlott). Bild: ARD

Fräuleins und GIs: In der Serie „Ein Hauch von Amerika“ versucht die ARD, authentisch aus dem Nachkriegsdeutschland zu erzählen. Das Ergebnis ist niederschmetternd.

          3 Min.

          Kaltenstein im Jahr 1951, ein pfälzisches Dorf, das im Event-Sechsteiler der ARD, „Ein Hauch von Amerika“, zum Schauplatz westdeutscher Nachkriegsentwicklungen mit Aktualitätsanschluss bestimmt ist. Bürgermeister Friedrich Strumm (Dietmar Bär) und seine Frau, die fromme Anneliese (Anna Schudt), leben vergleichsweise gut. Zwar fiel einer der Söhne im Krieg, und Siegfried (Jonas Nay), der andere, ist weiter in Gefangenschaft, aber auch die begabte Tochter Erika (Franziska Brandmeier) könnte einmal das Erbe übernehmen. Vorerst tröstet man sich mit dem schönsten Haus im Ort (das vor wenigen Jahren anderen gehörte), lebt in Wohlstand und pflegt beste Beziehungen zu Colonel McCoy (Philippe Brenninkmeyer), dessen kunstsinnig inspirierte Frau Amy (Julia Koschitz) gerade erst aus Paris zugezogen ist und die Nase rümpft über die „German Krauts“.

          Das Wirtschaftswunder leuchtet

          Doch es geht voran, das Wirtschaftswunder leuchtet am Horizont. Für Amerika rückt der Konflikt mit dem „Iwan“ ins Zentrum, dafür braucht man auch den ehemaligen Gegner. Nach einer Kaserne soll jetzt noch ein US-Army-Krankenhaus gebaut werden, mit Strumm als Generalunternehmer. Schlechter getroffen haben es die ehemaligen Nachbarn, die Bauernfamilie Kastner, die zwischen rohen Holzmöbeln in schmutziger Kleidung anscheinend ohne Elektrizität ihr hinterwäldlerisches Dasein fristet. Der ruppige Vater Heinrich (Aljoscha Stadelmann), die sanfte Mutter Luise (Winnie Böwe), der versehrte, erst siebzehnjährige Vinzenz (Paul Sundheim) und Erikas beste Freundin, die Marie (Elisa Schlott), werden enteignet. Auf ihrem Grund soll das Krankenhaus entstehen. Und während die Familie gemeinsam die letzten Kartoffeln aus dem Boden klaubt, entdeckt Hündchen Dorle eine halb vergrabene Fliegerbombe. Als wäre die folgende Explosion nicht genug, fährt ein GI beim Panzerausfahren Leiterwagen und Ernte zu Bruch. Ob jemand verletzt sei, fragt GI George Washington (Reomy D. Mpetho).

          Bauchfrei beim Nahtanz: Erika (Franziska Brandmeier) bewegt sich im Mittelpunkt.
          Bauchfrei beim Nahtanz: Erika (Franziska Brandmeier) bewegt sich im Mittelpunkt. : Bild: ARD

          Zu diesem Zeitpunkt läuft „Ein Hauch von Amerika“ erst wenige Minuten (von einigen Stunden), aber es ist klar, wo die Reise geht. Durch ein steiniges Gelände von Vorurteilen und Rassismus, Emanzipation und Restauration hindurch in die kaum bessere Gegenwart. Für historische Mentalitäten nach der Nazizeit interessiert sich „Ein Hauch von Amerika“ allerdings nachrangig. Es gibt einige Nebenhandlungen, auf deren erzählerisches Abstellgleis die Autoren Johannes Rotter, Jo Baier, Christoph Mathieu und Ben von Rönne entsprechende Themen geschoben haben. Jonas Nay als Spätheimkehrer ist der gebrochene Soldat. GI George hasst er, weil er ihm nicht nur das Land, sondern die Liebste, die Verlobte Marie, nimmt. Erika rebelliert beim Tanz zu Swing und Rock ’n’ Roll (wie im ungleich überzeugenderen Mehrteiler „Kudamm ’56“), ihr Flirten als „Fräulein“ bringt ihr aber auch einen Erziehungsheimaufenthalt bei sadistischen Nonnen ein, die „gefallene Mädchen“ wie sie und Martha (Nina Gummich) quälen. Der neue Gastwirt Schwiete (Samuel Finzi) importiert die erste Wurlitzer-Musikbox, forscht insgeheim zur Deportation eines jüdischen Verwandten und engagiert einen Hitler-Imitator (Godehard Giese) zur Unterhaltung. Das sieht stellenweise fast nach Vorkriegs-„Cabaret“ aus und sorgt immerhin für einige Momente, die die grotesken Aspekte der Zeit einfangen (Bildgestaltung Gero Steffen, Regie Dror Zahavi).

          Die Vergangenheit wirkt behauptet

          Angekündigt ist „Ein Hauch von Amerika“ als „Chronik einer Zeitenwende“ und „facettenreiches Sittengemälde“ in einem „konfliktgeladenen Melodram“. Zu sehen aber sind Hauptfiguren, deren Vergangenheit vor allem behauptet ist. An den Figuren sind Propaganda und Gegenmaßnahmen scheinbar spurlos vorüber gegangen. Von Hitlers „Reichenberger Rede“ an die Jugend (1938, „Und sie werden nicht mehr frei sein ihr ganzes Leben“) bis zur „Reeducation“ hallt hier nichts nach. Aufnahmen, wie sie Alfred Hitchcock im Auftrag des Militärs zur Entnazifizierung anfertigte – zu sehen im Dokumentarfilm „Night will fall – Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen“ –, haben Marie, Erika und die anderen in keiner „Wochenschau“ gesehen. Im Filmpalast läuft stattdessen „Der Zauberer von Oz“.

          Und so wirkt „Ein Hauch von Amerika“ wie ahistorisches Nostalgiefernsehen mit Gegenwartsrohrpost: George ist schwarz, in der Army quälen ihn weiße Vorgesetzte, die N-Wörter benutzen und sich an sexuellen Stereotypen erregen. Bei der deutschen Bevölkerung lebt ein „rassisches“ Überlegenheitsgefühl fort. Katalysator der Haupthandlung wird die „unmögliche“ Liebe der zwei „Seelenverwandten“ George und Marie. Zwei Sprachtalente und Hochbegabte, er im Deutschen, sie im Englischen, zwei integre Kämpferherzen, zwei Visionäre, die einander als gleichwertig in die Augen sehen – selten gab es ein Paar mit mehr Gemeinsamkeiten.

          Das Auf und Ab ihrer Beziehung steht im Mittelpunkt dieser Nachkriegsvision, laut Senderverbund-Selbstlob „das fiktionale Highlight im Herbstprogramm der ARD“. Vor zwanzig Jahren sah historisches Eventfernsehen schon genauso aus. Allein die Portionierung der Folgen und die Untertitelung der Originalsprachen wirken zeitgemäß. Rassismus, Antisemitismus, Integration und Emanzipation sind und bleiben ungeheuer wichtige Themen. In dieser „Romeo und Julia auf dem Dorfe“-Variante aber werden sie nostalgisch-melodramatisch entschärft.

          Ein Hauch von Amerika, 20.15 Uhr, im Ersten

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