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Neue Staffel „Babylon Berlin“ : Gereon kam nur bis Babelsberg

Ein bisschen mehr als Freundinnen: Caro Cult und Liv Lisa Fries in „Babylon Berlin“ Bild: Die Verwendung ist nur bei redak

In der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ dehnen die Regisseure der Serie ihr historisches Panorama noch weiter aus: Es geht um den Aufstieg der Nazis, den Börsenkrach und den Niedergang der Republik.

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          Der Zusammenstoß von Fiktion und Geschichte ereignet sich in der vorletzten Folge der dritten Staffel von „Babylon Berlin“. Am 3. Oktober 1929 stirbt Gustav Stresemann, Außenminister der Weimarer Republik, im Krankenbett nach einem Schlaganfall. In „Babylon Berlin“ stirbt er in seinem Büro. Neben ihm steht Benno Fürmann als Kriminalrat Wendt, der stellvertretende Chef der Berliner Polizei. Als der am Boden liegende Stresemann flehend die Hand nach dem Schreibtisch ausstreckt, auf dem seine Herztabletten liegen, verweigert ihm Wendt das rettende Medikament. Er wartet, bis der Minister tot ist, dann ruft er einen Arzt. Das Ende der Republik hat begonnen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Eine Fernsehserie ist keine Dokumentation, und eine Romanserie ist kein Geschichtsbuch. Aber „Babylon Berlin“ hat sich bereits in seinen ersten beiden Staffeln so weit von den historischen Kriminalromanen des Kölner Autors Volker Kutscher entfernt, dass die Vorlage in der Verfilmung kaum noch zu erkennen war, und in Staffel drei dringt die Serie noch weiter ins Ungeschriebene, Unvorgedachte vor. Sie knüpft jetzt ihr eigenes Netz. Für die Erzählung, die es trägt, kann das eine Befreiung sein, aber auch eine Falle.

          Eine Szene wie aus der Apokalypse

          Der geschichtliche Hintergrund der ersten Staffeln wie des Buchs von Kutscher, auf das sie sich stützten, war der „Blutmai“ von 1929, die Unruhen in den Berliner Arbeitervierteln, bei denen dreiunddreißig Menschen durch Polizeikugeln starben. Der Hintergrund der dritten Staffel ist der Börsenkrach vom Oktober desselben Jahres, der bei Kutscher nur als fernes Beben vorkommt. Die Serie dagegen beginnt und endet damit, sie fasst die Geschehnisse mehrerer Tage in ein großes allegorisches Bild. Wolken wertloser weißer Zettel flattern von der Decke des Börsensaals, Männer erschießen oder erhängen sich, während Volker Bruch als Polizeikommissar Gereon Rath wie in Trance die Treppe zum Ausgang des Gebäudes hinabsteigt, vor dem die brüllenden Massen der Aktionäre warten. Im Schlussbild wird die Symbolik noch deutlicher, hier kann man der Katastrophe, die sich ankündigt, buchstäblich bei der Arbeit zusehen. Ein Illustrator der Johannes-Apokalypse hätte die Szene nicht schöner malen können.

          Die Falle, die im Selbstgestrickten liegt, ist weniger leicht zu erkennen. Kutschers zweiter Rath-Roman „Der stumme Tod“ handelte von einem Mordfall im Studio Babelsberg in der Übergangsphase vom Stumm- zum Tonfilm. Nebenbei wurden die Ermordung des SA-Manns Horst Wessel und die unsauberen Geldgeschäfte des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer abgehandelt, aber der Konkurrenzkampf um das Kino der Zukunft trieb die Geschichte voran. In „Babylon Berlin“ ist der Tonfilm schon durchgesetzt, aber das Kintopp-Musical, das hier gedreht wird, greift tief in die Mottenkiste des Expressionismus, es raunt von Gespenstern und Liebestod, während Fritz Lang in den Ufa-Ateliers schon Mondraketen starten lässt.

          Der Mörder greift zum Messer statt zur Spritze

          Der Anachronismus ist aber unvermeidlich, weil Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten, die Regisseure der Serie, mehr Geschmack an Telepathie und spiritistischen Sitzungen als an technischen Apparaturen haben. Sie verlegen die frühen Zwanziger, die Welt von Mabuse und Caligari, ins Jahr 1929, sie machen die Epoche zum Wunschkonzert.

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