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Neue Staffel „Babylon Berlin“ : Gereon kam nur bis Babelsberg

Und die Ausstattung tut es ihnen nach. „Babylon Berlin“ ist auch insofern ein Triumph des Produktionsdesigns, als die rationalistischen Aufbrüche der Zeit, die Suche nach Licht, Luft und geometrischen Formen, fast völlig ausgeblendet werden. Die Straßen, Kneipen und Hotels, die „Rote Burg“ am Alex und das Frauengefängnis in Tegel, das Fabrikantenschloss, in dem Alfred Nyssen (Lars Eidinger) seine fiesen Pläne schmiedet, die Dahlemer Villen und Wilmersdorfer Pensionen, sie alle passen ins Bild einer nach Untergang und Erlösung lechzenden Nation, das sich auf den Märkten des Audiovisuellen so gut verkaufen lässt. Auch der Mörder hat sein Kostüm bei Dumas und Hugo geliehen, er tötet mit dem Messer statt per Injektion wie sein Vorbild im Buch.

Dass Tykwer, Borries und Handloegten die Insulinspritze einer anderen, im Inneren des Polizeiapparats intrigierenden Figur in die Hand geben, ist typisch für die zentrifugale Strategie der Serie. Statt die Krimihandlung zu komprimieren, züchtet sie aus ihren Elementen immer neue Nebengeschichten. Eine davon ist die Familientragödie der Kriminalassistentin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die hier aus dem Berliner Lumpenproletariat stammt, eine andere die Moritat der aus Liebe zur Attentäterin gewordenen Greta (Leonie Benesch), die den zweiten Hauptstrang der neuen „Babylon“-Staffel bildet.

Mit all dem und den visuellen Möglichkeiten, die es eröffnet, lässt sich reichlich Sendezeit füllen, und durch Figuren wie den historisch verbürgten Anwalt Hans Litten oder die erfundene Generalmajorstochter Malu Seegers werden die privaten Schicksale geschickt an die zeitgeschichtlichen Richtungskämpfe angekoppelt. Dennoch gibt es keinen erkennbaren Grund, warum die dritte Lieferung der Serie zwölf statt acht Folgen umfassen musste. Jeder Kostümfilm spielt mit der Versuchung, sich in seinem Stoff zu verlieren. Die Autoren von „Babylon Berlin“ sind ihr teilweise erlegen. Während Kutschers Gereon-Rath-Epopöe mit jedem Buch ein Jahr vorrückt, stecken sie nach mehr als zwanzig Stunden Erzählzeit immer noch im Herbst 1929. Ihre Geschichte tritt auf der Stelle, sie weitet sich zum Panorama, statt sich zum Drama zu verdichten, und darin liegt bei aller Virtuosität im Detail ihr erstes großes Manko.

Das zweite ist die Figur des Helden. In den ersten Staffeln hatte Gereon Rath mit dem von Peter Kurth verkörperten Kollegen Wolter einen starken Gegenspieler und mit seinem Zittern ein markantes Stigma. Jetzt ist Wolter tot und das Stigma verschwunden, ohne dass die erlöschende Liebe zur Schwägerin Helga (Hannah Herzsprung) und das Techtelmechtel mit Charlotte dem Kommissar neues Leben einhauchen könnten. In manchen Szenen wirkt Rath wie ein Statist seiner eigenen Geschichte. Die Serie läuft Gefahr, ihr Zentrum zu verlieren. Sie sollte es schleunigst wiederfinden. Kutschers nächster Roman „Goldstein“ spielt im Jahr 1931. Die Zeit wird knapp.

Die dritte Staffel von Babylon Berlin beginnt heute um 20.15 Uhr bei Sky.

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