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Fünfte Staffel „Downton Abbey“ : Der Boden schwankt, das Haus steht noch

Bevor die Nebel fallen: Lady Mary (Michelle Dockery) geht wieder auf die Jagd. Bild: AP

Nichts währt ewig: In der vorletzten Staffel von „Downton Abbey“ blickt der Adel entsetzt nach Russland, das Personal liebäugelt mit dem Sozialismus - aber alle bewahren Haltung.

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          Von wegen, in Downton Abbey herrschen stets heile Welt und Realitätsflucht. In den Jahren von 1912, dem Beginn der Serie, bis ins Jahr 1924, die Epoche der gegenwärtigen Staffel, ändern sich die Zeiten gewaltig - und nicht zugunsten der adeligen Familie. Die Ländereien werfen immer weniger Geld ab, das Haus verschlingt Unsummen, die glamourösen Bälle werden seltener, man muss sparen, nicht zuletzt am Personal.

          Der letzte verbliebene Lakai Molesley (Kevin Doyle) bekommt das zu spüren und hetzt mit hektischen Flecken im Gesicht zwischen Silber, Schuhputzzeug und Frühstückstablett hin und her. Auch der Rest des Personals ahnt, dass es bald entbehrlich werden könnte. Küchenmädchen Daisy (Sophie McShera) nimmt sich eine Lehrerin, eine sozialistische obendrein, auf den Äckern entstehen Arbeitersiedlungen, und - wer hätte das für möglich gehalten! - die Labour Party stellt die Regierung. Für einige kommt das dem Untergang des Empire gleich. „Ich spüre, wie der Boden, auf dem ich stehe, anfängt zu schwanken“, sagt Butler Carson (Jim Carter). Aber er ist ja auch einer vom alten Schlag, dem kommt das Schwanken nicht wie die ersehnte Revolution vor, sondern wie ein zerstörerisches Beben.

          Die alten Gesten sind aber noch immer bestens eingeübt. Spricht im Radio der König, stehen alle vor dem Gerät auf - und bei der Nationalhymne stramm. Man kann diese Serie als guilty pleasure anschauen, als Seifenoper voller Neid und Liebe und Intrigen und Schicksalsschläge, aber man muss den Erfinder und Drehbuchautor Julian Fellowes dafür bewundern, wie es ihm gelingt, die Zeitläufe so in die Handlung einzuflechten, dass es nie aufgesetzt wirkt. Auch das erwähnte erste Radio in den heiligen Hallen von Downton Abbey wird nicht nur pflichtgemäß erwähnt, nein: Es wird eine kleine Geschichte um es herum gesponnen. Sie erzählt von der Nichte Lady Rose (Lily James), die um ein solches Gerät bettelt, der Tanzmusik wegen, von Lord Crawley (Hugh Bonneville), der solche neumodischen Fisimatenten strikt ablehnt - und dann, als man ihm steckt, der geliebte König halte im Rundfunk eine Rede, schließlich in den Kauf einwilligt. Was sogar der König gutheißt, das kann so schlecht nicht sein.

          Das Schöne an alledem ist, dass diese Serie in ihrer Form die zeitgenössische Literatur imitiert, die viktorianischen Fortsetzungsromane und die dreibändigen Schwarten, von denen die Leihbibliotheken überquollen. Dort ging es nicht weniger turbulent und schicksalsmächtig zu, im Gegenteil. Doch in der eskapistischen Literatur ändert sich die gute alte Zeit nie, sie bleibt der unveränderte Rahmen für Verwicklungen, die stets zum Guten führen. In der Serie jedoch findet Geschichte statt, und sie ist mehr als nur ein vages „Früher“, das Anlass bietet, alle hübsch einzukleiden. Nein, Sitten und Gebräuche wandeln sich: Die Eltern von Lady Rose, Lord Granthams Schwester und ihr Gatte „Shrimpy“, wollen sich sogar scheiden lassen. Das ist in dieser Welt der anständigen Versorgungsehen ein Skandal. Und Tochter Mary gestattet sich, einen Heiratsanwärter auf seine amourösen Fähigkeiten zu testen. Unerhört!

          Große Schicksalsschläge bleiben dem Zuschauer diesmal erspart

          Noch schlimmer dran als die britische Aristokratie ist die russische, denn im ehemaligen Reich des Zaren ist seit der Revolution Land unter. Die geflohenen Adeligen werden in einer Kirche verköstigt und schwelgen in Erinnerungen an Bälle im Winterpalast. Man sieht den elenden, vertriebenen Gestalten ihre Herkunft kaum noch an, und dennoch sind sie immer noch stolz genug, sich zornige Verachtung für Lady Roses jüdischen Verehrer zu leisten. Und eine der schönsten Geschichten rankt sich um einen russischen Prinzen, der einst mit Tante Violet (Maggies Smith) durchbrennen wollte, wie sie mit schelmischem Grinsen über eine Tasse Tee hinweg gesteht. Nun aber ist sie damit beschäftigt, Tante Isobel (Penelope Wilton) mit dem Richtigen zu verkuppeln. Nämlich nicht mit dem Langweiler. Was sie in ihrer gewohnt trockenen Art kommentiert.

          Auch in der fünften und - wie vor wenigen Tagen bekanntwurde: vorletzten - Staffel der Serie bleibt es also erwartbar unterhaltsam. Dass diesmal keine größeren Schicksalsschläge dräuen und Hauptdarsteller beseitigt werden, das ist für den treuen Zuschauer, der in der Vergangenheit einige Verluste zu verschmerzen hatte - den Tod von Lady Sibyl (Jessica Brown-Findlay) nehmen wir bis heute sehr, sehr übel -, eine willkommene Atempause. Und viel wichtiger sind ohnehin die kleinen Dinge, die Blicke, die Randbemerkungen, die Etikette, die Kleidung, das Haus. Sie spielen wie immer die Hauptrolle.

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