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Don Johnson wird Siebzig : Traurige Augen, tiefes Talent

In der Serie „Watchmen“ darf er als Polizeichef zeigen, was er kann: Don Johnson. Bild: Die Verwendung ist nur bei redak

Als Modepuppenpolizist Sonny Crockett wurde Don Johnson in den Achtzigern weltbekannt. Davor und im Spätwerk hat er gezeigt, dass er mehr will und kann, als auf ein Poster passt. Eine Würdigung zum Siebzigsten.

          3 Min.

          Bei seiner ersten seriösen Kinoleistung, einer der beiden Hauptrollen im Film „A Boy And His Dog“ (1975) von L. Q. Jones, ist Don Johnsons Spielpartner ein knuffiger Mischlingsrüde, mit dem er sich meist lautlos, nämlich per impliziter Gedankenstandleitung unterhält. Mehrfach brüllt Johnson, wenn Schnuffi ihn mit Worten oder Taten gereizt hat, die Tonspur voll, während seine Lippen fest geschlossen sind. Dabei schreit er wie verrückt mit den Augen; weil er weiß, in denen wohnt sein eigentliches Tiefentalent als Schauspieler. Danach ruht er sich aus, während der Abend über der Schuttwüste freundlich-warm vergilbt. Ein Löffelchen Wind strubbelt ihm die Frisur und dem Hund das schrabbelige Fell – so idyllisch geht’s bei K. Q. Jones in Amerika nach dem Atomkrieg zu.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn Johnson in „A Boy and His Dog“ doch mal physisch Krach schlägt, schimpft („fuzzy butt!“) oder gestikuliert, zuckt das ihm anvertraute Tier kein einziges mal zusammen, denn es ist wohlerzogen, außerdem ein Vollprofi und überdies sichtlich von dem athletischen und braungebrannten jungen Menschen fasziniert, der ihn da mal knuddelt, mal kritisiert und zwischendurch mit ihm gemeinsam aus der hohlen Hand frisches Popcorn mampft.

          „Miami Vice“ als Durchbruch und Unterforderung

          Kurz danach wurde Don Johnson in zeitgemäßen Klamotten und mit epochentypisch schlimmen Frisuren eins der Postergesichter der Achtziger, wegen „Miami Vice“, einer Serie, in der er nicht allzuoft zeigen durfte, dass er schauspielerisch mehr wollte und konnte, als auf so ein Poster passt. Im Februar 1987 allerdings ließ man ihn mit Helena Bonham Carter in der Episode „Theresa“ einen schmerzlichen Paartanz hinlegen, der sich auch auf einer Kinoleinwand nicht schlecht gemacht hätte: Sie spielt eine drogenabhängige Ärztin, die vor lauter Leid langsam verdampft, er den sie verzweifelt liebenden Polizisten Sonny Crockett, der sie aber nicht retten kann, und wenn er sich auf den Kopf stellt. Beide kommunizieren ihre gemeinsam Katastrophe vor allem mittels Augenbrauen und Blicken, sie mehr angegriffen und nervös, er eher hingebungsvoll selbstmordgefährdet.

          Ach ja, die Achtziger: Don Johnson als Sonny Crockett, der Ermittler mit ungesunder Vorliebe für rosa Oberteile.
          Ach ja, die Achtziger: Don Johnson als Sonny Crockett, der Ermittler mit ungesunder Vorliebe für rosa Oberteile. : Bild: Picture-Alliance

          Ach Gott, Don Johnsons Augen! Ihre Farbe, eigentlich Grünblau, glüht in Film und Fernsehen oft irgendwo zwischen Kastanie und ombre brûlé, und wenn er ausnahmsweise ein glückliches Gesicht macht, schmelzen in ihrem stillen Feuer Bronze, Kupfer und Gold ineinander – kein Wunder, dass man ihm in „Miami Vice“ häufig Reaktionseinstellungen zugemutet hat, bei denen er erschüttert gucken musste, weil jemand oder etwas kaputtgeschossen, überfahren oder in die Luft gejagt wurde. Das hat er so schön hingekriegt, dass man im Netz heute ein Mem findet, das den Inbegriff der lustvollen Erwartung einer Begegnung mit diesen wunderbaren Augen bebildert, die dann aber nicht stattfindet: Crockett nimmt die Sonnenbrille ab, unter der er jedoch eine weitere Sonnenbrille trägt, hinter welcher und so weiter.

          Sein von Leuten wie Quentin Tarantino („Django Unchained“, 2012) und zuletzt Damon Lindelof ermöglichtes Spätwerk zeigt den Gereiften nach unnötigen Ausflügen ins Gesangsfach und in den Vorabendkrimi („Nash Bridges“, 1996 bis 2001, nur für Fans) ausgeruht und ambitioniert;. wer noch nicht glauben wollte, dass Don Johnson seinen Hauptberuf liebt und beherrscht, muss es spätestens jetzt doch langsam einsehen. In Lindelofs „Watchmen“ singt er einer Abendgesellschaft, darunter seiner Gattin, ein rührendes, aber auch leicht dämonisches Ständchen vor, mit soviel seltsamer Grazie, dass selbst die großartige Regina King sich davon sichtlich bezaubern lässt, eine Ausnahmeschauspielerin, mit der Johnson als extrem zwiespältige Gestalt in dieser außergewöhnlichen Serie auch sonst ein paar Momente teilen darf, die das Äußerste an Spielvermögen aus ihm hervorlocken, wie ja überhaupt alle Kolleginnen und Kollegen, die mit Frau King spielen, fast immer ihr Bestes geben, um nicht aus der jeweiligen Szene zu kippen.

          Doppelbödigkeit vom Feinsten

          In S. Craig Zahlers nicht völlig makellosem, aber stellenweise mitreißend menschenfeindlichem Thriller „Dragged Across Concrete“ (2018) muss Johnson als Polizeifunktionär den beiden ihm untergebenen Idioten Mel Gibson und Vince Vaughn in ein paar fabelhaften Minuten erklären, dass sich die berufsmäßige Verbrechensbekämpfung mit rassistischen Übergriffen nicht beliebter machen kann, als sie von Haus aus ist. Er ermahnt seine beiden Knochenbrecher sichtlich missmutig, verzieht dabei den Mund, spielt mit einem Ring, hält sich an seinem Kinn fest und bringt generell zum Ausdruck, dass der Typ, den er verkörpert, am Liebsten nicht in dem Bürostuhl sitzen würde, auf dem er gerade herumruckelt.

          Endzeit mit Köter: Debüt „A Boy And His Dog“, 1975.
          Endzeit mit Köter: Debüt „A Boy And His Dog“, 1975. : Bild: Picture-Alliance

          Das Knifflige an einem doppelbödigen Part dieser Art ist ja, dass einer, der eine Person spielt, die aus nachvollziehbaren Gründen nicht ganz bei der Sache ist, dies paradoxerweise ganz besonders konzentriert tun muss, weil in derartigen Situationen das Missverständnis vermieden sein soll, der Schauspieler wisse nicht genau, was er hier eigentlich darstellt, nämlich einen Menschen, der die ihn umgebende erfundene Welt gerade dadurch glaubwürdiger macht, dass er sie nicht leiden kann, genau so, wie viele wirkliche Menschen die wirkliche Welt mit Recht nicht leiden können.

          Die zwei Blödmänner gucken ihn hilfesuchend an, während er sie geduldig zusammenfaltet. Er ist die Autorität, die ihre Köpfe aus der Schlinge ziehen könnte. Unverbindlich mault er: „You’ll survive“, ihr werdet es überleben. Das klingt, weil es so erkennbar herzlos hingesagt ist, schlimmer als jedes Todesurteil. Bravo. Heute wird Don Johnson siebzig Jahre alt.

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