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Serie „Y: The Last Man“ : Wenn nur die Frauen überleben

  • -Aktualisiert am

Der Letzte seiner Art: Ben Schnetzer als Yorick Brown Bild: Rafy Winterfeld/FX/Disney

Die Serie „Y: The Last Man“ beruht auf einem legendären Comic: Eine Seuche rafft alle Männer dahin, nur einer überlebt. Wie gestaltet sich die Welt, allein unter Frauen? Ist das die endgültige MeToo-Serie?

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          „Die beste Science-Fiction-Geschichte in Amerika“, urteilte einst der St. Louis Dispatch, „findet sich nicht im Kino oder im Fernsehen und nicht einmal im Bücherladen. Sondern in der Comicserie ,Y: The Last Man’.“ Stephen King meinte, dies sei der beste Comic, den er je gelesen habe.

          Jetzt ist dieser Comic-Klassiker als Fernsehserie verfilmt worden, und die Geschichte, die sich Brian K. Vaughan und die Zeichnerin Pia Guerra vor beinahe zwanzig Jahren ausgedacht haben, ist erstaunlich zeitgemäß: Sie imaginiert eine rätselhafte Plage, die alle männlichen Säugetiere – Träger eines Y-Chromosoms – auf dem Planeten dahinrafft, inklusive Embryonen und Spermien. Damit, so schrieb Vaughan in seinem Comic, sind 48 Prozent der Weltbevölkerung, aber auch 459 der Fortune-500-Manager und 99 Prozent der Landbesitzer weltweit dahin. Dazu fehlten plötzlich 95 Prozent der kommerziellen Piloten, Lastwagenfahrer und Schiffskapitäne in Amerika, 99 Prozent aller Mechaniker, Elektriker und Bauarbeiter, 85 Prozent aller Regierungsvertreter und hundert Prozent aller katholischen Priester, muslimischen Imame und orthodoxen Rabbis.

          Frauen regieren die Welt

          Die Statistik mag sich verändert haben, aber nicht grundlegend, wie die Chefproduzentin Eliza Clark im Branchenblatt Variety bemerkte: „Die überwältigende Mehrheit der Menschen in den meisten unserer Industrien sind Cis-Männer“, sagte sie. „Nur fünf Prozent der Lastwagenfahrer in den USA sind Frauen.“ Und so rutscht in ihrer Serie die Welt prompt ins Chaos – Flugzeuge fallen aus dem Himmel, Kraftwerke gehen vom Netz, die Versorgungsnetzwerke liegen lahm, als sämtliche Männer ihr Leben aushauchen.

          Alle bis auf einen: den jungen Entfesselungskünstler Yorick (Ben Schnetzer) nämlich, der sich außer mit schlechtbezahlten Auftritten damit durchschlägt, dass er sich von seiner Schwester Hero (Olivia Thirlby), einer Rettungssanitäterin, Geld schnorrt. Auch Yoricks Begleiter, ein männliches Rhesusäffchen namens Ampersand, hat überlebt.

          Übrig sind neben diesem Antihelden nach der Männer-Apokalypse lauter faszinierende Frauen: die unbedeutende Kongressabgeordnete Jennifer Brown (Diane Lane) etwa, die jetzt Präsidentin ist, weil die Machthierarchie über ihr mit Männern besetzt war; Agent 355 (Ashley Romans), die den letzten Mann auf der Welt beschützen soll; Dr. Allison Mann (Diana Bang), eine Genetikerin, die herausfinden könnte, warum Yorick überlebt hat, um das drohende Aussterben der Menschheit zu verhindern. Für Yorick gilt es indes, sich bedeckt zu halten. Denn neben denen, die für den letzten Mann hohe Summen bezahlen dürften, gibt es militante Gruppen, die die Ereignisse als „Reinigung“ wahrnehmen und diese vollenden wollen.

          Es gibt außerdem Figuren, die für die Serie dazuerfunden wurden: die Tochter des bisherigen Präsidenten, Kimberly (Amber Tamblyn, die für ihre Darstellung Ivanka Trump studierte), die vormalige Pressesprecherin des Präsidenten, Nora Brady (Marin Ireland), die über Nacht ihre Privilegien verliert, und Heros Freund Sam (Elliot Fletcher), ein Transgender-Mann, der sich neuen Anfeindungen in einer nun von Frauen regierten Welt ausgesetzt sieht.

          Sie ist jetzt Präsidentin: Diane Lane als Jennifer Brown
          Sie ist jetzt Präsidentin: Diane Lane als Jennifer Brown : Bild: Rafy Winterfeld/FX/Disney

          Da der Comic fünfzehn Jahre vor MeToo und der Salonfähigkeit abgedrehter Verschwörungstheorien entstand, sahen sich die Schöpfer der Adaption zu einigen Updates angehalten. Das führte offenbar zu Unstimmigkeiten. Schon 2013 war eine Kinoversion der Geschichte gescheitert. 2015 kündigte FX eine Fernsehversion an, die Produzenten gingen jedoch 2019 wegen kreativer Differenzen auseinander. Nun ist die Serie auf dem Streamingservice von FX bei Hulu zu sehen, in Deutschland läuft sie bei Disney.

          Auch an der nun vorliegenden Adaption scheiden sich die Geister. Viele beklagen, es fehle die verspielte Leichtigkeit des Originals, der Auftakt der Serie sei nichts als düster.

          Dabei ist sie nicht der x-te Aufguss eines postapokalyptischen Thrillers. Die Figuren sind interessant und genau gezeichnet, zudem herausragend gespielt, die Geschichte ist fesselnd. Die neue Präsidentin Jennifer Brown muss unter anderem entdecken, dass es noch eine andere Anwärterin auf den Posten gibt. Unterdessen arbeitet eine Handvoll israelischer Soldatinnen daran, dass die letzte „Spermienfabrik“ der Welt nicht den Arabern in die Hände fällt. Und dann ist da eine russische Agentin, die einen Kosmonauten von der ISS retten will. Dass die Serie die politischen Verwerfungen der vergangenen Jahre thematisiert, macht sie relevant. Der Auftakt ist vielversprechend.

          Y: The Last Man startet heute bei Disney+.

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