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Neue Serie „Dopesick“ : Die amerikanische Seuche

  • -Aktualisiert am

Er nimmt den Kampf gegen das vermeintliche Wundermittelt auf: Michael Keaton spielt den Landarzt Samuel Finnix. Bild: HULU

„Dopesick“ zeigt, wie die Gier eines Pharmariesen Millionen Amerikaner in die Schmerzmittelsucht trieb. Der Skandal dauert an, vor Gericht kamen die Verantwortlichen davon. Nicht in dieser Serie.

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          „Es ist Zeit, dass wir das Wesen des Schmerzes neu definieren“, sagt Richard Sackler (Michael Stuhlbarg) zum Auftakt der achtteiligen Serie „Dopesick“. Es ist das Jahr 1986, und die Familie Sackler und ihre Firma Purdue Pharma sind im Begriff, die „Epidemie des Leidens“, wie Richard Sackler sie als Folge einer medizinischen Ignoranz gegenüber chronischen Schmerzen ausmacht, durch eine andere Epidemie zu ersetzen, die mehr als eine halbe Million Amerikaner das Leben kosten und zur häufigsten unnatürlichen  Todesursache von Menschen unter fünfzig werden soll.

          Es ist eine Epidemie des Schmerzmittelmissbrauchs, die auf die Gier, die Lügen und die manischen Ambitionen der Familie Sackler sowie auf die korrupten Strukturen der amerikanischen Food and Drug Administration zurückgeht. Sie legt auch eine Version des amerikanischen Traums bloß, welche den persönlichen Profit über jedwede Erwägung individuellen oder gesellschaftlichen Wohls stellt.

          Ein Gift namens OxyContin

          Die Geschichte der Sacklers und des Schmerzmittels OxyContin ist schon vielfach erzählt worden, unter anderem von dem Dokumentarfilmer Alex Gibney in „The Crime of the Century“. Auch die Ermittlungen der Washington Post, die Erkenntnisse des New-Yorker-Journalisten und Buchautors Patrick Radden Keefe („Empire of Pain“) und die Recherchen des Pulitzerpreisträgers Barry Meier („Pain Killer“), auf die sich Gibney stützte, haben viel Licht auf den Hintergrund der Opioidkrise geworfen, ebenso Beth Macys Buch „Dopesick“, an das sich diese gleichnamige, fiktionalisierte Version der Ereignisse anlehnt.

          Danny Strongs „Dopesick“ – der Begriff beschreibt die Entzugserscheinungen von Abhängigen – erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Konsumenten, der Pusher, der Mittelsmänner und der Kämpfer gegen die sich entfaltende Katastrophe. Zu seinen Hauptfiguren zählen neben Richard Sackler der Landarzt Samuel Finnix (Michael Keaton, der selbst einen Neffen an eine Opioid-Überdosis verlor) in Virginia, seine junge Patientin Betsy Mallum (Kaitlyn Dever), den Pharmavertreter William Cutler (Will Poulter) sowie die Bundesanwälte Randy Ramseyer (John Hoogenakker) und Rick Mountcastle (Peter Sarsgard).

          Finnix ist Witwer, ein umgänglicher Typ, der seine Patienten persönlich kennt und dem nicht nur an ihrer körperlichen, sondern auch an ihrer seelischen Gesundheit liegt. Er gibt seinen Patienten Lebensrat und ist überhaupt eine solche Seele von einem Menschen, dass allein Michael Keatons schnörkelloses Spiel das Abgleiten in die Seifenoper verhindert. Aber Finnix fungiert hier als ein dringend benötigtes Licht in einer sozialen Landschaft, die von Schmerz und Leid durchwirkt ist – katastrophale Arbeitsunfälle, Verunsicherung, finanzieller Druck belasten die Menschen. Es ist ein fruchtbarer Boden für ein Schmerzmittel, das stärker als Morphium wirkt.

          Die Patienten sollen Schuld sein

          Wiewohl die Serie eine fiktionalisierte Version der Geschehnisse ist, stützt sie sich auf verbriefte Ereignisse; neben erfundenen Figuren wie Finnix und Betsy Mallum sind hier die echten Akteure des Dramas präsent: Richard Sackler, der in einer E-Mail von 2001 den Nutzern seiner Droge die Schuld für die Epidemie in die Schuhe schob: „Sie sind die Schuldigen und das Problem. Sie sind rücksichtslose Kriminelle.“ Der FDA-Zulassungsbeamte Curtis Wright, der OxyContin als harmlos einstufte – und der nach seinem Ausscheiden aus der Behörde einen hoch dotierten Job bei Purdue annahm („sieht aus wie Korruption, aber so funktioniert das System“, sagt in der Serie eine FDA-Beamtin). Die Bundesanwälte Ramseyer und Mountcastle, die den betrügerischen Machenschaften der Sacklers mit OxyContin auf den Grund gingen und sie zur Anklage brachten. Der Arzt Russell Portenoy (Shane Callahan), der sich von den Sacklers einspannen ließ, um OxyContin zu bewerben.

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