https://www.faz.net/-gsb-8oci8

„Dirk Gently“-Serie bei Netflix : Im Universum brennt noch Licht

Hier wird kein Ring gesucht, sondern ein Zusammenhang: Dirk Gently (Samuel Barnett, l.) und sein „Assist-Friend“ Todd (Elija Wood) tappen im Dunkeln. Bild: Bettina Strauss

Die Netflix-Serie „Dirk Gentlys holistische Detektei“ basiert auf den Büchern des legendären Science-Fiction-Anarchisten Douglas Adams. Sie hat überwältigend viel zu bieten. Nur kein britisches Understatement.

          3 Min.

          Die erzählerische Wundertüte explodiert schon nach wenigen Minuten mit ziemlicher Wucht vor den Augen des Zuschauers und gibt ein ganzes Universum an Geschichten, Figuren und Szenen preis, das mit einer solchen Lautstärke und Geschwindigkeit über den Bildschirm kreiselt, dass es einem glatt den „langen dunklen Fünfuhrtee der Seele“ aus der Tasse haut.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Heilige Überforderung, dein Name ist Douglas Adams. Unter den Verehrern des im Jahr 2001 verstorbenen britischen Schriftstellers ist man sich eigentlich einig, dass man dessen - zum Ende hin häufig durch drohende Abgabetermine immer etwas ausfransenden - Werke am besten und allein in schriftlicher Form verbreitet, um der Phantasie der Leser, sich Douglas Adams’ Welten auszumalen, freien Lauf zu lassen. Ganz gleich, wie groß der Bildschirm ist, er kann immer nur ein Guckloch sein, wenn es darum geht, Adams Geschichten aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ oder nun „Dirk Gentlys holistische Detektei“ zu präsentieren.

          Die gesamte Verzweiflung des Multiversums

          Aber auch ein Guckloch hat seinen Reiz, wenn dahinter die Post abgeht, und außerdem ist ja am Ende alles mit allem verbunden. Nur möge man nicht glauben, man habe es bei der Aufbereitung der Bücher um die „holistische“ Detektiv-Nervensäge Dirk Gently (Samuel Barnett) durch den Regisseur „Dean“ Parisot und den Autor Max Landis nur mit einer Serie kosmisch verwickelter Schnurren zu tun, die man bei Shortbread und Tee genießt. Es wird blutig, es wird reichlich gestorben und gebrochen wird das Ganze auf fast schon sarkastische Weise.

          Grandios ist das Karussell der Figuren, die vor allem in den Nebenrollen - jede für sich - wunderbar als Miniaturen funktionieren. Douglas Adams beschrieb seinen Typen-Reigen als „Geister-Horror-Wer-ist-der-Täter-Zeitmaschinen-Romanzen-Komödien-Musical-Epos.“ Im Ausschnitt, den die Serie wählt, begegnen wir zunächst Todd Brotzman. Er wird von Elijah Wood gespielt, der nicht die schlechteste Wahl ist, wenn es um Personen geht, in deren Gesicht sich die gesamte Verzweiflung des Multiversums spiegeln soll.

          Entsetzlich grell und unvergleichlich

          Todd hat einen schlechten Tag: Sein Vermieter, ein kontinuierlich schreiender Mann mit einen Hammer in der Hand, fordert die Miete. Im Hotel, in dem Todd als Page arbeitet, herrscht im Penthouse endzeitliches Chaos. Es gibt mehrere Tote - darunter ein bekannter Millionär -, einen zertrümmerten Konzertflügel sowie rauchende Bissspuren in der Decke, die angeblich zu einem Hammerhai passen. Eine schwarze Katze spielt ebenfalls eine Rolle. Derweil wird ein Mädchen vermisst, bei dem es sich um die Tochter des Millionärs handeln soll. Als Todd seinen Job verliert - weil ein Page unter Tatverdacht dem Ruf des Hotels schadet -, taucht schließlich derjenige auf, um den alles zu rotieren scheint: Dirk Gently.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Dieser ist nicht nur für den armen Todd ein ausgemachter Plagegeist, der aus dem Nichts in seiner Wohnung auftaucht und Todd kurzerhand zu seinem Assistenten, „assist-friend“, erklären will, sich aber erst einmal eine fängt. Alles an dieser Dirk-Gently-Version ist entsetzlich grell und kaum zu vergleichen mit jenem verschrobenen Dirk, den Stephen Mangan in dem Vierteiler „Dirk Gently“ (2010 bis 2012) für die BBC verkörperte. „Dirk 2016“ trägt hochgeschlossene Lederjacken in Gelb bis Grün, darunter Hemd und Krawatte, fährt einen türkisfarbenen Supersportwagen und redet ohne Unterlass. Das wäre alles halb so wild, wenn Samuel Barnett, gefeiert für seine Theaterrollen, die Figur nicht bis in den kleinsten Augenaufschlag als Kopie der Serienfigur Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“ präsentierte. Sei’s drum, er ist das notwendige Übel und der Kontrast zu Todd Brotzman.

          Besser, der Zuschauer hält sich fest

          Gentlys Verständnis von Detektivarbeit ist es, sich dem natürlichen Fluss allen Seins um ihn herum zu überlassen, mit geringfügigen Kurskorrekturen, sobald er spürt, dass es Verbindungen zwischen Dingen gibt, die dem normalen Betrachter verborgen bleiben. Dann wird ihn die „Verbundenheit aller Dinge“ schon zur richtigen Zeit an den richtigen Ort bugsieren. Das funktioniert soweit auch nicht schlecht. Doch an die Fersen des ganzheitlichen Detektivs und seines Assistenten wider Willen heften sich bald weitere Ausnahmeerscheinungen: ein ungleiches Duo, das zu einer mysteriösen Spezialeinheit namens „Blackwing“ gehört, eine Gruppe kräftiger, kahlköpfiger Männer mit Ganzkörper-Kandinsky-Tattoos, die schwere Stiefel tragen und eine Vorliebe für elektrisierende Armbrüste hegen, ein Rowdy-Quartett in einem heruntergekommenen „A-Team“-Bus, das sich „Rowdy 3“ nennt, zwei Ermittler, FBI-Agenten und nicht zuletzt Bart Curlish (Fiona Dourif).

          Letztere ist eine „holistische“ Killerin, deren Opfer ihr vom Universum über den Weg geschickt werden. Sie soll Dirk Gently erledigen, weiß allerdings nicht, wer das eigentlich sein soll. Als Bart Curlish dann in Ken (Mpho Koaho) einen ebenso verzweifelten Assistenten wider Willen findet, wie es Todd für Dirk Gently geworden ist, und sie miteinander die gleichen Dialoge führen, offenbart sich die Synchronizität dieses Adams-Universums in einer Ying-Yang-Kombination aus weißer Mann mit weißem Helfer und weißer Frau mit schwarzem Helfer. Recht übersichtlich also.

          Besser, man hält sich als Zuschauer fest: Das Erzähltempo ist hoch, die Schnitte sind kurz und schnell und hart, die Musik ist verstörend. Die Regie hat es auf Überwältigung angelegt, und das zerstört mitunter das lakonische Element. Dennoch bringen vor allem die weiblichen Charaktere einen geerdeten Humor in die Serie, ohne dass die Spannung nachließe. Diese Mischung aus elektrisierter Albernheit und tödlichem Ernst muss man mögen. Aber letztlich ist ja beides immer schon eng miteinander verbunden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Geduld der Amerikaner werde getestet, sagte Präsident Donald Trump.

          Corona-Krise : Trump schwört Amerika auf Tragödie ein

          Wie bereits in China baut nun das Militär in den Vereinigten Staaten temporäre Coronavirus-Spitäler auf. Die Regierungsprognosen für die Anzahl an Virustoten ist niederschmetternd.
          Auf sich allein gestellt: Migranten im spanischen Lepe

          Asylbewerber ohne Hilfe : Nach Spanien kommen kaum noch Migranten

          Vor der Corona-Krise landeten zeitweilig nirgendwo in Europa so viel Migranten wie in Spanien. Jetzt kommen nur sehr wenige. Die 120.000 Asylbewerber, die sich bereits im Land befinden, sind nun auf sich allein gestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.