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ZDF-Sitcom „Eichwald, MdB“ : Wer diesen Abgeordneten wählt, mag auch fettreduzierten Käse

  • -Aktualisiert am

Er hat nichts im Griff, und das so richtig: Hajo Eichwald (Bernhard Schütz). Bild: ZDF und MAOR WAISBURD

Willkommen im „Bodensatzclub“ der „Zwergenmandate“, die es gerade so eben in den Bundestag geschafft haben: Im ZDF läuft die zweite Staffel der fabelhaften Politcomedy „Eichwald, MdB“ an.

          Sitcom, Trauercomedy, Politcomedy – im komischen Fach tut sich das deutsche Fernsehen im Vergleich zur internationalen Konkurrenz, schwer. Aus situationsgetriebener Satire wird hierzulande schnell Klamauk. Bestatter zum Haareausraufen gibt es in „Heiter bis tödlich“-Krimis insbesondere an der Küste im Dutzend billiger, und wenn man sich schon mal in den Gängen des Bundestags tummelt, dann geht es schief wie in der ZDFneo-Produktion „Lobbyistin“, die mit Rosalie Thomass immerhin gut besetzt war.

          Dabei gibt es grandiose Vorbilder und gelungene Adaptionen. Der britische Komiker Ricky Gervais schenkte dem deutschen Fernsehen nicht nur „Stromberg“, über den Umweg seines Originals „The Office“, er inspiriert mit der Hinterbliebenen-Serie „After Life“ (Netflix) gerade Anke Engelkes neues Serienprojekt. In „Veep“ verkörpert Julia Louis-Dreyfus eine verpeilte amerikanische Vizepräsidentin. Die BBC-Politsatire „The Thick of It“, beschreibt die Machenschaften der Büros britischer Regierungshinterbänkler als eine Art beschränkter Korridordiplomatie. So etwas, hört man aus hiesigen Sendern, funktioniere in Deutschland nicht. Es fehle das Publikum.

          2015 wirkte die Polit-Sitcom „Eichwald, MdB“ wie ein gallisches Dorf im Römergebiet – unterschätzt, aber schwer zu schlagen. Der abgehalfterte Bundestagsabgeordnete Hajo Eichwald, seit drei Jahrzehnten als „Genosse der Kumpels“ Vertreter seines Bochumer Wahlkreises und ebenso lange von einer Spindoktoren-Kalamität in die nächste gestolpert, ausgebremst, von fähigeren Kollegen in den Schatten gestellt, Integration mit Intrige verwechselnd.

          Kurzum: einer der unfähigsten Volksvertreter, die der Bundestag je gesehen hat, bekam von der Fraktionsvorsitzenden Birgit Hanke (Maren Kroymann) stets die unbeliebtesten Ausschüsse zugeteilt, startete Kampagnen, die sich als Rohrkrepierer erwiesen oder den Dreh bekamen, der ihn als Loser dastehen ließ, und war trotzdem nicht vom Stuhl zu sägen: jeder Bevölkerung die Abgeordneten, die es verdient.

          Zögern, Zaudern, „Selbstbeschäftigung statt Problemlösung“ als politisches Überlebenselixier. Schon die erste Staffel war grandios. Im Chaosbüro sorgten die wissenschaftlichen Mitarbeiter, der alte Weggefährte Berndt Engemann (Rainer Reiners) und der nassforsche Social-Media-Spezialist Sebastian Grube (Leon Ulrich) für unterirdische Steilvorlagen, während Julia Schleicher (Lucie Heinze), in den neuen Folgen als hochschwangere Arbeitskraft ausgebeutet, als Büroleiterin den Laden am Laufen hielt.

          Der Witz dieser Sitcom beruht auf anlassgetriebener Situationskomik. Die kurze Aufmerksamkeitsspanne des Protagonisten Eichwald ist Programm (Buch Stefan Stuckmann, Regie Fabian Möhrke, Kamera Tim Kuhn). In der zweiten Staffel ist Bernhard Schütz wieder unser aller Hajo Eichwald, die Zechen im Ruhrgebiet sind lange geschlossen, die Zeit als Sprachrohr der Kumpels ist vorbei.

          Die Themen setzen andere, vor allem der Politikstil ist ein anderer geworden. Nun bestimmen Politinfluencer und Framing-Coaches das Geschehen. Hauchdünn nur hat Hajo seinen Bochumer Wahlkreis gewonnen. Er muss mit den anderen „Zwergenmandaten“, der „Zombieconnection“, auch „Bodensatzclub“ genannt, zum Fehleranalyse-Workshop bei einer Harvard-Sprachwissenschaftlerin (Katharina Marie Schubert). Das Ergebnis ihrer Auswertung: Menschen, die Eichwald liken, interessieren sich auch für die Band Silbermond, fettreduzierten Streichkäse, alkoholfreies Bier, Filmmusik auf CD und Dieter Nuhr. (Pseudo-)Wissenschaftlich betrachtet: Risikoaverse Gruppen stehen auf Eichwald. Die Wählerwanderung zeigt Massierungen beim rechten Youtuber, dem Politinfluencer „The Flow“, der sich „Hanswurst“ Eichwald als Lieblingsfeind ausgesucht hat. Wie wird dieser reagieren? Mit dem bewährten System: gar nicht. Außerdem ist der Dopingskandal im Fußball doch irgendwie wichtiger.

          Die zweite Staffel von „Eichwald, MdB“ geht, mehr noch als die erste, dahin, wo es im Politbetrieb gerade im Argen liegt. Sie ist Satire auf der Höhe der Zeit. Sie sollte ihr Publikum, dass es bei uns ja angeblich gar nicht gibt, finden.

          Eichwald, MdB, am Freitag um 22.30 Uhr im ZDF

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