https://www.faz.net/-gsb-9yvg9

ZDFneo-Serie „Deutscher“ : Wir haben uns entzweit

  • -Aktualisiert am

Die beiden Familien, deren Geister sich scheiden. Bild: ZDF und Martin Rottenkolber

Die Miniserie „Deutscher“ spielt durch, wie es wäre, wenn Rechtspopulisten die Bundestagswahl gewännen. Sie blickt aus der Gartenzaunperspektive auf die politisch gespaltene Gesellschaft. Trotz hohen Niedlichkeitsfaktors ist das durchaus überzeugend.

          3 Min.

          Man lasse sich nicht täuschen: Dass die Umfragewerte für die Rechtspopulisten gegenwärtig fallen, weil sich zeigt, wie wenig ihr hohler Nationalismus für die Bewältigung einer echten Krise taugt und wie trostlos die von ihnen herbeigesehnte Welt der abgedichteten Grenzen wäre, heißt nicht, dass der Angriff auf die demokratische und vielfältige Gesellschaft abgewehrt wäre. Anderswo gehen autokratische Regime gestärkt aus dem Ausnahmezustand hervor. So wirkt das von der umtriebigen ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ vor zwei Jahren in Auftrag gegebene und nun auf ZDFneo gesendete Serienexperiment, das die Erringung der absoluten Mehrheit in Berlin durch eine Rechtsaußenpartei zur Basisannahme macht, immer noch aktuell.

          Das Konzeptuelle ist der von Stefan Rogall erdachten Familienerzählung, die aus der Gartenzaunperspektive auf die politische Spaltung im Land blickt, fest eingeschrieben. Diese Dimension nicht zu verleugnen, sondern keck zu betonen ist eine absolut richtige Entscheidung der beiden jungen Regisseure Simon Ostermann und Sophie Linnenbaum.

          So wird die horizontale Spiegelachse neben einem quasi endlosen Sommer und den Insignien eines wohlstandsvergessenen Kleinbürgertums (Ligusterhecken, Markisen, Garagentore, alles in meditativer Gleichförmigkeit) zum ästhetischen Zentralprogramm der hervorragend besetzten und gespielten Kleinserie „Deutscher“. Die Häuser der Familien Schneider und Pielcke – jeweils Vater, Mutter, Sohn – stehen nicht nur Seite an Seite (die Garagen berühren sich fast zärtlich), sondern sehen bis auf Farbe und kleinere Details auch weitgehend gleich aus. Ein förmchengebautes Sandkastendeutschland.

          Wir werden nun Zeuge, wie sich am Wahlabend ein Riss zwischen den befreundeten Nachbarn auftut, der bald zur Kluft wird. Dass die Familien etwas holzschnittartig überzeichnet sind – hier die politisch besorgte liberale Akademikerfamilie mit dem liebevoll seine Füße eincremenden Lehrer Christoph (Felix Knopp) und der rechtschaffenen Apothekerin Eva (Meike Droste); dort der ständig grillende, intellektuell schlichtere, aber herzliche Handwerker Frank (Thorsten Merten) samt der ihn unterstützenden Ehefrau Ulrike (Milena Dreißig) –, lässt sich verschmerzen, weil alle ihre Rollen mit Bravour ausgestalten. Während die Männer sich in ihren Meinungen einrichten, pflegen die Frauen eine Beziehung zueinander, die zwischen Vorwürfen und glaubhafter Empathie pendelt.

          Zum verbindenden Element werden die engbefreundeten Söhne David Schneider (Paul Sundheim) und Marvin Pielke (Johannes Geller), die sich in pubertärem Abgrenzungsverhalten gleichermaßen von ihren Eltern abschotten. Obwohl sie einander zu stützen scheinen wie die beiden Garagen, zieht auch in ihr Verhältnis eine gewisse Sprachlosigkeit ein, nachdem ein Brandanschlag auf den türkischen Imbiss, der dem Vater von Davids Freundin Cansu (Lara Aylin Winkler) gehört, die Schülerschaft zunehmend polarisiert. Pielkes Lehrling Olaf (Junis Marlon), ein stramm rechter Gesell, nimmt sich Marvins an. David wirkt verloren, entzieht sich allen Loyalitäten.

          Man kann verstehen, dass die aufs Exemplarische abhebende Erzählung Zuspitzungen nach „Lindenstraße“-Muster sucht; nach dem Brandanschlag wird aus dem türkischen Burgerladen gar ein „Schnitzelparadies“. Trotzdem lenken die allzu plakativen Motive – in der Schule werden Klassen nach Rassen separiert; die verkappt rassistische Apothekenbesitzerin entlässt den türkischstämmigen Mitarbeiter, der nebst Eva von einem Mob verprügelt wird; die Schüler mit Migrationshintergrund dealen und pfeifen auf Regeln – vom eigentlichen Verdienst der Serie ab.

          In den besten Szenen nämlich geht sie den wachsenden Irritationen, Verletzungen und Vorurteilen innerhalb der feinverästelten Freundschaft der Nachbarn nach. Man erkennt, wie subtil (und fatal) Ressentiments und Überheblichkeit in den Alltag einsickern. Ähnliche Zerfallsprozesse ließen sich zuletzt in Trumps Amerika oder dem von der Brexit-Debatte zerrissenen Großbritannien beobachten.

          Vorhalten kann man dem Vierteiler allenfalls, dass er in die Niedlichkeitsfalle tappt, denn die Protagonisten sind allesamt so sympathisch gezeichnet, dass das Bösartige vor allem von außen einbricht. Es verwundert kaum, dass nach einer aufgesetzt wirkenden Maximaleskalation alles auf Versöhnung hinausläuft. Etwas weniger Sonnenschein, dafür mehr Realismus im Abgang, wäre kein Fehler gewesen, aber auch so ist dieses unterhaltsame Stück alltagspolitisches Fernsehen eine glänzende Mikroanalyse: Wir sehen dabei nicht nur, wie die politische Nationalismus-Epidemie aufs Private durchschlägt, sondern auch, wie die Antikörper entstehen können, die uns gegen dieses gesellschaftsvergiftende Virus schützen.

          Deutscher läuft in Doppelfolgen heute und morgen, um 20.15 Uhr, auf ZDFneo.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konfrontation: ein Demonstrant steht in Washington der Polizei gegenüber

          Polizeigewalt in Amerika : Weil sie es können

          Angesichts des Todes von George Floyd fragen sich viele abermals, warum amerikanische Polizisten oft so brutal vorgehen. Vorschläge zur Reform gibt es genug – aber noch zahlreicher sind die Anreize zu Gewalt und Schikane im Justizsystem.
          Flugzeuge am Frankfurter Flughafen

          Luftverkehr : Drehkreuze im Wettbewerb

          Das Rettungspaket für die Lufthansa sorgt bei Aktionären für Erleichterung. In Italien schaut man besonders auf die deutsche Fluggesellschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.