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„Die Welle“-Serie bei Netflix : Extinction Rebellion für Dummies

  • -Aktualisiert am

Das ist kein Karneval: Die „Welle“-Gang im Einsatz. Bild: Netflix

Dennis Gansel hat für Netflix aus seinem Film „Die Welle“ eine Serie gemacht. Die Geschichte von fünf aufbegehrenden jungen Leuten nimmt eine andere Richtung als die Vorlage. Und erstickt an verquastem Revoluzzer-Pathos.

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          Der kalifornische Geschichtslehrer Ron Jones hat in der Tat eine Welle gestartet, und zwar publikationstechnisch. Sein „Third Wave“-Sozialexperiment vom April 1967, das Schülern die Verführungskraft einer faschistoiden Bewegung nahebringen sollte, goss er zunächst selbst in Buchform, 1981 wurde es für den amerikanischen Sender ABC verfilmt und von Morton Rhue in den angeschärften Roman „Die Welle“ umgearbeitet, eine verbreitete Schullektüre, die zu Theateradaptionen führte. Ins deutsche Kino brachte Regisseur Dennis Gansel den Stoff im Jahr 2008, wobei er mit Jürgen Vogel als Darsteller des undurchsichtigen, vom eigenen Experiment berauschten Lehrers einen Volltreffer landete. Die Schüler in diesem Film waren genervt vom Schulstoff Nationalsozialismus, nicht weil sie politisch einen Schlussstrich unter die Schulddebatte ziehen wollten, sondern aus Überdruss an einem Thema, das angeblich keine Gegenwartsrelevanz habe.

          Jetzt scheinen die Wellenreiter selbst des Themas überdrüssig geworden zu sein. In der neusten filmischen Adaption, für die Gansel als ausführender Produzent verantwortlich zeichnet – Chefautor ist Jan Berger; Regie führten Anca Miruna Lazarescu und Mark Monheim –, geht es nicht mehr darum, zu zeigen, wie leicht eine totalitäre, rassistische Führer-Ideologie wieder Fuß fassen könnte. Stattdessen haben wir es mit einer anarchischen Sponti-Rebellion der Generation Greta zu tun. Die rechte Gefahr kommt durchaus vor, aber nur als eine der gesellschaftlichen Missstände, gegen die die Jugendlichen aufbegehren. Mit der Betäubung des Spitzenkandidaten (Stephan Grossmann), einer bis zur Kenntlichkeit verfremdeten Partei, die hier NfD heißt, geht es los. Wir erfahren später, was die maskentragende Gruppe, die sich „Die Welle“ nennt, mit dem Entführten vorhat.

          Wie alle Aktivisten müssen die pubertären Protagonisten die Gewaltfrage für sich klären. Führt ein abschüssiger Weg vom Idealismus zum Terror? „Wir stellen alles in Frage“, heißt es zu Beginn martialisch aus dem Off: „Ihr hattet alle genug Zeit – und habt sie verschwendet.“ Tiefsinniger wird die politische Analyse nicht mehr. Es ist eine Revolte ohne theoretischen Unterbau, ein zielloses Umsichschlagen, das gegen Immobilienhaie ausholt, Schlachthöfe, SUVs, Flüsse vergiftende Papierfabriken, sexistische Werbung und Plastikbenutzer. Freilich fällt den Beteiligten nicht auf, dass es klimaschutztechnisch nicht die beste Idee ist, Bier ausschließlich aus Dosen zu konsumieren. Auch auf Handys würde hier niemand verzichten.

          Auf der Lauer: Die fünf selbsternannten Rebellen planen ihre nächste Aktion.

          Im Zentrum steht ein geheimnisvoller Neuzugang am gelangweilt durchs Digitalzeitalter driftenden Gymnasium von Meppersfeld, kein Lehrer diesmal, sondern der offenbar angstfreie Schüler Tristan (Ludwig Simon), ein Freigänger, der kurz vor der Entlassung aus der Jugendhaft steht. Er kennt sich bestens aus in Geschichte wie im Schlösserknacken, spricht Arabisch, spielt Klavier, hat ein Muttertrauma und macht auf dicke Hose: „Ich war im schwarzen Block in Hamburg mit dabei, selbst die Bullen hatten Schiss vor uns.“ Als Charismatiker bindet er schnell vier Mitschüler an sich: die gemobbte Zazie (Michelle Barthel), die sich zu einer Kriegerin entwickelt, den von Stumpfnazis verfolgten Rahim (Mohamed Issa), den schüchtern-dicken Hagen (Daniel Friedl) und die nicht so recht zu diesen Außenseitern passende Luxusbiene Lea (Luise Befort), die sogleich in Tristan verschossen ist, zackig den spießigen Juristenfreund abserviert, ihre Designerklamotten zum Altkleidercontainer schleppt und sich zum konkurrierenden Alphatier der Gruppe entwickelt. Im Gegensatz zu Tristans Plan einer konspirativen Guerillatruppe versteht Lea die Welle als große Mitmachbewegung, die ihre Aktionen im Netz bekanntgibt: Revolutionäre Zellen versus Extinction Rebellion, so in etwa (und alles etwas naiver).

          Dieser Konflikt an sich ist durchaus spannend und gut gespielt. Protest und staatliche Gegenwehr (Robert Schupp als fieser Polizist) schaukeln sich hoch. Auch die Teenie-Liebesdramen gehen in Ordnung. Was sich ruinös auswirkt, ist das flunderplatte Drehbuch voll unsäglicher Dialoge („Das kann ja wohl nicht wahr sein, dass ihr hier den Arbeitgeber verprellt“), dem die Regie nichts entgegensetzt. Klischeehaft überzeichnet sind fast alle Figuren: Reiche tragen Hemd, spielen Tennis und stehen am Thermomix; Arme schauen bedrückt, weil sie von Ausbeutern über den Tisch gezogen werden; Rechte grölen „Heil Hitler“.

          Plötzlichen Wandlungen fehlt psychologisch jede Glaubwürdigkeit: einen unterbezahlten Wachmann („bei meinem Hungerlohn!“) überzeugt während einer Kaufhausaktion gar die Belehrung, die entwendeten Edelklamotten würden ansonsten vernichtet, um den Preis zu halten.

          Zu diesem Subtilitätsniveau des Agitprop-Straßentheaters kommt eine in der Mottenkiste gefundene Begrifflichkeit. „Bonzen“ heißen die Wohlhabenden, „Machen statt Labern“ fordert die Jugend und „Viva la Revolución!“ lautet die Losung, so als hätte Rezo ein antikapitalistisches Manifest des SDS in leichte Sprache übersetzt und mit Sparkassenwerbungsrhetorik abgeschmeckt: „Was würdest du riskieren? Für deine Ideale?“ Es ist ein sehr deutsches Produkt geworden, diese sechste deutsche Netflix-Serie: ironiefrei, hölzern, pathostriefend, ranschmeißerisch und harmonieversessen. Mutiger wäre etwa ein Blick auf oder in die Identitäre Bewegung gewesen, wobei ein auf Stelzen daherkommender Oberflächenrealismus nicht ausgereicht hätte. So muss man konstatieren: Die Welle ist nach einem halben Jahrhundert endgültig verebbt.

          Wir sind die Welle, ab sofort bei Netflix

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