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DDR-Serie „Weissensee“ : Stasi-Schurken und andere Katastrophen

Die Wahrheit, die uns täuscht: Am Ende bleibt nur die Familie, ihr entkommt keiner. Bild: ARD/Frederic Batier

Deutsche Familiensaga: Die vierte Staffel von Friedemann Fromms phänomenaler Serie „Weissensee“ handelt vom ersten Jahr der Einheit. Deutschland wird Weltmeister. Und auf der Straße wird scharf geschossen.

          3 Min.

          Erstaunlich, wie viele Waffen in dieser vierten Staffel der Kultserie „Weissensee“ nicht nur auftauchen, sondern auch benutzt werden. Ganz so, als sollte das Bild von der friedlichsten aller Revolutionen korrigiert werden. Es stimmt zwar, die Zahl der sogenannten Waffenträger von SED-Gnaden war wesentlich höher als angenommen, und längst nicht alle Pistolen wurden eingezogen. Aber geschossen wurde halt selten, sogar in diesem verrückten Jahr 1990. Sei es drum, das Drama um die Familien Kupfer (hochrangige Stasi-Kader, also überwiegend schuftig) und die dissidentischen Hausmanns (in Staffel vier nur noch durch Enkel vertreten) hätte so viele blutige Hochspannungsverstärker nicht gebraucht. Die Umstürze dieses Jahres, eine Hochzeit für Nepper, Schlepper und Bauernfänger – jedenfalls im Fernsehen – und seltener für Menschen, die ohne Stasi- und SED-Seilschaften in ihr zweites, richtiges Leben starten, reichten allein schon aus.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die DDR ist weg, dank Mauerfall und klugem Volk, ihr Führungspersonal jedoch nicht. Dessen grandios schreckliche Anpassungsleistungen ans neue kapitalistische System treiben den Politthriller voran und vermitteln den Eindruck, Skrupellosigkeit und Verrat, Gier und Machtinstinkt seien allemal das beste Rüstzeug für diesen Aufbruch gewesen. Die Edlen, die Guten haben es immer noch schwer. Vera Kupfer (Anna Loos), Ex-Ehefrau des schurkischen Kupfer-Sohnes Falk, kandidiert für das Neue Forum und verliert die Wahl, nimmt resigniert eine Stelle bei der Treuhand an, wo sie vergeblich versuchen wird, den reißenden Strom aufzuhalten, der den Osten deindustrialisiert und Monat für Monat Zehntausende Arbeiter und Bauern in eine höchst ungewisse, weil arbeitslose Zukunft entlässt.

          Das alles ist hochdramatisch inszeniert, und wäre nicht das familiäre Band, man könnte den Überblick verlieren. Martin Kupfer (Florian Lukas), der Gerechte, ehemals Volkspolizist, dann Arbeiter in der Möbelfabrik, löst sich fast von der Familienbande. Er steigt zum Betriebsleiter auf, will das sinkende Schiff, seine Fabrik, retten und scheitert. Am Tempo der Wiedervereinigung, am windigen Berater aus dem Westen, der mit dem schließlich dank Treuhand-Schwägerin Vera erstrittenen Rettungskredit verschwindet. Das ist großartig gespielt und wäre noch wirkungsvoller, hätte man auf Zitate, die historischen Analogien mit hungerstreikenden Kollegen und den Straßenblockaden der düpierten Bauern samt deren Vieh verzichtet.

          Unter Beschuss: Falk (Jörg Hartmann, oben) und Sascha Kupfer (Theo Trebs).

          Es wird viel schmutzige Wäsche gewaschen in diesen sechs neuen Folgen, nun westöstlich gemeinsam auf der großen Bühne, auf der sich alte Stasi-Generäle und vor allem Falk Kupfer geschmeidig erfolgreich und abgrundtief böse bewegen, als hätten sie darauf nur gewartet. Phänomenal Jörg Hartmann als Falk Kupfer, der Ungeliebte, so ehrgeizig wie rachsüchtig, also wie immer. Er sitzt im Rollstuhl nach einem Attentat und erregt trotzdem nur ganz selten Mitleid. Dass er sich in seine Therapeutin (Jördis Triebel) verliebt, geht ja noch an. Dass diese aber Jahre im entsetzlichen Frauenzuchthaus Hoheneck gefangen war, also im Prinzip eines von Falks Opfern ist, wirkt trotz zarter Liebe ein wenig überinszeniert.

          Der Zusammenprall der höchst unterschiedlichen ostdeutschen Milieus, den die Kupfers und die Hausmanns, Staatstreue und Opposition, seit Staffel eins repräsentieren, ist zwar der Clou dieser spektakulären Serie. Die Spuren, die sie zueinander führten oder endgültig trennten, waren jedoch bisher subtiler angelegt. Falk jedenfalls ist tief in seinem Herzen – sofern er eines hat – ganz der Alte. Das Versicherungsunternehmen Promittas, es will die gesamte Einheitsversicherung der Ex-DDR schlucken, wenn es sein muss, auch mit mafiösen Mitteln, ist ganz begeistert von seinen klandestinen Fähigkeiten.

          Sein Vater Hans, der melancholische Reform-Stasi-General (Uwe Kockisch), war schon immer aus anderem Holz. Zum Entsetzen der Familie und Ex-Kollegen will er die Stasi-Akten öffnen lassen und reinen Tisch machen. Aufregend und glänzend gespielt, spitzt sich diese Geschichte zu, man wird mitgerissen in eine rasende Zeit, in der sich alles ändert und alle Regeln, vor allem die des Anstandes, außer Kraft gesetzt scheinen. Hans Kupfers jahrelang betrogene Ehefrau (Ruth Reinecke) nutzt die Gelegenheit zur Revanche: War sie lange vor allem dafür zuständig, dass das Essen pünktlich auf dem Tisch stand, entwickelt sie sich zu einer eleganten, todsicheren Devisenschmugglerin, die das Stasi-Vermögen via Schweiz zu den Ihren, den alten Genossen, bringt.

          Bis zur vierundzwanzigsten Folge werden noch die dunkelsten Familiengeheimnisse der Kupfers aus dem Keller geborgen, was vieles erklärt, aber zuweilen schwindelerregend ist in dieser atemraubenden Dichte. Es bleibt dabei: Weissensee ist mit das Beste, was deutsches Fernsehen zu bieten hat, herzzerreißend tragisch, ironisch, manchmal umwerfend komisch, rasant erzählt und vor allem grandios gespielt.

          Weissensee, vierte Staffel, heute, Dienstag 8. Mai, am Mittwoch und Donnerstag, jeweils um 20.15 Uhr in der ARD.

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