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Netflix-Serie „45 Umdrehungen“ : Was du da auflegst, ist gefährlich

  • -Aktualisiert am

Ihr Label heißt „Futura“: Maribel (Guiomar Puerta), Robert (Carlos Cuevas) und Guillermo (Iván Marcos, re.) in „45 Revoluciones“. Bild: Netflix

Wie war es, in den Sechzigern in Spanien aufzuwachsen? Die Serie „45 Umdrehungen“ erzählt von jungen Rockmusikbegeisterten – und der Franco-Diktatur, in der kein Platz ist für die neuen, wilden Klänge.

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          Es ist der heiße November des Jahres 1962. Mädchen in Miniröcken, Jungs in Schlaghosen, über die Wände tanzt Neonlicht. Die Band, die hier auftritt, ähnelt den Beatles. Der Rhythmus ist schnell, das Publikum gerät in Bewegung. Das ist kein gewöhnliches Konzert. Die jungen Leute tanzen in einem Club in Madrid – in einer Zeit, in der die Kirche die Moral diktiert und Diktator Franco regiert. Die Polizei stürmt die Bühne, verhaftet Sänger und Band.

          Das ist das Thema der spanischen Netflix-Serie „45 Umdrehungen“ – der Widerstand der Jungen gegen die Restriktionen des Regimes, Popkultur zu Zeiten der Franco-Diktatur. Die junge Maribel Campoy (Guiomar Puerta) hat gerade das Konservatorium in Madrid abgeschlossen, nun sucht sie im Musikgeschäft ihr Glück. Sie ist die Hauptfigur von „45 Umdrehungen“ von Ramón Campos und Gema R. Neira, den Drehbuchautoren von „Grand Hotel“. Maribel ist einundzwanzig, besucht jede Nacht illegale Rockkonzerte und verfolgt akribisch die musikalischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten und Großbritannien.

          Doch was sie da tut, ist nicht legal. Im Franco-Spanien ist kein Platz für die neuen, wilden Klänge. Es ist die mittlere Phase der seit 1936 andauernden Diktatur. Zwar hat sich Francos Herrschaft konsolidiert, aber Geheimdienste und Polizei gehen immer noch mit aller Härte gegen Regimegegner vor. So steht Maribel plötzlich in den Rauchschwaden von Gasgranaten, welche die Polizei auf die flüchtenden Konzertbesucher wirft. Kreativität und unabhängige Musikkultur können sich nur im Untergrund entwickeln. Und doch hält die Popkultur Einzug in das lange Zeit abgeschottete Land –ein Prozess, den diese Serie (jedenfalls für hiesige Zuschauer) erstmals illustriert.

          Nun muss er sich entscheiden

          Die Geschäftsräume und Studios der Plattenfirmen sind chaotisch und bunt, wie in den Ländern der freien Welt. Hier hat Guillermo Rojas (Iván Marcos) das Sagen, ein gewiefter Labelchef, der in der Rock-Welle ein großes Geschäft sieht. Er will die erfolgreichste Firma „Golden Records“ für den neuen Sound aus Amerika öffnen. Dafür hat er drei Monate Zeit, die Vorstände sind skeptisch, und der Geheimdienst sitzt ihm im Nacken. Deshalb gründet er „Futura“, ein Label für moderne Musik, für Bands wie „Los Pekenikes“, die spanischen Rolling Stones, und stellt Maribel als seine persönliche Assistentin ein. Unterstützung bekommen Maribel und Guillermo von dem Sänger Robert (Carlos Cuevas), der sich im Laufe der ersten Staffel vom polizeilich verfolgten Hippie zum gefeierten Rockstar wandelt. Der Beginn seiner Karriere beginnt in einem überfüllten Foltergefängnis der Guardia Civil. Die Serie ist ein Soundspektakel, die einzelnen Szenen wechseln sich ab mit Einblendungen von Klassikern der spanischen Rockmusik, „Los Sonors“, „Los Mustang“ oder „Los Flaps“. Das in Verbindung mit der Kostümierung, die an den Sechziger-Jahre-Look von „Mad Men“ erinnert, schafft eine stimmige Atmosphäre.

          Leider geht die Charakterentwicklung nur schleppend voran und ist vorhersehbar. Maribel etwa ist zunächst die schüchterne Sekretärin. Sie entwickelt sich von Episode zu Episode zur emanzipierten Frau, die bei „Futura“ den Ton angibt. Sie kämpft mit dem Sexismus in der Musikindustrie, dem Machismo auf Konzerten und dem traditionellen Familienbild ihrer Eltern. Für Robert indes zeigt sich, was es bedeutet, ein kommerziell erfolgreicher Musiker zu sein. Seine Karriere entwickelt sich schnell, die Verkaufszahlen gehen durch die Decke. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs stellen sich für Robert und Maribel die wahren Fragen des Lebens, von Liebe und Politik. Zum Ende hin erfolgt sogar die Anerkennung durch das Regime. Robert soll Spanien im Auftrag des Diktators vertreten. Nun muss er sich entscheiden, ob er weiterhin der Rebell und Frontmann einer neuen musikalischen Bewegung sein will oder mit dem Staat kollaboriert. Für die Zusammenarbeit zwischen den dreien wird das zur Zerreißprobe. Mit „Futura“ müssen Maribel, Robert und Guillermo, dessen Interesse für Rock zunächst ein geschäftliches ist, ihren eigenen Weg finden. „Wir verstehen ihre Musik nicht, aber die Jugend ist die Zukunft“, sagt Guillermo.

          45 Umdrehungen läuft bei Netflix.

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