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Sky-Serie „Katharina die Große“ : Erotomanin der Macht

  • -Aktualisiert am

Schwelgt gern in barocker Opulenz: Helen Mirren kämpft als Katharina II. gegen Feldherren und Verleumdung. Bild: Sky

Helen Mirren spielt Zarin Katharina die Große, die herrschte, wie es zu ihrer Zeit sonst nur Männer taten: skrupellos, potent und verführungsmächtig. Hier hält eine Königin der Leinwand Hof.

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          Mit Presse-Schmutzkampagnen wird nicht erst in neuerer Zeit Politik gemacht. 1791 erreichten die Verleumdungen der als Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst geborenen Zarin Katharina von Russland einen morastigen Tiefpunkt. Auf massenhaft verbreiteten französischen Flugblättern wurde sie als hemmungsloses Sexmonster dargestellt, das im Keller des Winterpalastes obszöne Orgien feiert, den englischen Botschafter befriedigt, während der deutsche sich in der Reihe anstellt, und deren Brüste aus dem Staatsgewand hängen, während ganz Europa ihr fasziniert in den Schritt blickt. Eine pornographische Perverse auf dem Thron, so wurde nicht nur in Frankreich verbreitet, eine Sexhexe, gegen die Krieg moralische Pflicht war. Aus dieser Polemik entstand ein Ruf, der mit historischer Fairness kaum etwas gemein hat.

          Es war Rufmord an einer umstrittenen Staatskünstlerin, die als aufgeklärte Herrscherin und intellektuelle Strategin zunächst Voltaire, Diderot und Montesquieu bewunderte. Katharina war eine brillante Analytikerin, die Latein fließend las und Minister wegen politischer Kurzsicht zur Abdankung zwang. Und sie war eine versierte Machtpolitikerin, die trotz ihres ursprünglichen Reformprogramms schließlich Greuel und Leibeigenschaft tolerierte und unterstützte, um ihr Imperium in Richtung Ukraine, Krim und Türkei zu vergrößern. Als sie 1796 starb, hatte sie die Bücher der zuvor geschätzten französischen Aufklärer verbrennen lassen. Die dynastische Folge sah sie mit ihrem Enkel Alexander gesichert.

          Mit Lustempfinden und großer Liebes- und Leidensfähigkeit

          Sie starb als mächtigste Frau ihrer Zeit. Maria Theresia, Kaiserin von Österreich, war schon seit fast zwei Jahrzehnten tot. Ihre Stellungssicherung verdankte sich geschickter Verheiratungsdiplomatie. Katharina dagegen verdankte ihre Macht ihren taktischen Fähigkeiten, ihrer selbstbewussten Staatsführung und ihrem Misstrauen gegen Einflüsterungen. Nicht zuletzt wagte sie es, ihre eigene Sexualität und auch ihre Liebe zum Feldherrn Potemkin, wie durch zahlreiche Briefe von ihrer eigenen Hand belegt, jenseits der Menopause zu pflegen und auszuleben. Die Haut nackter älterer Frauen, so schreibt es der „Guardian“, sieht man in Film und Fernsehen gewöhnlich nur bei Leichen. Schon allein aus diesem Grund könne man vor Dame Helen Mirren, der Großen, die in der von ihr mitproduzierten vierteiligen Miniserie „Catherine the Great“ die Zarin spielt, den Hut ziehen.

          In der Tat sieht man Helen Mirren in diesem vor barocker Opulenz fast berstenden Kostümdrama in zahllosen Bettszenen, aber auch bei zahllosen Ministerratsversammlungen, in rhetorisch geschliffenen Gesprächen, bei Militärparaden, Kriegsvorbereitungen und Friedensgesprächen, in Amt und Würden als Haupt der Nation. Und in privaten Momenten – aber auch das Private ist hier politisch – als Körper und Geist mit Lustempfinden und großer Liebes- und Leidensfähigkeit. Helen Mirrens Interpretation und insbesondere ihre Sexyness mit 74 Jahren wirken an keiner Stelle peinlich. Manchmal aber wird die Peinlichkeitsprovokation des betrachtenden Auges geradezu gesucht (Buch Nigel Williams, Regie Philip Martin).

          „Catherine the Great“ stellt die letzten Jahre der 1762 durch einen Staatsstreich gegen ihren Mann Zar Peter III. auf den Thron gelangten Zarin mit einiger Zwiespältigkeit, aber großem Verständnis dar. Der Feldherr Grigory Potemkin (gespielt Jason Clarke) wird ihre große Liebe. Immer wieder geht es, wie in heutigen Beziehungen, um Anerkennung auf Augenhöhe. Um nicht „Schoßhund“ der Zarin zu sein, erobert Potemkin ihr den Osten, gründet Sewastopol und die Schwarzmeerflotte. Beide Rollen entwerfen in der Beziehung eine Blaupause für gegenseitige Anerkennung und tolerierte Libertinage – während sie, die Zarin, daran festhält, nicht ein Iota ihrer Macht abzugeben. Während der Hof mit den beiden altert, die Gesellschafterin Gräfin Bruce (Gina McKee) die zweite einflussreiche Frau am Hof bleibt, die Gespielen wechseln und der Schönling Platon Zubov (Raphael Acloque) die gealterte Greisin doch noch hintergeht, tobt im Westen der „Terreur“ der Aufklärung, die ihre Kinder frisst.

          Insbesondere die Szenen im vierten Teil der Serie, in denen Helen Mirren, bewusst älter geschminkt, Katharina nach dem Tod ihres Potemkin zeigt, tattrig und nahezu verwirrt, sich immer noch – dezent – als sexuelles Weisen präsentierend, sind ein Ausrufezeichen weiblicher An-Sicht. Mirrens Katharina ist gleichwohl keine Heilige aus dem Land ungezügelter Erotik. Diese Zarin macht sich auch des Übergriffs auf – durchweg gunstgeschmeichelte – Männer schuldig. Alleinherrschen macht nicht nur Männer skrupellos. Eroberung geht mit Vernichtung einher. Schlachten, politische Morde, Bauernaufstände, Intrigen – all dies vervollständigt in „Catherine the Great“ das komplexe Bild einer Frau, der Europa zu Füßen lag, um ihr unter den Rock zu schielen.

          Katharina die Große, 20.15 Uhr bei Sky Atlantic.

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