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„Black Narcissus“ bei Disney+ : Nonnen im Himalaja

Sehnsucht im Blick: Gemma Arterton als Schwester Clodagh Bild: Disney+

In Gottes direkter Nachbarschaft: Im Remake von „Black Narcissus“ müssen sich sechs Ordensschwestern auf dem Dach der Welt brav gegen die Höhe und andere schwindelerregende Dinge behaupten.

          2 Min.

          So etwas hat man lange nicht gesehen. Eine Serie, die sich in Sachen Drastik, Smartness und Härte nicht fortwährend zu überbieten versucht. In der es (auch wenn die Musik, die auf ausflippende Streichinstrumente setzt, dem Zuschauer stets etwas anderes erzählen will) so sittsam zugeht wie sonst nur bei „Um Himmels Willen“ im Ersten. Allerdings ernster, mit mehr Pathos und weniger, vielleicht subtilerem Augenzwinkern. Abgründe tun sich entweder ganz real, in niedergeschlagenen oder weit aufgerissenen Augen auf. Hier und da erbebt ein Busen unter unerlaubten Gefühlen, wird ein Gesicht in Scham abgewandt. Die Mini-Serie mit dem verheißungsvollen Namen „Black Narcissus“, basierend auf einem Roman der britischen Schriftstellerin Margaret Rumer Godden und dessen Verfilmung mit Deborah Kerr aus dem Jahr 1947, könnte so auch bei Bibel TV laufen.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Dabei liegt das trotz einer Handlung, in der das zurückgezogene Leben und die rechte Herzensbildung unter den Augen eines gestrengen Gottes thematisiert wird, alles andere als nah: Die ehrgeizige Schwester Clodagh (Gemma Arterton) wird von Mutter Dorothea (Diana Rigg in einer ihrer letzten Rollen) im Jahr 1934 aus dem britisch besetzten Darjeeling abberufen, um in dem entlegenen Bergdorf Mopu, im Himalaja, also in direkter Nachbarschaft zu Gott, eine Schule aufzubauen. Zur Seite stehen ihr fünf ausgewählte Schwestern, die das Projekt mit ihren jeweiligen Fähigkeiten unterstützen sollen. Und als wäre das Leben auf Höhe von etwa 2800 Metern nicht schon anstrengend genug, müssen sich die Nonnen auch mit der Vergangenheit des verruchten Palastes herumschlagen, der einst unter dem Namen „Haus der Frauen“ die Konkubinen des Vaters des amtierenden Generals beherbergte.

          Warme Gedanken sind verboten

          Mit einer Szene aus dieser Zeit steigt die erste Folge ein. An deren Ende sehen wir eine unglückliche Prinzessin vom höchsten Punkt des Palastes in die Tiefe segeln. Altes Unheil liegt über Mopu. Als dann noch der Verwalter des Generals im Kloster auftaucht, ein aufrechter Ire von echtem Schrot und Korn, dessen breite Brust genau das richtige Verhältnis aus Muskulatur und Haar aufweist; dessen Hemden, wenn sie nicht gerade aus rein dramaturgischen Gründen aufgeknöpft sind, gestärkt und gehalten werden von einer die unterdrückte Leidenschaft nur mit Mühe bändigenden Krawatte, ist es um die Gemeinschaft geschehen. Mr. Dean (Alessandro Nivola), wie er von allen fortwährend genannt wird, gibt den charmanten Indiana Jones im Ruhestand, steht den Schwestern mit Rat und Tat zur Seite, glaubt aber nicht an ihren Erfolg. Warum? Das wird in den drei einstündigen Folgen der Neuauflage nicht recht klar. Vielleicht liegt es auch an der Kälte: Weder lassen sich die Fenster des Palastes, der innen mit sinnlichen Wandmalereien ausgestattet ist, schließen, noch sieht man (abgesehen von Nancy-Meyer-haften Kerzenarrangements) je einen entzündeten Ofen oder Kamin. Warme Gedanken sind jedoch verboten und werden mitunter durch Selbstgeißelung bestraft.

          Dafür darf die Natur, dürfen Himmel, Berge, aber auch die weißen Gewänder der Schwestern in allen Farben leuchten, als wollte man dem Kameramann Jack Cardiff, dessen Arbeit an der Filmvorlage unter der Regie von Michael Powell und Emeric Pressburger ihm zwei Oscars einbrachte, ein Denkmal setzen. Hier wird vor allem das weiße Ordenshabit zur Folie von Seelenzuständen: Mal klebt Blut daran, mal streichen die farbigen Flecken eines Buntglasfensters darüber, oder aber das Dämmerungslicht taucht es bei der Abendandacht in fast schon frivoles Rosa – wenn der kernige Mr. Dean mit seinen kräftigen Händen mal wieder sündige Gedanken heraufbeschworen hat. „Black Narcissus“ lebt vor allem von der Vorstellung, was alles passieren könnte. Wer sich ein wenig mehr „Mountains of Madness“ erhoffte, der greift zum Original.

          Black Narcissus ist bei Disney+ abrufbar.

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