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Serie „ZeroZeroZero“ bei Sky : Reinster Stoff, bezahlt wird mit Blut

Herr der Unterwelt: Don Damiano (Adriano Chiaramida) versteckt sich unter Tage. Von dort plant er den großen Coup für seinen Clan. Bild: Die Verwendung ist nur bei redak

In „ZeroZeroZero“ nach einem Buch von Roberto Saviano geht es um den internationalen Kokainhandel. Er wird geschildert als das, was er ist: ein unbarmherziger Kampf auf Leben und Tod.

          3 Min.

          Ein Mann fällt im Kugelhagel. Langsam geht er zu Boden, die Zeitlupe dehnt den Moment ins Elegische, damit seine Stimme aus dem Off mit beinahe transzendentaler Ruhe fragen kann: Was wird aus dem, der nichts mehr zu geben hat? Der den Respekt der anderen verliert? Weil er für sie nutzlos geworden ist?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dem Gesetz der Mafia zufolge ist er reif für den Abschuss. Das weiß auch der amerikanische Großreeder Edward Lynwood, den Gabriel Byrne mit melancholischer Härte verkörpert. Im freien Fall befindet sich nicht nur Lynwood selbst, sondern auch sein in New Orleans ansässiges Familienunternehmen, wenn diese hochriskante, aber eben auch höchst profita

          ble Transaktion scheitert: Einen Container voller Konserven mit unter Paprikaschoten verstecktem Kokain will der Unternehmenspatriarch von Monterrey in Mexiko zum italienischen Seehafen Gioia Tauro schaffen.

          Er transportiert den Stoff, der teurer gehandelt wird als jeder andere und bei dessen Handel der Kapitalismus seine blutigste Form annimmt. Als Mittler zwischen einem mexikanischen Drogenkartell und dessen Kunden, einem kalabrischen ’ndrangheta-Clan, geht es für Lynwood wie für alle anderen um Leben oder Tod, gigantische Geldsummen und die Macht, die Oberhand zu behalten, oder brutale Vernichtung und ein grausames Ende. Wer will schon, dass die eigene Leiche den Schweinen zum Fraß vorgeworfen wird?

          Auch solcherlei zeigt „ZeroZeroZero“, die opulente Serienadaption von Roberto Savianos Recherche-Buch gleichen Namens über das Netzwerk des internationalen Kokainhandels. Der Regisseur Stefano Sollima, der schon Savianos „Gomorrha“ als inzwischen mehrere Staffeln umspannende Fernsehserie inszeniert hat, zeichnet auch nun verantwortlich, unterstützt von Leonardo Fasoli und Mauricio Katz. Der Wille, den nächsten großen Wurf, was die filmische Erforschung organisierter Kriminalität betrifft, zu landen, ist unübersehbar in dieser Koproduktion von Sky Studios, Bartlebyfilms und Cattleya, die von dem französischen Canal+ vertrieben wird und andernorts bei Amazon Prime läuft, bei uns auf Sky Atlantic.

          Die Transporteure: Chris (Dane DeHaan) und Emma Lynwood (Andrea Riseborough) steigen ins Reedereigeschäft ihres Vaters ein.

          Fast maßlos erscheint der Anspruch, die Eckpunkte des Wirtschaftsdreiecks von Verkäufern, Käufern und Händlern gleichberechtigt in den Blick zu nehmen. Wir verfolgen die Geschäfte der Narcos-Brüder Enrique and Jacinto Leyra (Flavio Medina und Víctor Huggo Martín) und die Kampfeinsätze einer – korrupten – militärischen Spezialeinheit in Mexiko. Wir sehen einen greisen Boss der ’ndrangheta (Adriano Chiaramida) in den Bergen Kalabriens aus seinem Erdloch steigen, in dem er versteckt vor sich hin rottet, und die in omertà vereinten Getreuen um sich scharen. Mit fünftausend Kilo Kokain der Neuen Welt will der Alte seine Herrschaft wieder festigen, die indes sein Enkelsohn Stefano mit immer größerer Skrupellosigkeit unterminiert. Und dann sind da schließlich die Lynwoods, von familienpsychologischen Dynamiken zerrüttetes Triumvirat, bestehend aus Edward, seiner Tochter und rechten Hand Emma (Andrea Riseborough) und dem zu Beginn scheinbar nutzlosen Sohn Chris (Dane DeHaan), der nur darauf wartet, dass die Huntington-Krankheit bei ihm manifest wird und er den Veitstanz bekommt.

          So führt „ZeroZeroZero“ „Gomorrha“ fort und stellt sich in die Tradition der Mafia-Filme, inklusive Ehrerbietungen bei Marienprozessionen, kaltblütiger Morde auf Landstraßen und Machtkampf innerhalb der Sippschaft. Der Achtteiler will sich aber auch einverleiben, was „Narcos“, das Serienepos über kolumbianische Drogenkartelle, kultiviert hat, nimmt Anleihen bei „Breaking Bad“ und dem Klassiker „Traffic“. Dazu kommt ein sperriges amerikanisches Familiendrama.

          Das Avantgardistischste an „ZeroZeroZero“ ist der multiperspektivische Ansatz, das aufwendige, vielsprachige Hin und Her zwischen Kontinenten und jeweils in ihre eigenen Kriege verstrickten kriminellen Einheiten. Der Preis, den die Serie dafür zahlt, ist gleichwohl hoch: Bis sich für den Zuschauer ein Gefühl der dramaturgischen Geschlossenheit einstellt, bis Handlungslinien sich oft genug gekreuzt haben, dass ein Netz sichtbar wird, muss er viel Geduld aufbringen. Viele Figuren bleiben so skizzenhaft, dass einem ihr Schicksal herzlich egal bleibt. Und man muss gewillt sein, so manches Klischee zu ertragen. Selbst die größte cinematographische Wucht (Kamera Paolo Carnera und Romain Lacourbas) kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Verfolgungsjagden mit Schießerei durch einen Markt voller bunt überdachter Stände oder Mafiosi in neblig überhauchter Karstlandandschaft niemandem mehr vom Sessel reißen und die als Mittel der Reflexion eingesetzten Zeitlupensequenzen teilweise arg manieriert daherkommen.

          So entwickelt sich zur interessantesten, weil überraschendsten Teilgeschichte von „ZeroZeroZero“ die Lynwood-Saga, in deren Zentrum der Griff einer jungen Frau nach der Macht steht. Emma, von Andrea Riseborough mit einer Anmutung irgendwo zwischen Tilda Swinton und Alba Rohrwacher gespielt, steht in einer Eindringlichkeit für den Generationenwechsel, wie es ihrem italienischen Konterpart Giuseppe De Domenico als aufstrebendem Mafioso Stefano nicht gelingt. Und Dane DeHaan als Chris Lynwood wächst von Episode zu Episode in seiner Rolle – wie „ZeroZeroZero“ sich steigert bis zum wuchtigen Finale. Der Titel bezieht sich übrigens auf Qualitätsstufen des Kokains, die in Nullen angegeben werden. Sollimas Serie ist vielleicht nicht der reinste Stoff auf dem Fernsehmarkt, aber doch ein Verschnitt von weit überdurchschnittlicher Güte.

          ZeroZeroZero, um 20.15 auf Sky Atlantic HD; bei Studiocanal von 7. Mai an digital sowie auf DVD und Blu-ray.

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