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Serie „Wir“ bei ZDFneo : Sie konnten darüber nicht reden

  • -Aktualisiert am

Helena (Katharina Nesytowa, l.) und Annika (Eva Maria Jost) Bild: ZDF und Oliver Feist

Achtung, Gefühlsbombe: In der ZDF-Serie „Wir“ blüht die Liebe zwischen zwei Freundinnen abermals auf. Die eine bekommt von ihrem Partner gerade einen Heiratsantrag. Daraus entwickelt sich was.

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          Die Generation Y findet das süß: ein Überraschungs-Ei, das man von Schokolade und Spielzeug befreit; ein Zettel, den man mit einer Nachricht bekritzelt; ein Spaten, mit dem man die gelbe Kapsel im Boden vergräbt – und dann ein feierliches Besäufnis ein Jahrzehnt später, bei dem der versammelte Freundeskreis die „Zeit-Eier“ unter dem Baum ausgräbt und verliest, was jedermann zum Thema „In zehn Jahren werde ich“ auf seinem Zettel notierte.

          Für die Lehrerin Helena (Katharina Nesytowa), die mit ihrem Freund Tayo (Malick Bauer) unlängst ein Häuschen in Teltow bezogen hat und den Garten mit Kindern bevölkern will, droht ein „Zeit-Ei“ allerdings zur Zeitbombe zu werden. Sie hat ein Geheimnis und es bislang gut bewahrt. Aber an dem Tag, an dem der Freundeskreis die Eier ausbuddelt, ist auch Annika (Eva Maria Jost) nach zwölf Jahren Funkstille mit von der Partie. Und die verriet einst dem Ei: „In zehn Jahren werde ich, Annika Baer, noch immer mit meiner großen Liebe Helena zusammen sein.“

          Überraschungsei und Zeitbombe

          Die Enthüllung bleibt aus: Annika lässt das „Zeit-Ei“ verschwinden, bevor Tayo und die „krass erwachsen gewordenen“ Freunde von der heimlichen Beziehung von damals erfahren. In den Händen von Helena geht die Bombe trotzdem hoch, und die alten Gefühle kommen zurück: Lässt sie sich darauf ein? In der unscheinbaren Serie „Wir“, die ein Autorenteam um Sandra Stöckmann und Gesa Scheibner entwickelt hat, ist das die entscheidende Frage. Sie klingt, bei allen Herausforderungen, vor die gleichgeschlechtliche Paare gestellt sind, vom Wagnis Coming-out nicht zu reden, furchtbar banal.

          Als Thirtysomething-Romanze mit einem Schuss Drama geht „Wir“ dennoch überraschend gut auf. Die kleine Geschichte will nämlich nicht mehr, als sie kann. Und die Serie, die seit September in der Mediathek vor sich hin wächst, besteht aus zwölf Kurzfolgen à zwanzig Minuten. Das ist ein Format, das sich gut konsumieren und die Frage, ob die Spannungsbögen wirklich halten, in den Hintergrund treten lässt. Die Fernsehausstrahlung beginnt mit den ersten vier Folgen am Stück.

          Stimmig ist vor allem die Besetzung: Eva Maria Jost spielt Annika mit überroten Lippen und wechselhaftem, mal leuchtendem und mal verlorenem Blick. Wir ahnen, dass sie über den Beruf als Architektin (schnittiges Auto, hippe Projekte bis hin zu „Scheißwolkenkratzern“) emotionale Brüche zu kompensieren versucht. Katharina Nesytowa, bekannt durch „Im Angesicht des Verbrechens“ und „In aller Freundschaft – die jungen Ärzte“, schwankt als Helena hin und her zwischen ihren Gefühlen für Annika und jenen für Tayo. Lorris Andre Blazejewski hat ebenfalls mehr als das anfängliche Hoch-die-Tassen-Gesicht zu bieten. Er mimt Maik, der mit seiner Schwester Annika in einem Spannungsverhältnis steht. Während Maik den glücklichen, wenn auch ungelebte Träume von New York statt Teltow mit sich herumschleppenden Familienmenschen darstellt, leidet Helenas aufgekratzter Kollege Emre (Erol Afsin) unter der Trennung von Melanie (Natalia Rudziewicz) und der gemeinsamen Tochter. Ein Sympathieträger.

          Bei der ARD war unlängst die Serie „All you need“ zu sehen, die von schwulen Männern erzählt, kurz danach bei ZDFneo die Serie „Loving her“ um Frauen, die Frauen lieben, dann die Sitcom „The Drag and Us“. Die Serie „Wir“ ist insofern Teil einer übereifrigen Programmoffensive, mit der die öffentlich-rechtlichen Sender im Sommer nach dem „#ActOut“-Manifest ihr Engagement für Diversität herausstellen wollen, und das Ensemble könnte auch sonst kaum diverser sein.

          Aber „Wir“ hat es verdient, dass man die identitätspolitischen Hintergründe nicht zu sehr herausstellt und damit erreicht, dass über alles andere als die Qualitäten der Produktion gesprochen würde. Diese Serie, die durch den Handkamera-Einsatz ganz unmittelbar wirkt, manchmal hübsch ins Sommerlicht blinzelt und einen durch die popmusikalische Untermalung in Feierabendstimmung versetzt (Antje Schomaker hat einen Gastauftritt mit „Aller guten Dinge sind wir“), könnte mit etwas Durchhaltevermögen zu einer Soap-Perle werden. Die zweite Staffel, die zurzeit gedreht wird, wird Emre in den Vordergrund stellen.

          Wir beginnt heute um 20.15 Uhr auf ZDFneo.

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