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„Warrior Nun“ bei Netflix : Hier trügt der heilige Schein

  • -Aktualisiert am

Hier ist es nicht die Leidenschaft, die glüht: Alba Baptista als Krieger-Nonne. Bild: Netflix

Blass im Habit: In der Netflix-Serie „Warrior Nun“ feiert eine todgeweihte junge Nonne mit Kampfeslust ihre Auferstehung. Die Gotteskriegerin hadert allerdings mit ihrem neuen Dasein.

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          Je extremer eine Figur, desto reizvoller ihre Brechung. Für Nonnen bedeutete das im sogenannten „Nunsploitation“-Genre, das seinen Höhepunkt in den siebziger Jahren hatte, vor allem eine Sexualisierung der per Definition keuschen Ordensschwestern, aber auch ein Hang zur Gewalt bietet sich als Kontrast für friedvolle Nonnen an. Der amerikanische Comic-Autor Ben Dunn verband 1994 in seiner Erzählung „Warrior Nun Areala“ gleich beides und ließ eine übermenschlich starke Gotteskriegerin gegen Feinde der katholischen Kirche antreten, bekleidet in einem Habit, der knapp die Brustwarzen der Heldin verdeckte, viel mehr aber auch nicht.

          Auf das Outfit, von dem sich auch Ben Dunn später distanzierte, verzichtet die Netflix-Serienadaption des Comics, generell orientiert sich Serienerfinder Simon Barry eher lose an der Vorlage. Von dem reißerischen Titel wollte man sich dagegen nicht trennen, und schon allein deshalb werden wohl einige Genre-Fans und Netflix-Abonnenten die Serie mit einem neugierigen Klick bedenken.

          Es erwartet sie die Geschichte eines Mädchens, das mit acht Jahren durch einen Autounfall in Andalusien zur Waisen wurde und fortan querschnittsgelähmt ihr Dasein in der Obhut einer sadistischen Ordensschwester fristete. Die Handlung beginnt, als ihr Leichnam unter mysteriösen Umständen in kirchlichen Kellergewölben auf die Bestattung vorbereitet wird und im Nebenraum plötzlich das Chaos ausbricht. Eine Gruppe junger Kämpferinnen flieht vor einem Gefecht. Der Feind ist ihnen offenbar noch auf den Fersen, doch das Hauptaugenmerk liegt auf der verwundeten Anführerin, für die offenbar jede Rettung zu spät kommt. Mit deren Einverständnis legt eine geistliche Krankenschwester schweres Werkzeug an und befördert einen glühenden Ring aus dem Rücken der Sterbenden, nur Sekunden bevor sich die Gegner ihren Weg in den Kirchenkeller gesprengt haben. Die Schwester ergreift mit dem Heiligenschein die Flucht und findet auf die Schnelle kein besseres Versteck als den toten Körper des Waisenmädchens.

          Was keiner vorausgesehen hat: Von der heiligen Kraft des Artefakts ergriffen, erwacht Ava (Alba Baptista) zum Leben, sogar gehen kann sie wieder. Doch das ist nicht ihre einzige neue Fähigkeit. Ava kann sich außerdem, wenn auch noch völlig unkontrolliert, durch Wände bewegen, Wunden heilen schneller, und zwischendurch sieht sie dämonische Kräfte umherziehen, die nichts Gutes im Schilde führen. Letztere blendet Ava aber lieber erst mal aus und springt stattdessen euphorisch in einen privaten Pool, nur um festzustellen, dass sie Schwimmen nicht durch Zauberhand gelernt hat. Zum Glück steht J.C. (Emilio Sakraya) bereit, ein hübscher Kleinkrimineller, der es sich mit ein paar Freunden in den Villen ausgeflogener Besitzer gutgehen lässt. Und plötzlich winkt Ava ein ganz neues Leben, voller junger Liebe und Abenteuer.

          Nervenkitzel birgt freilich auch das Dasein als Kampfnonne, das ihr Vertreter der Kirche schmackhaft machen wollen. Denen geht es zwar mehr um den Heiligenschein als um Ava, doch aus irgendeinem Grund scheint dieser in Avas Körper Kräfte zu entfalten, die bisher kaum eine Kriegerin vor ihr hatte. Anders als in der ComicVorlage ist Ava allerdings durch ihre Zeit in Nonnenobhut von der Welt des Glaubens abgeschreckt, was ihr den Schritt in die Rolle der auserwählten Gotteskriegerin noch mal deutlich erschwert.

          Aus dieser Entscheidung der Macher ergibt sich ein interessanter Konflikt, der allerdings schnell wieder vernachlässigt wird. Generell scheinen sich die Autoren für Religion nicht ernsthaft zu interessieren, was nicht stören müsste, wenn stattdessen ein anderer Fokus auszumachen wäre. Doch auch die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander bleiben blass, die zentrale Bedrohung durch eine Wissenschaftlerin, die ein Portal zur Hölle öffnen will, entwickelt keine Dringlichkeit, und die ewig düster-sakralen Kulissen lassen auch die geneigten Zuschauer-Lider bald schwer werden.

          Die Kampfszenen können den hohen Erwartungen, die der Titel an sie stellt, zwar gerecht werden, sind aber spärlich gesät. Während die Protagonistin nach einer offensichtlich sehr traumatischen Vergangenheit in Isolation mit ihrem flapsigen und sehr poplastigen Sprachduktus Fragezeichen aufwirft, wirken manche ihrer Kampfschwestern interessanter, allen voran „Shotgun Mary“ (Toya Turner), die einer Verschwörung in den eigenen Reihen auf der Spur ist und in Kostüm und Attitüde an die „Watchmen“-Heldin Sister Night erinnert. Doch die Autoren sparen sich ihren Zunder zu lange auf, auch für eine Streaming-Serie, die keine Woche Leerlauf zwischen einzelnen Folgen überbrücken muss. Für die Chance, diese interessanten Ansätze in einer zweiten Staffel ausarbeiten zu können, muss wahrscheinlich noch gebetet werden.

          Warrior Nun ist bei Netflix abrufbar.

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