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Amazon-Serie „Treadstone“ : Bruder Jakob, schläfst du noch?

  • -Aktualisiert am

Von ihr geht Gefahr aus: Emilia Schüle als Petra in „Treadstone“. Bild: USA Network/NBC

In der Actionserie „Treadstone“ werden friedliche Durchschnittsbürger auf Zuruf eines Codeworts zu Kampfmaschinen. Warum und wieso ist nicht wirklich von Belang. Hier geht es um den Kampf um des Kampfes willen.

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          Eigentlich müsste man an dieser Stelle noch mal betonen, dass es für das pausenlose Kämpfen, Feuern, Springen und Autofahren, bis der Lack bricht, mit dem Videospiel längst ein reizvolleres Medium gibt als das Fernsehen.

          Aber das klassische Actionfernsehen ist weiterhin da, und es ist, wie Amazon mit „Tom Clancy’s Jack Ryan“ zeigte, sogar recht munter. Neuester Zuwachs ist die von der NBC produzierte Agentenserie „Treadstone“. Sie erzählt in schneller Häppchenfolge von einem CIA-Programm, das sich der Schriftsteller Robert Ludlum für einen 1980 publizierten Thriller ausgedacht hat. Es stammt insofern aus der Welt von „Jason Bourne“, die durch die Kino-Reihe mit Matt Damon berühmt wurde – und ist doch eine Enttäuschung. „Treadstone“ wirkt, als habe man das Drehbuchschreiben fast vollständig den Leuten vom Stuntteam überlassen. So gleichgültig waren uns Figuren und Story schon lange nicht mehr.

          Diese Geschichte entfaltet Serienentwickler Tim Kring auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen und über eine kaum zu überblickende Anzahl von Schauplätzen in aller Welt hinweg. Die eine Ebene führt ins Jahr 1973 und mit Berlin in die Stadt, die wie keine andere für die Block-Konfrontation des Kalten Kriegs steht: Der CIA-Agent John Randolph Bentley, gespielt von Jeremy Irvine, der in Spielbergs Jugendbuchverfilmung „Gefährten“ 2011 den Pferdeliebhaber Ted Narracott mimte, kauert in einem Ost-Berliner Folterkeller, wo er auf ungemütliche Weise von Gustav Meisner (Martin Umbach), einem früheren Nazi-Arzt, der nun für den KGB arbeitet, und der rassigen Petra (ungeahnt kampffertig: Emilia Schüle) mit allerlei Substanzen und reichlich Schlafentzug malträtiert worden ist. Die beiden haben Bentley zu einem Killer gemacht. Er soll drei Menschen, die ebenfalls im Keller gefangen sind, im Rahmen eines Abschlusstests umbringen und hernach bei einem „Zikade“ genannten Programm eingesetzt werden. Stattdessen rammt Bentley, originelles Tatwerkzeug, dem Arzt bei der Nachbesprechung der Erschießungen die Brille in den Nacken, so dass er aus dem Keller entkommen kann.

          Die zweite Zeitebene spielt in einer Gegenwart, in der tatsächlich Killer erwachen wie Zikaden, die jahrelang als Larve unter der Erde verbringen. Jene Erwachenden, um die es hier geht, scheinen allerdings aus einem amerikanischen Programm namens „Treadstone“ zu stammen: Ein nordkoreanischer General trifft in London die frühere Journalistin Tara Coleman (Tracy Ifeachor), die sich nach schwierigen Recherchen zum Thema Schwarzmarkt und Sowjet-Raketen für einen beruflichen Wechsel und fürs Taxifahren entschied. Eingefädelt wird das Treffen, bei dem der General von den erwachenden Agenten des „Treadstone“-Programms erzählt, durch den örtlichen CIA-Vertreter Matt Edwards (Omar Metwally), abgeschlossen durch die Verwunderung seiner Kollegin Ellen Forbes (Ellen Becker) im fernen Langley, dass „Treadstone“ noch immer läuft.

          Und schon hat eine Reihe scheinbar gewöhnlicher Menschen ihren Auftritt, die sich vom einen Moment auf den nächsten als Kampfmaschinen erweisen: die brave Klavierlehrerin Soyun Pak (Han Hyo-Joo) in Pjöngjang tötet den General, der eben noch in London weilte, während Doug McKenna (Brian Jacob Smith), Mitarbeiter einer Bohrinsel in Alaska, nach einer wüsten Kneipenschlägerei von einer Frau aufgegabelt wird, die beim Entkorken einer Weinflasche „Bruder Jakob“ singt. Es ist dasselbe Lied, das Petra in der Ost-Berliner Szene 1973 angestimmt hat, offenbar der zur Aktivierung von Schläfern notwendige Code. Petra selbst lebt, viereinhalb Jahrzehnte nach den Ereignissen in Ost-Berlin, als Mütterchen Russland in Kursk (nun gespielt von Gabrielle Scharnitzy), wo sie ihren Gatten für die Bestellung eines Hörgerätes per Paketdienst hinmeuchelt, weil er Dinge hört, die er besser nicht gehört hätte, und das nach Moskau führende Telefon einer versteckten Kelleranlage bedient.

          Auf dem Konzeptpapier von „Treadstone“ hat dieser Aufriss zweifelsohne gut ausgesehen: Agententhriller leben vom Hin und Her zwischen Schein und Sein, Fernsehserien von parallel erzählten Geschichten und abwechslungsreichen Drehorten. Aber dieser Story fehlt jeder Ruhepol, sie wird so oberflächlich, hektisch und redundant weitergesponnen, dass man trotz hübsch choreographierter Kampfszenen nach spätestens vier von zehn Folgen das Handtuch wirft und dem „Hollywood Reporter“ beipflichten will, der „Treadstone“ als Serie „without much brains, but with lots of brainless action“ bezeichnet hat.

          Treadstone läuft von heute an bei Amazon Prime.

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