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„Tod von Freunden“ im ZDF : Wie ging der Junge über Bord?

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Heile Welt? Bernd (Jan Josef Liefers, links), Sabine (Katharina Schüttler), Kjell (Lukas Zumbrock) und Charlie (Lene Maria Christensen) liegen sich in den Armen. Bild: ZDF und Letterbox / Thorsten Jan

Die Serie „Tod von Freunden“ zeigt in acht Folgen aus acht Perspektiven, wie ein Großfamilienidyll auf einer Trauminsel zerfällt. Der Regisseur Friedemann Fromm spielt gekonnt mit unseren Erwartungen.

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          Wie konnte es passieren, dass der Jugendliche Kjell (Lukas Zumbrock) um Mitternacht auf hoher See über Bord ging und spurlos verschwand? Warum bemerkten zwei erwachsene und drei heranwachsende erfahrene Seglerinnen und Segler viel zu spät, dass der vierte ungesichert ins Wasser gefallen war? Könnte Kjell auch gesprungen oder gestoßen worden sein? Was ist die Wahrheit, und wer hat Schuld – und wäre sie überhaupt zu ertragen?

          Die deutsch-dänische Serie „Tod von Freunden“ nimmt ihre Fragen über die Strecke wichtiger als bündige Antworten, stellt sie zudem auf den Kopf, schleust neue Perspektiven und frisches Rätselmaterial ein und hält dabei über acht Stunden Spannung im ZDF-Krimihauptprogramm.

          „Einer für alle. Alle für einen“: Vier Musketierfiguren hat Jakob (Thure Lindhardt) den Kindern seines Paradieses einst übereignet und die ritterliche Beschwörung dazu, auf dass die Nachkommen den Rückzugsort, den ihre Eltern abseits der Städte geschaffen haben, für immer lieben und schützen mögen. Nicht nur mit Zauberformeln, auch mit Festen und Ritualen, Gruppenumarmungen und sonstigen Zuneigungsbekundungen hat es die enge Gemeinschaft, die in der Flensburger Förde auf der Ochseninsel ihren Lebenstraum bewacht. Wobei die Kinder, mittlerweile fast erwachsen, selbstverständlich nicht gefragt wurden. Aber das mit der Liebe hat funktioniert.

          Eine Insel wie Bullerbü. Zugang zur Welt gibt es nur über das Wasser. Sabine (Katharina Schüttler) betreibt auf dem Festland ihr Tanzstudio, Partner Bernd (Jan Josef Liefers) führt mit Charlie (Lene Maria Christensen) ein Architekturbüro, das passenderweise Brücken baut. Charlies Mann Jakob fertigt im Inselatelier Skulpturen und malt. In verwunschenen Schuppen und zauberhaften Hütten, Werftgebäuden und verwinkelten Häusern, am Strand und in der Natur leben alle ein unwirklich harmonisches Leben: Eine besonders von Sabine gefügte Inszenierung, in der sportliche Herausforderungen Eltern und Kinder aneinander- binden. Ihr Segler „Orplid“ ist auf lange Törns ausgelegt. Bernd trainiert das Kajakpoloteam mit Emile (Oskar Belton) und Kjell als Ausnahmetalenten. Cecile (Milena Tscharntke) und Kjell tanzen in Sabines Company die Hauptrollen. Man sagt sich alles, denkt man. Am wichtigsten aber, so scheint es am Anfang, nimmt die Großfamilie den Schutz und die Sicherheit von Karl (Anton Petzold). Alle für Karl, das große Zeichen- und Zahlentalent, ein Mensch mit besonderem Ordnungsbedürfnis, Autist. Und Karl für alle, wie sich im Verlauf der verwickelten und verzwickten, durch Lügen, Schuld und Rache bestimmten Zerfallsgeschichte des sagenhaften Idylls erweist. Zunächst scheint der nach Jahren in die Nähe zurückgekehrte Jonas (Jacob Cedergren), Jakobs Bruder, die Schlange zu sein, die die Insel der Glückseligen bedroht. Den Jugendlichen verhökert er Drogen und Geheimnisse, mit Sabine verbindet ihn eine ganz andere kriminelle Tat.

          Da scheint die Inselwelt noch in Ordnung: Cecile Jensen (Milena Tscharntke), Kjell Küster (Lukas Zumbrock) und Emile Jensen (Oskar Belton).
          Da scheint die Inselwelt noch in Ordnung: Cecile Jensen (Milena Tscharntke), Kjell Küster (Lukas Zumbrock) und Emile Jensen (Oskar Belton). : Bild: ZDF und Letterbox / Thorsten Jan

          „Sabine und Jakob“, „Cecile und Bernd“, „Emile und Karl“, „Charlie und Kjell“: Im linearen Fernsehen zeigt das ZDF die erkennbar an Erzählweisen dänischer Produktionen wie „Killing Mike“ oder „Darkness“ angelehnte multiperspektivische Serie von Friedemann Fromm (Buch und Regie) in zweistündigen Doppelfolgen an vier aufeinanderfolgenden Sonntagen; in der Mediathek lassen sich alle acht Episoden nacheinander wegschauen. Das erfordert zwar einige Ausdauer, macht aber die Besonderheiten, insbesondere die bildgestalterischen Finessen der vielfältigen Kameraästhetik von Karl Noack deutlich. Spiel mit Schärfen und Unschärfen, Lichtgestaltung, extreme Nah- und Distanzaufnahmen, Animationen, Schwarzweißeinsprengsel, Drohnen- und Unterwassereinstellungen sind neben dem wilden Schnitt (Eva Schnare, Janina Gerkens) ein großes Plus der raffinierten Serie.

          Die Folgen überzeugen, aber nicht alle gleichermaßen stark. Vor allem „Bernd“ (Liefers mit einer starken Vorstellung als wütender Vater auf Schuldigensuche) und „Cecile“ (Tscharntke formidabel wie aus dem Bilderbuch des Selbsthasses) treiben die Handlung durch gelegentliche Treibsandmomente der Sonntagabendkrimikonvention hindurch. Ein Thriller, acht Sichtweisen, die sich zu acht aufeinander bezogenen Porträts schließen und so nicht zuletzt acht ergreifende Eltern-Kind-Geschichten bilden. Friedemann Fromms „Tod von Freunden“ ist nicht zuletzt außergewöhnliches Mehrgenerationenfernsehen.

          Tod von Freunden beginnt am Sonntag um 22.15 Uhr im ZDF.

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