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„The New Pope“ bei Sky : Satyrspiele im Vatikan

Greift in die Harfe: John Malkovich spielt Papst Johannes Paul III. Bild: Die Verwendung ist nur bei redak

In der Serie „The New Pope“ zieht Paolo Sorrentino alle Register. Es geht um Dekadenz, Macht, Prunk und Sex. Aber dann doch auch um das Göttliche. Mittendrin schürzt ein großartiger John Malkovich die Lippen.

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          Marilyn Manson ist verwirrt. Ob er denn nicht Papst Pius XIII. gegenübersitze, dem charismatischen Redner, fragt der Satanisten-Show-Rocker in einer Privataudienz den neuen Papst. Durchaus nicht, erwidert dieser mit sanfter Stimme, schürzt, die nächsten Worte vorschmeckend, die Lippen, wie nur John Malkovich es kann, und führt aus: Er sei Johannes Paul III. – und schon Pius’ zweiter Nachfolger. Der erste, Franziskus II., sei, nun ja, sehr bald nach Amtsantritt verstorben.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was mit dem alten Papst, also dem jungen Vorvorgänger, passiert sei, will Manson wissen. Der liege nach diversen missglückten Herztransplantationen im Koma, erfährt er. Schon bald sehen wir ihn wieder: den von Jude Law verkörperten, von katholischen Eiferern vergötterten Pius, bis auf ein Tuch über den Lenden nackt ausgestreckt wie Jesus im Grab, von Jüngerinnen in mehr als frommer Verzückung gewaschen, die Auferstehung erwartend.

          Willkommen bei „The New Pope“, Paolo Sorrentinos Fortsetzung seiner Serie „The Young Pope“, die an optischem Bombast, Religionskitsch, als Körpergrusel verkleideten erotischen Schauwerten und Staraufgebot so wenig spart wie der Vorgänger – oder ihn noch überbieten will. In diesem hatte Sorrentino als Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion amerikanischen Sexappeal auf den Stuhl Petri gesetzt und uns zusehen lassen, wie Lenny Belardo alias Pius XIII. sich selbst zum Geheimnis des Glaubens stilisiert: als Papst, der sein Gesicht verbirgt, Wunder tut, Unterwerfung fordert und fanatischen Eifer entzündet, bevor es ihn auf dem Gipfel seines Pontifikats in Venedig dahinstreckt. Küchenpsychologisch stringent, schleppte Belardo, von Law mit enigmatischer Präsenz verkörpert, als Stellvertreter Christi einen manifesten Vater- sowie Mutterkomplex mit sich herum – ein Motiv unter vielen, die „The New Pope“ aufgreift, kaleidoskopisch spiegelt und variiert.

          Nun räkelt sich der Meta-Schauspieler Malkovich als von den Mächtigen in der Kurie umworbener Wunschkandidat Kardinal Sir John Brannox auf einer Ottomane in dem schlossähnlichen Anwesen seiner Familie vor den Toren Londons: ein adeliger Dandy mit Khol um die Augen, aus dessen Mund Lyrik perlt und der sagt, mit dem Schauspieler John Malkovich könne er nicht viel anfangen. Aber Sharon Stone wolle er gerne treffen – was auch geschieht, sie spielt sich selbst, wie Marilyn Manson.

          Im Nordflügel des Anwesens werden derweil Brannox’ greise Eltern beatmet, mühsam im Prunk am Leben erhalten wie der alt gewordene Katholizismus in Europa. Ihrem Sohn John sind sie in Hass verbunden, weil er – großes Geheimnis der Serie, aber letztlich doch eigentlich irrelevant – auf irgendeine Weise vor Jahrzehnten den Tod seines eineiigen Zwillingsbruders mit dem sinnigen Namen Adam zumindest nicht verhindert haben soll. Kain und Abel mal anders.

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