https://www.faz.net/-gsb-a0i6k

Serie über Katharina die Große : Was für ein verblüffender Wahnsinn

m Zerrspiegel der Macht: Katharina (Elle Fanning). Bild: Hulu

Elle Fanning stellt in „The Great“ eine ganz eigene Erzählung über eine junge Prinzessin vor, aus der Katharina die Große wurde. Sie behält unter lauter Narren die Nerven.

          3 Min.

          Wie Kostümfilme herrlich historiographisch freizügig und dabei dekadent brillant werden können, hat im Kino „The Favourite“ gezeigt, Giorgos Lanthimos’ gleichermaßen opulente wie machtpsychologisch faszinierende Hofintrige um die Dreiecksbeziehung zwischen einer barocken Königin und ihren beiden Favoritinnen. Am Drehbuch mitgeschrieben hatte damals Tony McNamara, der nun seine eigene Variation des Themas präsentiert: In der ursprünglich für den Sender Hulu produzierten Fernsehserie „The Great“ befinden wir uns nicht mehr am Hof der englischen Königin Anne, sondern an dem des russischen Zaren Peter III. Doch wieder stehen Frauen im Zentrum der Geschichte, die hier offensiv als nur „gelegentlich wahr“ annonciert wird. Unangefochtene Hauptfigur der Satire ist die titelgebende Große: Katharina selbstverständlich, Kaiserin von Russland.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Elle Fanning trägt nach ihrem glänzenden Auftritt als Mary Shelley wieder Krinoline und ist das Zentralgestirn in einem irrlichternden Hofuniversum, das mit absurdem Pomp seine eigene voraufklärerische Verrohung kostümiert. Für zartbesaitete Gemüter ist das nichts, wie hier jeder Anlass zum grundlosen Gewaltausbruch mit einem freudigen „Hussa!“ begrüßt und drauflosgedroschen oder -geschossen wird. Flüche (immerzu das F-Word) fliegen mit derselben Häufigkeit durch die Gegend wie Gläser an die Wand, und der despotisch-dämliche Monarch lässt sich selbst und anderen nicht nur im übertragenen Sinne die Hosen herunter. Nebenbei werden wir Zeugen noch der unappetitlichsten Notdurftverrichtung. Es wird zwar mehr angedeutet als gezeigt in der von wechselnden Regisseuren (darunter Matt Shakman, Colin Bucksey und Ben Chessell) inszenierten Serie, aber so viel von elaborierter Ornamentik umrankte Derbheit war nie, und das Tolldreiste steigert sich bis zur Albernheit.

          Umso faszinierender ist es, zu beobachten, auf welche Weise Elle Fanning in diesem Zirkus eine Figur verkörpert, die bei aller Überzeichnung nie ganz zur Karikatur verkommt, sondern auf ihrem Gesicht dieselbe Verblüffung über den Wahnsinn spiegelt, die auch der Zuschauer empfinden mag. Die geschliffenen, überemphatischen, sich zu Monologen ausweitenden Sätze, die McNamara als Drehbuchautor und ausführender Produzent ihr in den Mund legt (sensationell ihre Exposition der Hochzeitsnacht), scheint sie zu genießen wie andere Wodka-Pralinen mit gezuckerten Veilchen. Dabei schaut sie aus, als wäre sie mit ihrem rosig überhauchten Alabasterteint geradewegs einem Rokoko-Pastell entstiegen. Überhaupt sind Kostüme, Ausstattung und Maske exquisit.

          Doch worum geht es eigentlich? Katharina, noch Prinzessin Sophie von Anhalt-Zerbst, nimmt uns mit von der Schaukel, auf der sie ihren Jungmädchenträumen von der großen Liebe und einem dafür stehenden Bären nachhängt, auf die Reise nach Russland, Bücher von Voltaire, Descartes und Rousseau im Gepäck. Weiter weg von Helen Mirrens Interpretation der reifen Zarin in der Sky-Serie „Katharina die Große“ kann man kaum sein; eine Ahnung von Sofia Coppolas Pop-Königin „Marie Antoinette“ von 2006 liegt in der Luft. Sophies Bräutigam (Nicholas Hoult) entpuppt sich als verkorkstes Riesenbaby mit Hang zur Grausamkeit und einem einzigen echten Hobby: seinen Mätressen. Nur von Ferne erinnert er an den jungen Heinrich VIII. in „The Tudors“. Die Mumie seiner verstorbenen Mutter im Schrank und der Feldzug gegen die Schweden sind nur zwei Pointen einer Regentschaft, die ein einziger Witz ist. Katharina betritt nicht als machtbesessene Erotomanin die Bühne, als die sie gerne gezeichnet wird, sondern als junge Naive. Emotional und sexuell vom Gatten enttäuscht, sucht sie verzweifelt einen Ausweg, bis sie emanzipatorische Ambitionen entwickelt – Bildung für die illiteraten Frauen am Hof – und erkennt, dass Peter wegmuss, wenn sie etwas davon erreichen und glücklich werden will.

          Die Zeit vergeht damit, dass Katharina, ihr von Peter zugeteilter Liebhaber Leo (Sebastian de Souza), die schlagfertige Zofe Marial (Phoebe Fox) und der Bücherwurm Orlo (Sacha Dhawan) ein tödliches Komplott gegen Peter schmieden. Schnell steht der mit einem Bein im Grab und baumeln Verdächtige gehängt von der Decke. Die Adelsgesellschaft, bewusst multiethnisch besetzt, erschrickt kurz und stürzt sich in den nächsten Tumult. Der russische Bär, Katharinas wahre Liebe, tappst leibhaftig durch die Galerien, als wäre er des mal funkelnden, mal plump knallenden Spiels im Zerrspiegel der Macht schon müde. Zehn Episoden muss er nicht durchhalten. Sein Ende ist natürlich grausam.

          The Great startet heute auf Starzplay/Amazon.

          Weitere Themen

          Keine Angst vor Müll, Chaos und der Mafia!

          Buch über Palermo : Keine Angst vor Müll, Chaos und der Mafia!

          Die Perfektion ist hier nicht zu Hause: Roberto Alajmos Antireiseführer über Palermo erscheint in einer überarbeiteten Ausgabe. Sie illustriert, dass sich vieles in Siziliens Hauptstadt zum Besseren verändert hat.

          Topmeldungen

          2:2 gegen Ungarn : Ein denkwürdiges deutsches Drama

          Es ist ein Abend des puren Nervenkitzels: Lange droht dem DFB-Team ein Debakel wie bei der WM. Der eingewechselte Leon Goretzka verhindert das EM-Vorrundenaus mit dem späten Ausgleich gegen Ungarn.
          Hoffnung auf Herdenimmunität: Menschen in der Fußgängerzone der Münchener Innenstadt

          Neue RKI-Zahlen : Immer mehr Delta-Infektionen

          Die Inzidenzen sinken weiter. Doch laut RKI hat sich der Anteil der Delta-Variante bei den Neuinfektionen seit vergangener Woche fast verdoppelt. Dennoch: Die Bundesländer bleiben gelassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.