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„The Crown“ bei Netflix : Bloß nicht aus der Rolle fallen

Diese Hutprobe wird zur Mutprobe: Elisabeth II. (Claire Foy) setzt sich die Krone auf. Bild: Netflix

Mehr als Pomp und Circumstances: Netflix hat das Leben von Elisabeth II. verfilmt. Die Serie „The Crown“ sieht glänzend aus und zeigt, was politische Repräsentation bedeutet.

          4 Min.

          Bis die Hauptfigur endlich ans Licht tritt, dauert es geschlagene vier Stunden. Jedes Wort, jeden Schritt, jede Geste aller anderen Charaktere hat sie bis dahin aus dem Verborgenen bestimmt, doch sie blieb ein Abstraktum, eine körperlose Vorstellung, ein Begriff. Nun nimmt sie Gestalt an. Halb staunend, halb ängstlich beäugt von ihren beiden Kindern, steht die junge Königin vor dem Spiegel und sieht statt der eigenen Reflexion einen Augenaufschlag lang das Bild ihres Vater, wie er mit bangem Pflichtbewusstsein tat, was siebzehn Jahre später sie probeweise tut. Sie setzt den goldenen, mit Edelsteinen besetzten Fünfpfünder auf das Haupt - die Krone.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Um „The Crown“ und nichts anderes geht es in der gleichnamigen Serie von Netflix. In ihr führen die amerikanischen „House of Cards“-Macher den Briten bei der BBC  und dem „Downton Abbey“-Sender ITV vor, mit welch atemberaubender Exzellenz man es auch jenseits des Atlantiks versteht, jüngere britische Adelsgeschichte zu inszenieren.

          Tausendmal erzählt, nie so gesehen

          Dabei klingt das Vorhaben zunächst nach Monarchisten-Kitsch in Serie: In zehn einstündigen Episoden rollt der Streamingdienst die Thronbesteigung und frühen Regierungsjahre von Königin Elisabeth II. auf, Rückblenden in ihre Kindheit inklusive. Tausendmal erzählt, ist die Storyline spätestens seit dem diamantenen Thronjubiläum der Queen oder ihrem neunzigsten Geburtstag jedem geläufig, der jemals eine Klatschgazette in der Hand hielt oder fünf Minuten Rolf Seelmann-Eggebert im Fernsehen zugehört hat.

          Als Kronprinzessin lebt es sich unbeschwerter: Elisabeth (Claire Foy) mit Philip (Matt Smith) und seinen Ruderkameraden auf Malta

          Eine Familie und eine ganze Nation werden traumatisiert, als Edward VIII. hinschmeißt, um mit einer geschiedenen Amerikanerin durchzubrennen. Der Bruder, stotternd, tapfer, integer, übernimmt als George VI. den Posten, bringt das Land durch den Zweiten Weltkrieg, stirbt vor der Zeit, auf dass seine Älteste, eben erst liebesverheiratet mit ihrem Philip, dessen Familie für raised eyebrows sorgt, mit 26 Jahren den Thron besteigt  - und eines weiß: Von jetzt an zählt, wenn es darauf ankommt, nur noch die Pflicht, zählt nur noch die Krone, soll sich ein Debakel wie mit Edward nicht wiederholen. Die Schwester Margaret bekommt das als erste zu spüren. Einen Geschiedenen heiraten? No way!

          Netflix geht aufs Ganze

          Eine nostalgisch überhauchte Emanzipationsgeschichte im höchsten Staatsamt hätte das Ganze werden können, ausgestellt in schönsten Gewändern und Kulissen, eng verhäkelt mit Liebesleid und -freud und gespickt mit indiskreten Blicken hinter royale Schlafzimmertüren. Stattdessen ging man bei Netflix aufs Ganze. „The King’s Speech“ und „The Queen“ setzten den Maßstab.

          Auf dem Weg zum Altar: Elisabeth (Claire Foy) und ihr Vater König George VI. (Jared Harris)

          Peter Morgan, der das Drehbuch für den Elisabeth-Film mit Hellen Mirren geschrieben hatte, wurde als Autor und ausführender Produzent gewonnen. Ihm zur Seite steht „The Hours“-Regisseur Stephen Daldry. In tragenden Rollen treten auf: Als Elisabeth II. Claire Foy, die für die BBC als Titelheldin in der Serie „Little Dorrit“ und als Anne Boleyn in „Wolf Hall“ geglänzt hat. Wie kaum eine andere versteht sie es, Alltäglichkeit oder sogar Unscheinbarkeit und unbestechliche Würde zugleich auszustrahlen. Philip wird von dem ehemaligen „Doctor Who“ Matt Smith verkörpert - und der stiehlt seiner Filmpartnerin regelmäßig fast die Schau. Als Winston Churchill schließlich sehen wir mit John Lithgow einen Amerikaner, der englischer als ein Engländer wirkt und dabei noch glaubhaft wie Churchill, obwohl er ihm kein bisschen ähnelt.

          Das Budget war königlich

          Bis in die Nebenrollen hinein perfekt besetzt, prunkt „The Crown“ mit einem Etat von angeblich hundert Millionen Pfund. Allein die Replik von Elisabeths Brautkleid - die Hochzeit mit ihrem Prinzen eröffnet die Serie - soll 35.000 Pfund gekostet haben. Und das sieht man. Geld allein mag keine guten Filme machen, aber Geld plus die richtigen Schauspieler, ein kluges Drehbuch und ein fähiger Regisseur geben der Serie erst die beiläufig vorgetragene visuelle Opulenz, die ihre Zuschauer in die Habitate der Noblesse entführt.

          Das aber bedeutet in diesem Fall: In das Reich einer Form von Politik, die von unserer gegenwärtigen kaum weiter entfernt sein dürfte - und sie doch wie in einem fernen Spiegel reflektiert. „The Crown“ ist, auf ein amerikanisches Publikum schielend, eine Reise in ein kultiviertes Land, in dem das Laute, Vulgäre und Privatissimi keinen politischen Ort haben. In ein märchenhaft entrücktes Anti-Trump-Land, wo Altherrenwitze allenfalls beim Ankleiden ausgetauscht werden und Royals noch keine Celebrities sind. Was sich ändern wird.

          Die Serie kreist um die feine Linie, die eine Privatperson von ihrer öffentlichen Funktion trennt (das sollte auch jeden Twitter-Nutzer interessieren) und das, was königliche Selbstdarsteller wie Edward alias David Windsor (Alex Jennings), der sein Leben in eine Reality-Show verwandelt, von denen unterscheidet, die vielleicht nicht unbedingt die Klügsten und am besten Ausgebildeten sind, es aber ernst meinen mit ihren bald telemedial ausgestrahlten Rollenbildern. Wie der sich zu Tode hustende George (Jared Harris). Repräsentation muss - Kantorowicz lässt grüßen - nichts mit dem wirklichen Leben zu tun haben, kann aber wahrhaftig sein. Authentizität dagegen, der Fetisch der Gegenwart, ist von Übel.

          Dieses Paradox macht „The Crown“ auf und vergisst nicht, dass kein Mensch sich so etwas anschauen wollte, wenn es nicht auf Schauwerte wie Commonwealth-Reisen, Ritte übers Land, Herzensdramen und Ehekrisen hinausliefe. Das Politische ist privat, wenn wir einer zur Überparteilichkeit verdammten konstitutionellen Monarchin dabei zusehen, wie sie immer wieder eines tun muss, ob der Smog durch London wabert oder an Churchills Stuhl gesägt wird: schweigen und nichts tun. Näher als die Dienerschaft kommen wir ihr dabei fast nie.

          Unter lustigen Hüten

          So gerät zum ehelichen Showdown, wenn, in Schuss und Gegenschuss fotografiert, Elisabeth und Philip im Chor von Westminster Abbey klären, ob der Ehemann nach der Krönung vor seiner Frau und Königin niederknien muss. Er sei doch keine Amöbe, tobt der Prinzgemahl, der schon schlucken musste, dass seine Kinder nicht mehr seinen Namen tragen, er seine Karriere bei der Marine aufgeben und aus Clarence House in den Palast ziehen sollte. Schließlich kniet er doch. Und schmatzt seiner Elisabeth danach den Zeremonialkuss so auf die Wange, dass klar ist: Darling, täusche dich nicht, ich werde immer wieder aus der Rolle fallen. Ohne ihn, der von lustigen Hüten redet, wenn er Kronen meint, ob bei kenianischen Stammeskönigen oder den Windsors, wäre das Ganze kaum auszuhalten.

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