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„The Crown“ bei Netflix : Bloß nicht aus der Rolle fallen

Das Budget war königlich

Bis in die Nebenrollen hinein perfekt besetzt, prunkt „The Crown“ mit einem Etat von angeblich hundert Millionen Pfund. Allein die Replik von Elisabeths Brautkleid - die Hochzeit mit ihrem Prinzen eröffnet die Serie - soll 35.000 Pfund gekostet haben. Und das sieht man. Geld allein mag keine guten Filme machen, aber Geld plus die richtigen Schauspieler, ein kluges Drehbuch und ein fähiger Regisseur geben der Serie erst die beiläufig vorgetragene visuelle Opulenz, die ihre Zuschauer in die Habitate der Noblesse entführt.

Das aber bedeutet in diesem Fall: In das Reich einer Form von Politik, die von unserer gegenwärtigen kaum weiter entfernt sein dürfte - und sie doch wie in einem fernen Spiegel reflektiert. „The Crown“ ist, auf ein amerikanisches Publikum schielend, eine Reise in ein kultiviertes Land, in dem das Laute, Vulgäre und Privatissimi keinen politischen Ort haben. In ein märchenhaft entrücktes Anti-Trump-Land, wo Altherrenwitze allenfalls beim Ankleiden ausgetauscht werden und Royals noch keine Celebrities sind. Was sich ändern wird.

Die Serie kreist um die feine Linie, die eine Privatperson von ihrer öffentlichen Funktion trennt (das sollte auch jeden Twitter-Nutzer interessieren) und das, was königliche Selbstdarsteller wie Edward alias David Windsor (Alex Jennings), der sein Leben in eine Reality-Show verwandelt, von denen unterscheidet, die vielleicht nicht unbedingt die Klügsten und am besten Ausgebildeten sind, es aber ernst meinen mit ihren bald telemedial ausgestrahlten Rollenbildern. Wie der sich zu Tode hustende George (Jared Harris). Repräsentation muss - Kantorowicz lässt grüßen - nichts mit dem wirklichen Leben zu tun haben, kann aber wahrhaftig sein. Authentizität dagegen, der Fetisch der Gegenwart, ist von Übel.

Dieses Paradox macht „The Crown“ auf und vergisst nicht, dass kein Mensch sich so etwas anschauen wollte, wenn es nicht auf Schauwerte wie Commonwealth-Reisen, Ritte übers Land, Herzensdramen und Ehekrisen hinausliefe. Das Politische ist privat, wenn wir einer zur Überparteilichkeit verdammten konstitutionellen Monarchin dabei zusehen, wie sie immer wieder eines tun muss, ob der Smog durch London wabert oder an Churchills Stuhl gesägt wird: schweigen und nichts tun. Näher als die Dienerschaft kommen wir ihr dabei fast nie.

Unter lustigen Hüten

So gerät zum ehelichen Showdown, wenn, in Schuss und Gegenschuss fotografiert, Elisabeth und Philip im Chor von Westminster Abbey klären, ob der Ehemann nach der Krönung vor seiner Frau und Königin niederknien muss. Er sei doch keine Amöbe, tobt der Prinzgemahl, der schon schlucken musste, dass seine Kinder nicht mehr seinen Namen tragen, er seine Karriere bei der Marine aufgeben und aus Clarence House in den Palast ziehen sollte. Schließlich kniet er doch. Und schmatzt seiner Elisabeth danach den Zeremonialkuss so auf die Wange, dass klar ist: Darling, täusche dich nicht, ich werde immer wieder aus der Rolle fallen. Ohne ihn, der von lustigen Hüten redet, wenn er Kronen meint, ob bei kenianischen Stammeskönigen oder den Windsors, wäre das Ganze kaum auszuhalten.

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