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TV-Serie „Tales from the Loop“ : Neulich, als ich mich selbst traf

Hören, wie ihre Zukunft klingt: Großvater (Jonathan Pryce) und Enkel (Duncan Joiner) in „Tales from the Loop“. Bild: Amazon Studios, Prime Video

Amazon hat aus den Bildern und fiktiven Memoiren des Schweden Simon Stålenhag eine ziemlich seltsame Sci-Fi-Serie gemacht: „Tales from the Loop“ entführt in eine Zukunft, in der nichts ist, wie es scheint.

          3 Min.

          Wie sind wir hier nur gelandet? In dieser fremdartig-vertrauten Paralleluniversumsversion unseres bisherigen Lebens? Wer dem Gefühl der Verstörung, das mittlerweile das Dasein auf dem „Planeten Corona“ prägt, diesem heimelig-unheimlichen Bedrohtsein in der Quarantäne, entfliehen und zugleich in es eintauchen möchte wie in einen beklemmend schönen Traum, dem sei die Serie „Tales from the Loop“ ans Herz gelegt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine Empfindung watteweicher Betäubtheit breitet sich hinter der Stirn aus, sobald man zu Kompositionen für Streicher oder Klavier von Philip Glass und Paul Leonard-Morgan durch phantastische Bilderwelten gleitet. Da stapft ein kleines Mädchen (Abby Ryder Fortson) durch schneebedeckte  Weiten auf der Suche nach seiner Mutter, scheinbar mitfühlend beäugt von einem gigantischen Roboter unklarer Funktion. Da streckt ein Junge (Duncan Joiner) neben seinem Großvater (Jonathan Pryce) den Kopf in etwas hinein, das wie ein gestrandete Riesenboje auf dem Feld ruht und sich auf Zuruf als Echokammer des eigenen, zukünftigen Selbst erweist. Da schraubt ein liebeskranker Pförtner (Ato Essandoh) an einem futuristischen Mähdrescher herum, bis dieser ihn dahin bringe, wo der Angebetete wartet. Doch es gilt auch: Ich ist ein anderer. Aufreizend langsam entfaltet sich jede der neun knapp einstündigen Episoden, als wäre die Zeit kein ruhiger Fluss, sondern eine zähe Masse, die sich in aller Ruhe dehnen, drehen, verknoten und in Schleifen legen ließe.

          Irgendetwas dieser Art muss in dem unterirdischen Laboratorium „Loop“ stattfinden, über dem sich die Lebenswelt der dort arbeitenden Menschen und ihrer Familien als Retroidyll erhebt, das – wie Bekleidung, Einrichtung und Gebrauchstechnik verraten – überall und nirgends angesiedelt ist zwischen den sechziger und neunziger Jahren und einer unbekannten Zukunft. Selbst die belebte und die unbelebte Natur gebärden sich als Wechselbälger: Steine vibrieren, Schnee fällt nach oben, das Holz eines Hauses explodiert im Zeitlupentempo in den offenen Raum hinein. Verantwortlich dafür, dass vermeintlich Unmögliches möglich wird, scheint eine aus schwarzen Kristallstrukturen zusammengesetzte Monumentalkugel im „Loop“ zu sein. Mit ihrer Hilfe lassen sich wohl Dellen in das Netz aus Raum und Zeit drücken, unerwünschte Verwerfungen inklusive.

          Die anders sortierte Vergangenheit der analog sozialisierten Erwachsenen von heute als Mysterienspiel, erforscht von Kindern, unterkellert von finsteren Geheimnissen, durchstreift von Verschwindenden: Das wirkt auf den ersten Blick wie Netflix’ „Stranger Things“ oder „Dark“ auf Valium, ein Abklatsch der retrospektiven Sinnsuche digitaler Immigranten, dargeboten als hypnotisches Sedativum. Doch obwohl die von Amazon Prime produzierte Serie wesentliche Charakteristika mit den Sci-Fi-Mystery-Produktionen für Nostalgiker von der Konkurrenz teilt, obwohl sie stellenweise langatmig bis zur Langeweile ist, wenn man keinen Sinn für lyrische Leere hat, und obwohl Retrofuturismus schon vor langer Zeit in einer fernen Galaxie nichts Neues war, bleibt „Tales from the Loop“ doch ein origineller Beitrag zum Genre. Weil diese Geschichten schon ein Eigenleben und eine eigene Bildsprache hatten, bevor die erste Szene aus ihnen gedreht wurde.

          „Tales from the Loop“ von Nathaniel Halpern ist die Adaption des gleichnamigen Romans des 1984 geborenen Schweden Simon Stålenhag. Der Grafiker und Schriftsteller ergänzt seine fiktiven Memoiren, die im Fischer Verlag auf Deutsch erschienen sind, mit hyperrealistischen Gemälden. Sie zeigen fast menschenleere Szenerien mit gigantischen Türmen und besonders klein davor wirkenden Kindern, Schneefelder oder Industrieparks. In Stil und Komposition von Edward Hopper ebenso inspiriert wie von Computerspielästhetik, machen seine Bilder einen wesentlichen Reiz des „Loop“-Universums aus, das es dank einer Crowdfunding-Aktion seit einigen Jahren auch als Pen-and-Paper-Rollenspiel gibt. Nun folgt die Verfilmung.

          Sie schwelgt in der vollendeten Zukunft in Möglichkeitsformen, erinnert sehnsuchtsvoll an etwas, das wir nie erleben werden. Es geht um Tod und Liebe, Verlieren und Wiederfinden, Grenzen des Möglichen und Menschen, die sich selbst begegnen in einer jüngeren oder alternativen Version ihrer selbst. Erklärungen gibt es keine, die Dialoge sind sparsam, die Handlung karg. Dafür flirren Glühwürmchen durchs Dunkel, und man rutscht immer tiefer in diese Serie hinein, als wäre sie der Strudel im Ackerboden, der in „Tales from the Loop“ andeutet: Vorsicht, es könnte dich hinwegtragen.

          Tales from the Loop, auf Amazon Prime

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