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„Schwartz & Schwartz“ im ZDF : Die spielen uns was vor

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Zwei Brüder, zwei Meinungen: Devid Striesow (l.) und Golo Euler sind die Herren „Schwartz & Schwartz“. Bild: ZDF und Hardy Spitz

Die Reihe „Schwartz & Schwartz“ im ZDF ist nicht nur guter Krimistoff. Sie ist ein Kabinettstückreigen. Und besser als mancher „Tatort“. Was Devid Striesow und Golo Euler in den Titelrollen anstellen, ist sehenswert.

          Drei Kinder hat der bayerische Großbäcker Gerd Weisshappel (Michael A. Grimm) mit starker Männerhand aufgezogen, zwei faule Nichtsnutze und eins, das ganz nach ihm kommt. Was aber die zielstrebige Johanna (Stephanie Amarell) nachts auf der Großbaustelle ihres Praktikums-Arbeitgebers Hans-Jochen Steuffers (Fabian Hinrichs) zu schaffen hatte, bevor sie aus dem neunten Stock in den Fahrstuhlschacht stürzte, weiß nur der Baustellenwächter Christobal Radu (Eugen Pirvu).

          Der es für immer für sich behalten wird, denn er ist ebenfalls tot, nachdem Mads Schwartz (Golo Euler) ihn im Arbeiterwohnheim in Lichtenfelde aufgespürt und zu den Machenschaften des Immobilienhais auszuhorchen versucht hat. Die Polizistin Iris Doppelbauer (Brigitte Hobmeier), die den Fall Hanni Weisshappel schon als Unfall zu den Akten gelegt hat, wird neu ermitteln müssen. Inzwischen mischen sich die zerstrittenen Brüder Andi (Devid Striesow) und Mads, der erste ein Detektiv mit Wohnwagen wie weiland Rockford, der zweite nach seiner Entlassung aus dem Kriminaldienst arbeitslos und in Geldnöten, nach Kräften und mit letalen Folgen ein.

          Ihr Auftraggeber winkt mit lilafarbenen Scheinen und macht Stress. Vater Weisshappel will unbedingt Filetgrundstücksentwickler Steuffers mit seinen engen Beziehungen zum „Transparenzbevollmächtigten des Planungsausschusses der Stadt Berlin“, Mirko Lehmann (Jörg Witte), als Mörder auf dem Silbertablett. Dabei ist auch der Handwerksmeister aus dem Süden nicht die rechtschaffene Haut, die er zu sein vorgibt. Dass er sein Geld nicht in der Backstube, sondern mit Industriemischungen für Backstraßen gemacht hat, ist nur der Anfang zahlreicher Charakterdoppelbödigkeiten, die in der zweiten Folge der überdurchschnittlich ansehnlichen ZDF-Samstagskrimireihe „Schwartz & Schwartz“ fast alle Figuren kennzeichnen.

          Alexander Adolph und Eva Wehrum (Idee und Buch) gestalten ihren Krimi unter wohltuender Missachtung der bei den Öffentlich-Rechtlichen grassierenden Krimi-Formatierungsmode als Kassiber der Form. Zum veritablen Gesellschaftsdrama fehlt kaum etwas. Es gibt zwar einen Kriminalfall mit Hintergrundintrige, die üblichen fortschreitenden Ermittlungen, den Twist und die Möglichkeit einer seltsamen Geiselnahme kurz vor Schluss, der Unterschied aber liegt in den eigentümlichen Rollenprofilen. Jobst Christian Oetzmann (Regie) lässt seinen Schauspielern Raum, aus Profilen Ein-Personen-Sozialerkundungen zu machen. Devid Striesow, der gerade erst als SWR-„Tatort“-Kommissar seinen Abschied genommen hat, besitzt mit Andi Schwartz nun eine Detektivfigur, die in lauter verschiedene Binnen-Rollen schlüpfen kann.

          In „Der Tod im Haus“ gibt er unter anderem einen aufdringlichen Straßenmusiker, der französische Chansons am Straßenrand klampft und dem „bestohlenen“ Steuffers die Brieftasche „heldenhaft“ zurückbringt, worauf er als „Pierre Kunze“ im Callcenter des Baulöwen medienwirksam Reklamationen bearbeiten darf und dabei auffliegt. Nichts als gelungene Inszenierung. Auch der Schlagabtausch der zwei selbsternannten Verkaufspsychologen Steuffers und Andi Schwartz im Firmenbüro („so eine tolle, positive Stimmung hier“) ist ein fein poliertes Kabinettstück von Hinrichs und Striesow. Die Eltern-Begegnungen in der privaten Kita, in der Sohn Mika (Ari Kurecki) nach dem Rückstand der Beitragszahlungen im Kleinkindtheater nicht mehr den Blütenprinzen spielen darf, sondern bloß eine Schraube, sind gut beobachtete Alltagswirklichkeit – die Mads und seine Frau Jasmin (Cornelia Gröschel) helikopterpädagogisch um Jahre zurückwirft.

          Analog zur Handlung wird auch die Bildgestaltung von Volker Tittel immer verspielter. Ob der Einfall, eins der ungezogenen erwachsenen Kinder von Bäcker Weisshappel im Auto mit der Dauerschleife des Kinderliedklassikers „Das kleine Trampeltier“ zu peinigen, im Katalog der psychologischen Folter der UN-Menschenrechtskonvention zu finden ist? Dass man auch als Schraube und nicht nur als Blütenprinz ein interessantes Leben führen kann, müssen diese Brüder jedenfalls noch lernen. Es bleibt spannend. Für einmal „Schwartz & Schwartz“ lassen sich gut und gerne ein halbes Dutzend aktueller Sinnkrisen-„Tatorte“ eintauschen.

          Schwartz & Schwartz läuft heute, Samstag 23. März, um 20.15 Uhr im ZDF.

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