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Serie „Sanditon“ : Die feine Gesellschaft schleichender Erben

Alles noch ein bisschen unfertig hier. Charlotte Haywood (Rose Williams), Kind vom Land, ist trotzdem beeindruckt von Sanditon. Bild: Red Planet Pictures/BBC/Sony

Die Fernsehserie „Sanditon“ spinnt Jane Austens letzten, unvollendet gebliebenen Roman fort – leider nicht immer in ihrem Sinne. Etwas weniger Sex & Crime hätte schon geholfen.

          2 Min.

          Eines der traurigsten und spannendsten Gedankenspiele der Literatur ist die Frage, was Jane Austen noch geschrieben hätte, wäre sie nicht mit gerade einmal 42 Jahren gestorben. Eine Ahnung gibt der unvollendete Roman Sanditon, der in dem gleichnamigen, fiktiven Nest an der englischen Küste spielt, das von ambitionierten Planern und Investoren zu einem mondänen Seebad ausgebaut werden soll.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Zentrum steht die junge Charlotte, ein Mädchen vom Land, das ein mit der Kutsche verunglücktes Ehepaar, die Parkers, aufliest und sie mit nach Hause nimmt. Natürlich bekommen die Herrschaften Obhut, bis die Kutsche repariert ist, was sich hinzieht. In der Zwischenzeit haben die Parkers ausführlich Gelegenheit, von Sanditon und seinen Vorzügen zu schwärmen, und erklären sich nur zu gerne bereit, zum Dank für die Pannenhilfe Charlotte den Sommer über bei sich zu beherbergen.

          So lernt Charlotte nicht nur die mehrfach verwitwete und steinreiche Lady Denham kennen, die eigentliche Herrscherin über Sanditon, sondern auch deren verarmte Verwandtschaft, die mehr oder weniger Geduld darin aufbringt, auf das Erbe der alten Dame zu warten. Dazu kommen aufregende Gäste, unter anderem die begüterte Erbin einer Plantage auf den Westindischen Inseln, die mit Anstandsdame anreist und, so etwas hat man hier noch nie gesehen, eine dunklere Hautfarbe hat als die restlichen Anwesenden.

          Vampire in Puffkulisse

          Soweit ist Jane Austen vor ihrem Tod noch selbst gekommen. Ansätze, den Roman fertig zu erzählen, gab es schon einige. Nun hat sich Andrew Davies der Sache angenommen, ein in Sachen Kostümdrama durchaus versierter Mann. Er hat bereits Austens „Stolz und Vorurteil“ für das Fernsehen adaptiert, ebenso „Vanity Fair“ und „Middlemarch“. Man sollte eigentlich meinen, der Stoff und die Figuren seien bei ihm in guten Händen, zumal auch Ausstattung und Musik auf den ersten Blick sehr aufwendig und passend ausfallen. Aber auf den zweiten Blick stimmt dann eben doch vieles nicht. Austen-Kennern werden bald falsche Frisuren, deplazierte Tänze, fragwürdige Innenausstattungen auffallen, die sich kaum als bewusste künstlerische Entscheidungen rechtfertigen lassen. Eine solche ist etwa der Entschluss, die Sache etwas expliziter ausfallen zu lassen, als die gelinde gesagt unterkühlte Erotik der Vorlage es erlaubt – besonders klug ist das aber nicht.

          Wirklich ins Gewicht fallen bald die vielen falschen Töne der fortgesponnenen Erzählung. Man beginnt alsbald, Austens psychologische Versiertheit und ihr Feingespür zu vermissen. Die Figuren handeln immer holzschnitthafter. Das obligate Cricket-Match hat man bei „Downton Abbey“ auch schon charmanter umgesetzt gesehen. Es kommt zu Kutschenverfolgungsjagden mit wilden Stunts. Und die schleichenden Erben der Lady Denham sind kein eher unsympathisches Geschwisterpaar mehr, sie werden geradezu zu inzestuösen Vampiren verzerrt, die in einer überkandidelten Puffkulisse hausen. Jetzt, denkt man sich allmählich, würden auch Zombies nicht mehr groß stören.

          Derart ausgemachte Bösewichte in Schauerromansetting würde man eher in den Fortsetzungsromanen des späten 19. Jahrhunderts vermuten, wenn die Autoren, um das Publikum über mehrere Ausgaben hinweg bei der Stange zu halten, zu grellen Effekten greifen. Dort sind sie auch ausgesprochen unterhaltsam, aber in einem Austen-Roman leider fehl am Platz. So schaut man sich also „Sanditon“ an, ist streckenweise immerhin ganz gut unterhalten, was auch das Verdienst der Schauspieler ist, und bedauert am Ende doch, dass der Roman nicht mehr von der Autorin selbst vollendet werden konnte. Sie hätte das alles einfach so viel besser hinbekommen.

          „Sanditon“ läuft heute, am Ostermontag, um 20.15 Uhr auf Sony Channel.

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