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Amazon-Serie „Preacher“ : Der Heilige Geist ist gegen ein Rauchverbot

  • -Aktualisiert am

Ohne Filter: Dem Prediger Jesse Custer (Dominic Cooper) ist nicht alles heilig. An seiner Berufung jedoch besteht kein Zweifel. Bild: Lewis Jacobs/Sony Pictures Televsion/AMC/Amazon

In der Serie „Preacher“ suchen verkrachte Existenzen nach Gott und nehmen es mit des Teufels Handlangern auf. Dabei haben sie den schwarzen Humor auf ihrer Seite. Doch wird das Gute siegen?

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          Nicht einmal mehr auf die Götter ist Verlass. In der NBC-Comedy „The Good Place“ lässt der Türsteher versehentlich eine ausgemachte Sünderin durch die Himmelspforte. In der Serie „American Gods“ treten die alten Götter, an die niemand mehr glaubt, gegen die modernen Götzen an. In „Preacher“ hat Gott sich ganz abgesetzt – weshalb sich ein buntes Trio auf die Suche nach ihm macht: der titelgebende Exkriminelle und Prediger Jesse Custer (Dominic Cooper), die Gangsterbraut Tulip (Ruth Negga) und der irische Vampir Cassidy (Joseph Gilgun).

          Das klingt nach unterhaltsamer Blasphemie, doch darum handele es sich keineswegs, sagte Seth Rogen kürzlich in Los Angeles. Gemeinsam mit Evan Goldberg bearbeitet er den Comic „Preacher“ von Garth Ennis und Steven Dillon fürs Fernsehen, er findet seine Serie alles andere als respektlos. Es sei nicht so, dass man das Transzendente leugne, man stelle vielmehr die Frage: „Was, wenn das alles echt ist?“ Erstaunlicherweise interessierten sich die Leute sehr für solche Fragen. „Wir waren schockiert, dass wir viel weniger Menschen auf die Zehen getreten sind, als man hätte annehmen können.“

          Sie zeigt ihm die kalte Schulter: Für Tulip (Ruth Negga) ist der Preacher trotzdem Feuer und Flamme.

          Gott ist also unauffindbar, dafür fährt der Heilige Geist in Jesse Custer und verleiht ihm Superkräfte. Zwei Engel mit niederem Dienstrang fahren auf die Erde, um nach dem Rechten zu sehen, was immer wieder grandios misslingt. Die Lage spitzt sich zu, als ein schießwütiger Heiliger (Graham McTavish) auftaucht, der statt der Hölle auch einem Western von Sergio Leone entstiegen sein könnte.

          Die erste Staffel erzählt eine Ursprungsgeschichte: Jesse Custer musste einst den gewaltsamen Tod seines Vater mit ansehen, geriet auf die schiefe Bahn und hoffte als Pfarrer in einer texanischen Kleinstadt auf einen Neubeginn. Nachdem der Ort durch allerhand vertrackte Umstände in Schutt und Asche liegt, macht er sich nun mit seiner ehemaligen Weggefährtin Tulip sowie dem nihilistischen Vampir Cassidy auf die Suche nach Gott. Denn der, meint Jesse, sei ihm eine Erklärung schuldig.

          Gleich kommt noch ein Busch vorbeigeflogen: Der Arbeitsplatz des Preachers ist nicht gerade eine Kathedrale in der Wüste.

          Dem Komiker – und hier Produzent – Seth Rogen hat große Freude am Spiel mit popkulturellen Versatzstücken dieser „Amerika-Phantasie“. „Das Coole ist, dass wir hier so viele verschiedene Tonalitäten vereinen können – komisch und ironisch und gruselig und aufregend und schockierend.“ „Preacher“ ist zugleich Western, Roadmovie, Horrorfilm und schwarze Komödie. Vor allem aber ist die Serie ein Außenseiterblick auf die Mythen Amerikas. Garth Ennis, der Autor des 1995 erschienenen Comics, ist Nordire. Die Macher dieser Adaption, Rogen und Goldberg, stammen aus Kanada. Die drei Hauptdarsteller sind Engländer.

          Dominic Cooper, der den titelgebenden „Preacher“ verkörpert, ist sich der Ironie bewusst. „Wir wachsen in Europa alle mit einer gewissen Bewunderung für Amerika auf – die Landschaften, die Lebensweise, die Autos. Aber diese Cowboy-Männlichkeit, das ist anders als alles, was es gab, wo ich aufwuchs.“ Sein Jesse ist ein düster brütender Kerl in Cowboystiefeln und Johnny-Cash-Aufmachung, der in einer Szene deklamiert: „Wenn Gott unsere Hilfe braucht, helfen wir ihm. Wenn nicht, treten wir ihm in den Hintern.“ Cooper rauft sich die Haare: „Solche Arroganz! Wäre diese Figur Europäer, das würde einem doch kein Mensch abnehmen! Ich würde, wäre mir die Stimme Gottes gegeben, erzittern und sagen: Das kann ich nicht tragen! Aber Jesse? Der sagt: Ja, ich habe das verdient, und ich kann Gutes damit tun.“

          Glücklicherweise nimmt sich die Serie nicht allzu ernst, und Jesse setzt seine Kraft ziemlich profan ein: Unter anderem befiehlt seiner distanzierten Exfreundin Tulip, ihn zu küssen, und er schickt einen entstellten jungen Mann namens Arseface (Ian Colletti) in einem Wutanfall zur Hölle. Dort schmort der arme Kerl.

          Es mag durchaus sein, dass eine tiefe Enttäuschung über die irdischen Machthaber aus diesen Szenarien spricht. „Preacher“ verdeutliche das Groteske an Amerika, sagt der Chefproduzent und „Breaking Bad“-Veteran Sam Catlin. Die Serie sei „wie eine Welt ohne die Aufsicht von Erwachsenen, vielleicht so ähnlich, wie für manche das Amerika des 21. Jahrhunderts wirkt. Die Frage ist: Wenn alles so kaputt ist, wem kann Jesse die Rechnung präsentieren?“

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          An Gewalt und schwarzem Humor wird hier nicht gespart. Seth Rogen, der mit Goldberg Filme wie die Teenagerkomödie „Superbad“ und die Endzeitfarce „This is the end“ schrieb, sagt, er sei selbst überrascht, „dass man uns hier erzählerisch und inhaltlich Dinge durchgehen lässt, die in einem Film vermutlich niemals gingen“. Dazu zählen eigenwillige Entwöhnungsmaßnahmen für Twitter-Süchtige oder auch eine absichtlich billig gefilmte Autoverfolgungsjagd („weil wir kein Geld für eine teuer aussehende hatten“, wie Rogen erklärt) und eine hinreißende Montage, in der die Verzweiflung eines einsamen Engels zur großen Show in Las Vegas wird.

          Immer wieder gelingt es der Serie, Albernheiten mit kunstvollen, sogar tiefsinnigen Momenten zu verbinden. So kommt unserem Trio der Verdacht, dass Gott den Himmel verlassen habe, um in irdischen Stripclubs abzuhängen. Aber dann stellt sich heraus, wieso Gott wirklich dort war: wegen der Jazzmusik.

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