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Amazon-Serie „Paper Girls“ : Sie müssen früh raus

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Riley Lai Nelet, Sofia Rosinsky, Camryn Jones und Fina Strazza (von links) spielen die „Paper Girls“. Bild: Prime Video

Vier junge Zeitungsbotinnen aus dem Jahr 1988 landen plötzlich in der Zukunft und müssen die Welt retten. Klingt wie die Schlagzeile von gestern? Von wegen. Die „Paper Girls“ liefern ab.

          3 Min.

          Was ist das? Die Achtzigerjahre und Teenager, die die Welt retten müssen. Mix-Tapes im Walkman. Songs, die den Zeitgeist einfangen und Jahrzehnte später wieder Furore machen. Ein erstaunlicher Serien-Genremix aus Mystery, Horror, Science-Fiction und Drama. Nein, es geht hier nicht um „Stranger Things“, den in diesem Sommer fast unausweichlichen Netflix-Hit. Selbst wer für solche Produktionen wenig übrig hat, kennt wahrscheinlich inzwischen die Szene der vierten Staffel, in der Max (Sadie Sink) Kate Bushs „Running Up That Hill (A Deal with God)“ von 1985 zu hören bekommt. Früher hätte man von einem Popkultur-Phänomen gesprochen. „Paper Girls“, eine Amazon-Originals-Serie, für die unter anderem Brad Pitt als Koproduzent verantwortlich zeichnet, hat mit „Stranger Things“ freilich weniger zu tun als gedacht. Außer in den Achtzigern unter Teenagern zu spielen, die die Welt retten müssen, und mit Mac (Sofia Rosinsky) eine Hauptfigur zu haben, die Songs vom Mix-Tape auf ihrem Walkman hört, gibt es nicht viel Gemeinsames.

          Aber die Serie hat möglicherweise das Pech, in den aktuellen Welt-Hype um „Stranger Things“ hineinzugeraten und unterzugehen. Was grob unfair wäre. Denn das Mystery-Science-Fiction-Time-Travel-Drama um vier zwölfjährige Zeitungsbotinnen, die im Morgengrauen nach der Halloweennacht 1988 in einem Kaff in der Nähe von Cleveland mit ihren Fahrrädern das jungfräuliche Lokalblatt (Schlagzeile: „Reagan kritisiert die Sowjets“) zustellen und dabei in einen mörderischen Krieg zwischen aggressiven Zeitwächtern und rebellischen Geschichtsklitterern hineingeraten, der sie in die Jahre 2019, 1999 und darüber hinaus katapultiert, ist eine ziemlich clevere, ziemlich witzige und ziemlich berührende, feministisch angehauchte Coming-of-Age-Geschichte.

          Superheldinnen in Ausbildung

          In der geht es unter anderem auch um Geschlechterfragen, ein überraschendes Coming-out, die Kalamitäten der ersten Periode und unterschiedliche Rassismuserfahrungen. Nicht zuletzt bewegen die acht Folgen die bekannte, immer wieder reizvolle Frage, wer Geschichte „macht“ und zu welchem Zweck. Ob unter Gesichtspunkten der friedlichen – oder scheinfriedlichen – Ordnung Autoritäten einen Verlauf von Ereignissen als Geschichtsschreibung festschreiben dürfen oder ob es die Möglichkeit der Abweichung oder Korrektur einer zurückliegenden schlechten Wirklichkeit geben könnte – mit den bekannten physikalischen, logischen und ethischen Problemen, die Zeitreise-Entwürfe meistens zumindest unterschwellig beschweren.

          Sieger schreiben zuerst Geschichtsbücher um, heißt es. „Paper Girls“ nimmt das als Handlungsprämisse, deren Gestaltung aber auf die leichte Schulter. Die Superheldinnen in Ausbildung haben eine steile Lernkurve vor sich. Ihr Endgegner, der zeitbewachende Demiurg und Chef der Vereinigung „Old Watch“, ist ein sandalentragender Vollbart-Schluffi, verpeilt und gefährlich, den man im Silicon Valley auch in seiner Garage vergessen haben könnte. Seine Soldaten tragen dagegen schicke weiße „Star Trek“-Glitzermäntel und sind trotz Armeeerfahrung mit Hockeyschlägern leicht zu erledigen.

          „Paper Girls“ basiert auf der seit 2015 veröffentlichten Graphic-Novel-Serie von Brian K. Vaughan (Autor) und Cliff Chiang (Illustrator, „Wonder Woman“). Die ganze Kalamität beginnt, wenn Erin Tieng (Riley Lai Nelet) im Morgengrauen ihre allererste Zeitungsrunde fährt und der obercoolen Mac Coyle (Rosinsky), der oberschlauen Tiffany Quilkin (Camryn Jones) und der privilegiert aufwachsenden KJ Brandman (Fina Strazza) begegnet. Nach Halloween ist noch allerhand Gelichter auf der Straße, also vereint man die Kräfte. Seltsame Ereignisse und eine Entführung durch „Standard Time Fighters“ später finden sich die Mädchen im Haus der dreiundvierzigjährigen Erin (Ali Wong). Auch die anderen werden noch erwachsenen Versionen von sich selbst begegnen, zu anderen Zeiten, denn der wilde Geschichtsritt hat erst begonnen.

          Wer sich den genretypischen Zeitreise-Verwicklungen und dem eigenwilligen Humor der Serie überlässt, bekommt auch gut beobachtetes und anrührend gespieltes Drama. Zwölfjährige Ichs, unsicher, aber voller Möglichkeiten, oder determiniert, einen bestimmten Weg zu gehen, oder vermeintlich chancenlos und in deprimierter Stimmung, die ihren erwachsenen Ichs Standpauken halten, von ihnen begeistert sind oder tief irritiert, treffen auf Freiheitsfragen und lächerliche Kampfroboter, gesellschaftliche Diskurse und lila Himmelswurmlöcher. In „Paper Girls“ geht das aufs Beste zusammen.

          Paper Girls läuft auf Amazon Prime Video.

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