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Amazon-Serie „Modern Love“ : Lieben und lieben lassen

Die Guten ins Körbchen: Anne Hathaway und Gary Carr spielen ein Paar, das sich beim Einkauf findet. Bild: Amazon Prime

Die Serie „Modern Love“ ist nach einer berühmten Kolumne der „New York Times“ entstanden. In ihr geht es stets um große Gefühle und das wahre Leben. Aber was für ein Leben ist das?

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          Von wegen Frühlingsgefühle: Nicht Schmetterlinge und bunte Blüten, sondern fallende Blätter und nasskaltes Schauderwetter kitzeln noch in dem überzeugtesten Single die Sehnsucht nach der einen großen Liebe wach. Von Oktober bis März, heißt es, finden sich die meisten Paare. Und dort, wo diese wissenschaftlich zwar völlig unbegründete, aber überaus populäre urban legend zirkuliert und man Englisch spricht (natürlich auch bei uns), trägt das romantische Phänomen inzwischen sogar einen eigenen Namen: „cuffing season“. Das klingt wegen der Handschellen-Anspielung zwar eher nach Knast als nach Kuscheln, erklärt aber, warum im Herbst mit derselben Unvermeidbarkeit Herzwärmendes auf Sendung geht, wie Lebkuchen in die Supermarktregale rückt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die frischeste Süßware im Angebot des Großhändlers Amazon Prime heißt „Modern Love“, ist eine Miniserie aus acht voneinander unabhängigen Episoden – und ein kleiner Coup. Sie basiert auf der seit mehr als zehn Jahren überaus erfolgreichen Kolumne der „New York Times“, die es inzwischen auch als Podcast gibt und als Buch und nun eben als von der Zeitung koproduzierte Serie.

          Hinter dieser steht als leitender Drehbuchautor und Regisseur mit John Carney ein Mann, der mit Kinofilmen wie „Once“ und „Can a Song Save Your Life?“ bewiesen hat, dass es nur ein paar schräge, aber nicht allzu verpeilte und arg verschossene Figuren braucht und einen guten Soundtrack, um an Herzen zu klopfen. Nun überträgt er das der Kolumnen-Vorlage geschuldete Prinzip der Liebesanthologie, das durch Filme wie „Love Actually“ und die mit „Paris, je t’aime“ begonnene Reihe von Städteromanzen wohlig vertraut ist, ins Streaming-Fernsehen.

          Als wäre das Leben ein Ikea-Katalog

          Mit dabei sind eine Menge Stars, die hier allesamt Sympathieträger spielen dürfen, von Anne Hathaway über Ed Sheeran bis Andy Garcia. Im Ensemble bringen sie die konfettibunte Welt der Liebe in modernen Zeiten – also heute, also in New York – zur Aufführung. Wir sehen wie junge Menschen lieben und Greise, Heteros und Schwule, seelisch Stabile und psychisch Kranke; wir fühlen uns ein in die Euphorie Frischverliebter beim ersten Date und den bittersüßen Schmerz von Menschen, die einer verflossenen Liebe wiederbegegnen; werden Zeugen der Liebe zwischen Eltern und Kindern, der platonischen Liebe und der mühsam erkämpften Selbstliebe. Immer und überall geht so ziemlich alles schief, weil nur dadurch das Leben und die Fiktion interessant werden, aber am Ende wird nach ein paar verdrückten Tränchen doch alles gut – weil wir das so wollen. Oder etwa nicht? Und weil das Ganze eine einzige Hommage an New York ist, haben dessen Straßen, Cafés, U-Bahn-Haltestellen mehr als Statistenrollen. Im Natural History Museum und im Zoo geht es sogar auf die Meta-Ebene, wo sich darüber sinnieren lässt, welche seltsame Triebkraft der Natur die Liebe doch ist.

          Inszeniert und gespielt ist das alles mit Charme, Witz und Verve. Anne Hathaway legt einen glänzenden Auftritt hin als Frau mit bipolarer Störung, die in Hochphasen noch beim schnöden Supermarkt-Einkauf die innere Rita Hayworth zum Leben erweckt und dann unwiderstehlich wirkt. Im Paillettentop singend, darf sie „La La Land“ spielen, danach eine regelrecht zu Staub und Asche zerfallene, jeden potentiellen Partner in die Flucht schlagende Depressive geben. Das macht die Episode „Take Me as I Am, Whoever I Am“ zu einer der berührendsten und witzigsten zugleich. An Woody Allens Stadtneurotiker statt an Hollywoods goldene Zeiten erinnern die Komikerin Tina Fey und der „Mad Men“-Star John Slattery als Paar in der Midlife-Crisis, das nurmehr auf dem Tennisplatz wirklich zusammenkommt. Ob um gegeneinander oder miteinander zu spielen, ist nicht ausgemacht.

          Dev Patel, einst „Slumdog Millionaire“, heute als „David Copperfield“ Botschafter des multiethnischen Großbritanniens, verkörpert einen Jungunternehmer, dem mit einer Dating-Website der berufliche Durchbruch gelingt, während sein eigenes Liebesleben sich in ein Trümmerfeld verwandelt. Die Lebensbeichte gegenüber einer Journalistin (Catherine Keener) der – wie könnte es anders sein – „New York Times“ rettet diese und ihn. Sie muss dazu nicht den Krankenwagen rufen wie Yasmine (Sofia Boutella). Deren Lover schlitzt sich versehentlich mit den Scherben eines Martini-Glases auf, und so endet das Tête-à-Tête in der Notaufnahme. Gar kein so schlechter Ort, um sich nahe zu kommen, wie sich herausstellt. Als auf anrührende Weise verfehlt erweist sich dagegen die Zuneigung, die die blutjunge Maddy (Julia Garner) gegenüber dem sehr viel älteren Peter (Shea Whigham) empfindet: Er erinnert sie an den Vater, den sie nie hatte. Aber der Ärmste hat keine väterlichen Gefühle.

          So tasten die Figuren sich in diesen wahren Geschichten voran auf unsicherem Terrain, wo die alten Regeln und Machtgefüge (zum Glück) nicht mehr gelten, die neuen aber individuell und immer wieder neu erspürt werden müssen. Gender und Hautfarbe spielen keine Rolle. Es geht so reibungslos divers zu, als wäre das Leben ein Ikea-Katalog. Das ist wunderbar, aber darin liegt auch die Schwäche dieser Serie. Sie will die Komplexität und Vielfalt der Liebe von heute zeigen, doch bewegt sich dabei in einem homogenen, überaus privilegierten Ostküstenmilieu. Man lebt in Downtown, schreibt Autobiographien oder erfindet intelligente Roboter, man liest unentwegt Bücher und die richtige Zeitung. Das ist ein bisschen selbstverliebt.

          Modern Love ist bei Amazon Prime abrufbar.

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