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Remake als Miniserie : Im Schatten des Verbrechens

Tribunal der Unterwelt: M (Gerhard Liebmann) wird der Prozess gemacht. Bild: RTL/TV Now

Fritz Langs Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist ein Monument des Kinos. David Schalko hat daraus eine Fernsehserie gemacht. Sie deutet unsere Gegenwart. Reicht sie an ihr Vorbild heran?

          Wie krachend Remakes scheitern können, demonstriert im Kino gerade Neil Burgers kläglicher Versuch, „Ziemlich beste Freunde“ – nicht ohne Grund eine der erfolgreichsten französischen Filmkomödien aller Zeiten – auf Amerikanisch durchzuspielen. Ein Desaster, das nebenbei beweist: Je besser das Vorbild, an dem man sich messen lassen muss, desto größer die Häme, wenn die Neuauflage daneben miserabel aussieht. Den österreichischen Regisseur und Drehbuchautor David Schalko hat diese wohlbekannte Gesetzmäßigkeit nicht davon abgehalten, sich an noch wesentlich Größerem zu versuchen: einer Neuverfilmung von Fritz Langs Kinomonument „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, und zwar in Gestalt einer sechsteiligen Miniserie.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zuvor hat Schalko in seinen bitterböse komischen Fernsehserien „Braunschlag“ und „Altes Geld“ tiefstösterreichische Spielarten von Macht, Verkommenheit, Versponnenheit, Korruption und Bigotterie in ein grelles Licht getaucht. Mit seinem jüngsten Mehrteiler reiht er sich in die Phalanx derer ein, die beim Blick zurück auf die späte Weimarer Republik Züge unserer Gegenwart entdecken. Hinter „Babylon Berlin“ steht diese schaudernde Faszination wie hinter diversen Brecht-Filmen – und nun „M“, der Serie.

          Ihre Vorlage gelangte 1931 in die Lichtspielhäuser, knapp zwei Jahre, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Bei Fritz Lang geht ein Kindermörder um in Berlin. Fahndungsplakate und immer neue Extrablätter lösen eine kollektive Paranoia aus. Rufmord und gegenseitige Verdächtigungen zersetzen den sozialen Frieden. Die Polizei bekommt den Täter, dessen Schatten sich in ikonischen Kameraeinstellung von Fritz Arno Wagner drohend auf Fassaden legt, nicht zu fassen: Er scheint in Langs erstem Tonfilm keine andere Spur zu hinterlassen als eine dahingepfiffene Melodie aus Edvard Griegs „Peer-Gynt-Suite“, auf die nur ein blinder Luftballonverkäufer hört.

          Stephen KIngs „Es“ lässt grüßen: Szene aus „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“.

          Mit „M“ brachte Lang einen von einem realen Fall inspirierten modernen Krimi auf die Leinwand, der zwar noch um die für den Expressionismus bestimmenden Themenkreise Wahn und Masse kreiste, aber das mit neuer Sachlichkeit, wie die sorgfältig recherchierten Polizeiarbeit zeigte. Umso stärker wirkte, wie Montagen den Polizeiapparat und die organisierte Kriminalität mit ihren Bettlerbanden und Prostituierten bis an die Grenze zur Ununterscheidbarkeit parallel setzten: Das Ziel beider ist es, den Mörder zu fassen. Die einen wollen die öffentliche Ordnung wiederherstellen, die anderen die durch Razzien gestörte kriminelle Ordnung. Der Täter, ein Psychopath, droht zum Opfer der Lynchjustiz zu werden. Doch noch besteht Hoffnung auf die rechtsstaatliche Gewalt.

          David Schalko überträgt diese Handlung und viele ihrer Details nach Wien ins Jahr 2018 und fügt ihr aktuelle Bezüge auf die Flüchtlingskrise und den Rechtspopulismus hinzu. Die altbekannte „Peer-Gynt“-Melodie zwitschert durch das Schneegestöber. Eine Radiostimme meldet, dass ein afghanisches Mädchen aus einem Asylbewerberheim verschwunden sei. Die Kamera (Martin Gschlacht) nimmt aus der Vogelperspektive ein anderes Kind in den Blick: die kleine Elsie, der ein verdächtig nach der Schreckensgestalt Pennywise aus Stephen Kings „Es“ aussehender Clown einen Luftballon schenken will. Ein Alter im Fuchspelz, als der Udo Kier seine blauen Augen stechen lässt, fotografiert immerzu. Dann schnuppert ein Fuchs an einer verlassenen roten Kinderjacke auf dem Spielplatz. Das Kind ist fort.

          Was folgt, zeigen am prägnantesten die Schneekugeln mit jeweils einem symbolischen Gegenstand darin, die zu Beginn jeder Episode auf dem Boden zerschellen. Schalko hat sechsmal ein filmisches Äquivalent für eine solche Schneekugel konstruiert: eine abgeschlossene Miniaturwelt unter Wasser, durch die Schockwellen märchenhaften Kunstschnee wirbeln lassen. In diesem artifiziellen Setting leiden die Eltern der verschwundenen Elsie (Lars Eidinger und Verena Altenberger) schon vor dem Verlust der Tochter an seelischem Gefrierbrand, ergötzt sich ein als Sebastian-Kurz-Wiedergänger angelegter Innenminister (Dominik Maringer) nackt vor einem Spiegel in der Wiener Hofburg an sich selbst und dirigiert per Telefon nach seiner politischen Agenda – Stimmenfang durch Angst vor Ausländern, Pädophilen und offenen Grenzen – die Kampagnen eines skrupellosen Medienbosses (Moritz Bleibtreu). Sophie Rois tritt als betont sadistische Unterweltkönigin auf, Bela B. von den „Ärzten“ als bleicher Esoteriker, der etwas von Toten im stehenden Wasser haucht. M selbst (Gerhard Liebmann), lange unsichtbar, offenbart sich schließlich als Schauspieler ohne Selbst. Denn in dieser Serie geht es um das große Theater.

          „Das ist alles eine Inszenierung“, flucht die Unterweltkönigin, Karikaturen beherrschen die Bühne, und nach fünf Stunden, von denen einige sich sehr gedehnt haben, fegt der Ausnahmezustand die Straßen so leer, dass auch optisch Reminiszenzen an Fritz Langs Film möglich werden. Identifikationsfiguren verweigert Schalko, der das Drehbuch mit seiner Ehefrau Evi Romen geschrieben hat, konsequent. Einzig die unentwegt mampfende Kommissarin (Sarah Viktoria Frick) strahlt einen Hauch Wärme aus in diesem Geisterspiel der erstarrten Mienen. Ihr Kollege, dessen krimineller Bruder zuhause seinen Platz eingenommen hat, symbolisiert die Verschwisterung von Kriminalität und Staatsgewalt. Aber wie bei „Es“ ist das Böse nicht einer, es ist Legion. Und da ist kein Trost, da sind nur Tod und Verderben und eine perverse Lust am Untergang. Hätten Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard je zusammen eine Fernsehserie drehen wollen, sie hätte ähnlich ausfallen können. Schalko gelingt ein von seinem Ensemble getragenes, von dem Willen zum Gegenwartskommentar und einem ausgeprägten Formwillen bestimmtes Zeitstück. Eine Unterhaltungsserie ist das gewiss nicht. Ob sie die Zeit überdauert, wird sich zeigen.

          M – Eine Stadt sucht einen Mörder ist von heute an beim Streamingdienst TV Now von RTL abrufbar.

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