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Amazon-Serie „Lodge 49“ : Surfer müsste man sein

  • -Aktualisiert am

Zeigt die richtige Haltung: Wyatt Russell als Sean „Dud“ Dudley in „Lodge 49“. Bild: Amazon

„Lodge 49“ erzählt von einem scheinbaren Loser im Sonnenstaat Kalifornien, der an eine geheime Loge gerät. Die Serie ist urkomisch. Sie strahlt einen Optimismus aus, der aus Verzweiflung Gold macht.

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          Surfer sind eine Aberration der Evolution: eine tiefenentspannte, friedliebende Spezies, das Gegenteil des Menschen genaugenommen. Dazu müssen sie gar nicht surfen. Sean Dudley (ein struppiger Wyatt Russell), genannt „Dud“ und vom Typus her ein „Dude“ wie der berühmte Lebowski, nur viel unauffälliger, ist so ein Surfer, der nicht surft. Ein nicht abheilender Schlangenbiss – Metaphernalarm! – hält ihn ab. Auch sonst liegt sein Leben im kalifornischen Long Beach in Scherben: Dud verlor den Vater auf dem Meer, seinen Job in dessen überschuldetem Pool-Shop und in der Folge die Wohnung. Plötzlich gehörte er zu der enormen Verliererschicht im Sonnenstaat, der uns hier im Sinkflug begegnet. Die halbe Stadt ist arbeitslos, weil ein großes Luftfahrtunternehmen abgewickelt wird. Schulden sind da beinahe eine soziale Währung.

          Duds schnippische Schwester Liz (Sonya Cassidy), trotz einst hoher Ambitionen nur Kellnerin in der irischen Shamroxx-Bar, kommt über den vermutlichen Tod des Vaters noch schlechter hinweg, zumal sie einen Kreditvertrag mitunterschrieben hat und nun bis zum Hals in der Kreide steht. Trotzdem nimmt sie den Bruder bei sich auf. Die gemeinsamen Trash-Fernsehabende sind gegenwärtig das Beste in ihrer beider Leben.

          Ansonsten lässt sich Dud volllaufen und knattert mit seinem klapprigen, erzcoolen Cabrio-Jeep durch die Gegend, bis ihm wieder das Benzin ausgeht. Eine gewaltige Unglückswelle schlägt da also über den Geschwistern zusammen. Und Dud tut das Naheliegende: Er surft sie. Das macht er so lässig, sarkasmusfrei und gewinnend naiv, dass von seiner Unkaputtbarkeit eine Magie ausstrahlt, die diese nur auf den ersten Blick melancholische, eigentlich nämlich lebensfrohe und urkomisch exzentrische Serie in ihr strahlendes Licht taucht.

          Sorgt für Nachschub: Sonya Cassidy spielt in „Lodge 49“ Liz Dudley.
          Sorgt für Nachschub: Sonya Cassidy spielt in „Lodge 49“ Liz Dudley. : Bild: Amazon

          Der im Moment lebende, nie an seiner Zukunft zweifelnde Held strandet eines Tages vor einer Geheimgesellschaft namens „Order of the Lynx“. Es handelt sich um eine ehemals gloriose, aber nun abgehalfterte Loge mit Privat-Bar, die ihre „Thronhalle“ an Hochzeitsgesellschaften vermietet. Nur aus Gewohnheit halten die Mitglieder des Luchs-Ordens an einigen Riten fest. Der aktuelle „Sovereign Protector“ Larry – ein grandioser Kenneth Welsh, der Windom Earle aus „Twin Peaks“ – scheint zudem nicht ganz knusper zu sein, aber mit seinem Spleen, den Neuen für eine Art Messias zu halten, liegt er gar nicht so falsch. Dud, bald ein „Knappe“, bringt mit seiner ehrlichen Begeisterung neues Leben in diesen Zirkel aus charmanten Halb-Gescheiterten.

          Und sie haben es verdient, die Luchse. Da ist etwa der verstrahlte, liebenswerte Alchemist Blaise (David Pasquesi) oder die soeben entlassene Journalistin Connie (Linda Emond). Sie steht zwischen ihrem Uniform-Mann Scott (Eric Allan Kramer) und dem Geliebten Ernie (Brent Jennings). Letzterer träumt als Toiletten-Verkäufer von dem einen großen Deal beim wichtigsten Strukturwandelprojekt von Long Beach und spielt sich neben Dud und Liz prachtvoll zum dritten Zentralcharakter der Show herauf. Als Ernie zu Larrys Nachfolger gemacht werden soll, tauchen alte Geheimnisse und neue Probleme auf. Auch das Londoner Hauptquartier des Ordens will nun ein Wörtchen mitreden.

          Der Sender AMC hat mit „Better Call Saul“ schon einen köstlichen Kosmos aus Außenseitern und schrägen Vögeln etabliert. „Lodge 49“ gelingt das ebenfalls, kommt dabei ohne Gaunerhaftigkeit aus und ist weit langsamer und idiosynkratischer erzählt. Jim Gavins locker durch den Roman „The Crying of Lot 49“ von Thomas Pynchon inspirierte Serie handelt im Kern von der Alchemie des Optimismus, die aus Verzweiflung Gold macht. Sie ist so gut geschrieben, gespielt und inszeniert, dass selbst eigentlich flapsige Einfälle – Duds ganzer Besitz scheint eine riesige Packung Klopapier zu sein, die er von Schlafplatz zu Schlafplatz schleppt – wie amüsante Marotten erscheinen. Brüllerwitze sucht man überhaupt vergeblich, weil alle naheliegenden Punchline-Pointen stets souverän unterspielt werden. Die Situationskomik aber liegt auf Rekordniveau, lässt unser blödes Grinsen gar nicht mehr enden.

          In die scheinbar ziellos dahinmäandernden Plotlinien hat Gavin zahlreiche Reflexionsanker eingelassen. Immer wieder blicken die Charaktere etwa auf riesige Plakate, die ein Wohnprojekt ankündigen mit den Worten „Is there another way to live?“ Dass es sich dabei um eine weitere Lüge von herzlosen Investmentfirmen handelt, wertet die Frage nicht ab. Ja, lautet die Antwort, es gibt diesen Weg, und er nennt sich schlicht Freundschaft. Dann wird auch ein hoffnungslos verschuldetes Mittelschicht-Amerika wieder groß, nämlich im Herzen. So viel Wärme und Sonne war selten in einer Fernsehserie.

          Lodge 49 ist von heute an bei Amazon Prime verfügbar.

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