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Neue Serie „Legion“ bei Fox : Glasklar wahnsinnig

Er hat sie nicht mehr alle, beziehungsweise er hat zu viele in seinem Kopf: Dan Stevens spielt David Haller, den Mann mit mehr als sieben Seelenleben. Bild: Fox

Eigentlich müsste das Publikum von einer so instabilen Hauptfigur befremdet bis abgestoßen sein: Die Serie „Legion“ dreht an der Erzählweise des Fernsehens, bis der Bildschirm zum sprechenden, strahlenden Kaleidoskop wird.

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          Die giftigen, bissigen, falschfarbig juckenden Stimmen im Kopf des armen David Haller verstummen erst - und dann nur kurz -, als das Kabel am Balken knarrt, das er dort befestigt hat, um sich daran aufzuhängen. Der Selbstmordversuch misslingt, aber die spätere Spurensuche ergibt beunruhigenderweise, dass der junge Mann zwar wundrote Hautabschürfungen am Hals aufweist, das Kabel aber unauffindbar ist. Haller kann weder seinen Erinnerungen noch seinen Sinnen trauen, und das Publikum, das ihn dank der neuen Fernsehserie „Legion“ auf seinem Leidensweg durch ein außergewöhnlich verwinkeltes, verzwicktes und verzweigtes Lebenslabyrinth begleiten darf, müsste von einer so instabilen Hauptfigur eigentlich befremdet bis abgestoßen sein, würde der vierunddreißigjährige englische Schauspieler Dan Stevens diesen sozial, emotional und paranormal Dauergefährdeten nicht exakt so spielen, wie man sich fühlt, wenn man ihm zusieht, was die Identifikation immens erleichtert: In dieser Seele, so sieht man ihm am Gesicht an, kullern immer ein paar Murmeln zu wenig im Beutelchen, und wer kennt diesen Zustand nicht?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Um den Verstörten (nicht nur) vor sich selbst zu schützen, bringt ihn die öffentliche Fürsorge in der Pilotfolge an einem Ort unter, den man für eine Internetmilliardärs-Privatraumstation halten könnte, so hell, freundlich und wie kurz vor der magischen Verflüssigung architektonisch fixiert wirkt die Inneneinrichtung. In Wirklichkeit ist das ein psychiatrisches Krankenhaus mit dem beziehungsreichen Namen „Clockworks“, wobei man je nach Assoziationsreichweite an die berühmte Orange von Anthony Burgess und Stanley Kubrick oder an das deterministische Uhrwerk-Universum der Weltausrechner Laplace und Newton denken kann - „Legion“ erzieht das Zuschauerbewusstsein systematisch zur unausgesetzten und totalen Verweisaufmerksamkeit; so wird man in die schizophrene Welt des Helden gezogen, wobei die Possessiv-Konstruktion „Welt des Helden“ hier nicht, wie sonst, wenn man sie gebraucht, eine Metapher dafür ist, dass er sich sein eigenes Bild von allem macht, das in diesem Fall heftig spinnt - nein, die Wendung „Welt des Helden“ ist in „Legion“ buchstäblich zu verstehen, denn Haller verfügt über die Gabe und die Last, seine Umwelt sozusagen umzudenken. Das heißt, sein Bewusstsein ist dermaßen reich, dass es sich nicht auf ihn allein festlegen mag, deshalb immer wieder über ihn hinausschwappt und seine Umwelt proteisch durchknetet, bis das ganze Universum einem Internet zu gleichen beginnt, in dem der liebe Gott wesentlich mehr Verlinkungen untergebracht hat, als handelsübliche Browser fassen können.

          Wie mit Blut auf ein Porzellanei geschrieben

          Schlimm genug, mag man finden, aber dann haut auch noch die stärkste aller wahnstiftenden Mächte des Menschenlebens ihre Kerbe ins Geschehen, nämlich die Liebe: Eben noch hat sich Haller im ziellosen Irrengeplauder mit seiner Lieblingsmitpatientin Lenny vergnügt, die Aubrey Plaza als verlümmelt launische Breitmaulspötterin spielt, der man jederzeit zutraut, dass sie die letzten zwei Tassen in ihrem Schrank mit einem ganz kleinen Hämmerchen persönlich kaputtgeschlagen hat, da zeigt sich auf dem oberen Absatz der Treppe, unter der die beiden sitzen, wie Cinderella auf dem Ball, eine elfisch anmutige Erscheinung im dunklen Trainingsjäckchen mit weißen Armstreifen, und Hallers Blick will nichts mehr, als sie anhimmeln zu dürfen, bis die Sonne erlischt.

          Der Dialog, in dem die beiden Süßen zueinanderfinden, sitzt wie mit Blut auf ein Porzellanei geschrieben. Sie: „Du siehst also irgendwelches Zeug und hörst Stimmen, na und, das macht dich eben zu dem, der du bist.“ Er: „Willst du meine Freundin sein?“ Sie: „Okay. Aber fass mich nicht an.“ Er: „Okay.“ Genau so würde Shakespeare heute seine romantischen Komödien schreiben, die richtigen Drogen vorausgesetzt.

          Fernsehcharakterrollengeschichte hat sie schon in „24“ gemacht

          Nicht nur im wörtlichen, auch im übertragenen, nämlich fernsehdramenidiomatischen Sinn ist das Bestechendste und Beglückendste an „Legion“ die Sprache, inklusive Schnitt (vielleicht sollte man hier in Anbetracht der Tatsache, wie manche Szenen andere einfach kapern und an sich reißen, um sie zu verwandeln, statt „Schnitt“ eher „Hacking“ sagen) und Sounddesign - wenn sich die Stimme eines Mannes, den man mit einem harten Pharmakon sediert, plötzlich wie eine Schallplatte verlangsamt, die man eigentlich mit mehr Umdrehungen abspielen sollte, als ihr gegönnt werden, oder wenn einzelne Sätze wie musikalische Leitmotive die zu ihnen gehörenden Bilder mal vorwegnehmen, mal ihnen hinterhertorkeln, dann sind das, sosehr sich’s vielleicht anders liest, nie Film- und Fernsehhochschulverrenkungen, sondern immer dramaturgisch extrem effektive „Körpertreffer“ (Diedrich Diederichsen) dicht am Stoffleib, am Themenfleisch, und kein orchestrales Streicherwogen, kein Rolling-Stones-Sample, keine Mädchenstimme, die sich in „Road To Nowhere“ von den Talking Heads verirrt wie im Märchenwald, ist hier zu viel, zu clever ausgedacht, alles kommt auf den Punkt, aber der Punkt springt dabei als sein eigener Flohzirkus vom Hundertsten ins Zehnmillionste.

          So viel Irrwitz verlangt neben einem klaren, von zitterfreier Autorenhand vorgezeichneten Grundriss - der Serienchef Noah Hawley hat die atemberaubende Auftaktepisode sowohl geschrieben wie als Regisseur kommandiert, und das damit Geleistete wird seinem Team Ansporn und Herausforderung bleiben müssen - vor allem ein diszipliniertes Ensemble, das zum Glück gegeben ist. Stevens und Rachel Keller als sein Leitstern Syd halten den Laden durch alle Hütchenspiele mit ihren Identitäten tatsächlich so charismatisch wie pflichtbewusst zusammen, und dass man Ko-Stars bieten kann wie die überragende Jean Smart, die schon als labile Präsidentengattin in „24“ Fernsehcharakterrollengeschichte gemacht hat und in „Legion“ als geheimnisvolle Kryptotherapeutin Melanie Bird ab der zweiten Folge ihre volle Bannkraft als undurchsichtige Leitpräsenz entfaltet, kann nicht schaden.

          Vielleicht eine Frage des allgemeinen Irrsinns

          Die Vorlage für das Ganze stammt vom Comicautor Chris Claremont und seinem wildesten grafischen Partner Bill Sienkiewicz, die in den Achtzigern die experimentelle Heftserie „New Mutants“ dazu nutzten, im Kielwasser des seinerzeitigen kommerziellen Riesenerfolgs der „X-Men“-Comics jede Menge formale und inhaltliche Risiken einzugehen. Wenn dieses Prinzip der kreativen Belastung eines soliden Verkaufsrezepts mit übergeschnappten Einfällen nun im Rahmen des gegenwärtigen Superheldenbooms ins Fernsehen übertragen werden kann, wo sich inzwischen ja auch ein paar Übermenschen tummeln, auf die man in jedem Medium lieber verzichten wurde, verdient dies Lob wie Unterstützung und vor allem genügend Platz und Laufzeit, um zum Herz der Frage vorzudringen, warum zwischen „Breaking Bad“, „Dexter“ und „Mr. Robot“ so viele Psycho- und Soziopathen das serielle Gegenwartserzählen bevölkern, in denen sich angeblich Normale gern wiedererkennen.

          Könnte das damit zu tun haben, dass vom Arbeitsplatz bis zur Uni, von Facebook bis Twitter, ein allgemeiner Irrsinn über die Einzelwesen der technisch fortgeschrittensten Gesellschaften verhängt ist, der von ihnen verlangt, einerseits nicht aus der Reihe zu tanzen und andererseits möglichst unverwechselbar zu sein?

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