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Neue Serie „Legion“ bei Fox : Glasklar wahnsinnig

Fernsehcharakterrollengeschichte hat sie schon in „24“ gemacht

Nicht nur im wörtlichen, auch im übertragenen, nämlich fernsehdramenidiomatischen Sinn ist das Bestechendste und Beglückendste an „Legion“ die Sprache, inklusive Schnitt (vielleicht sollte man hier in Anbetracht der Tatsache, wie manche Szenen andere einfach kapern und an sich reißen, um sie zu verwandeln, statt „Schnitt“ eher „Hacking“ sagen) und Sounddesign - wenn sich die Stimme eines Mannes, den man mit einem harten Pharmakon sediert, plötzlich wie eine Schallplatte verlangsamt, die man eigentlich mit mehr Umdrehungen abspielen sollte, als ihr gegönnt werden, oder wenn einzelne Sätze wie musikalische Leitmotive die zu ihnen gehörenden Bilder mal vorwegnehmen, mal ihnen hinterhertorkeln, dann sind das, sosehr sich’s vielleicht anders liest, nie Film- und Fernsehhochschulverrenkungen, sondern immer dramaturgisch extrem effektive „Körpertreffer“ (Diedrich Diederichsen) dicht am Stoffleib, am Themenfleisch, und kein orchestrales Streicherwogen, kein Rolling-Stones-Sample, keine Mädchenstimme, die sich in „Road To Nowhere“ von den Talking Heads verirrt wie im Märchenwald, ist hier zu viel, zu clever ausgedacht, alles kommt auf den Punkt, aber der Punkt springt dabei als sein eigener Flohzirkus vom Hundertsten ins Zehnmillionste.

So viel Irrwitz verlangt neben einem klaren, von zitterfreier Autorenhand vorgezeichneten Grundriss - der Serienchef Noah Hawley hat die atemberaubende Auftaktepisode sowohl geschrieben wie als Regisseur kommandiert, und das damit Geleistete wird seinem Team Ansporn und Herausforderung bleiben müssen - vor allem ein diszipliniertes Ensemble, das zum Glück gegeben ist. Stevens und Rachel Keller als sein Leitstern Syd halten den Laden durch alle Hütchenspiele mit ihren Identitäten tatsächlich so charismatisch wie pflichtbewusst zusammen, und dass man Ko-Stars bieten kann wie die überragende Jean Smart, die schon als labile Präsidentengattin in „24“ Fernsehcharakterrollengeschichte gemacht hat und in „Legion“ als geheimnisvolle Kryptotherapeutin Melanie Bird ab der zweiten Folge ihre volle Bannkraft als undurchsichtige Leitpräsenz entfaltet, kann nicht schaden.

Vielleicht eine Frage des allgemeinen Irrsinns

Die Vorlage für das Ganze stammt vom Comicautor Chris Claremont und seinem wildesten grafischen Partner Bill Sienkiewicz, die in den Achtzigern die experimentelle Heftserie „New Mutants“ dazu nutzten, im Kielwasser des seinerzeitigen kommerziellen Riesenerfolgs der „X-Men“-Comics jede Menge formale und inhaltliche Risiken einzugehen. Wenn dieses Prinzip der kreativen Belastung eines soliden Verkaufsrezepts mit übergeschnappten Einfällen nun im Rahmen des gegenwärtigen Superheldenbooms ins Fernsehen übertragen werden kann, wo sich inzwischen ja auch ein paar Übermenschen tummeln, auf die man in jedem Medium lieber verzichten wurde, verdient dies Lob wie Unterstützung und vor allem genügend Platz und Laufzeit, um zum Herz der Frage vorzudringen, warum zwischen „Breaking Bad“, „Dexter“ und „Mr. Robot“ so viele Psycho- und Soziopathen das serielle Gegenwartserzählen bevölkern, in denen sich angeblich Normale gern wiedererkennen.

Könnte das damit zu tun haben, dass vom Arbeitsplatz bis zur Uni, von Facebook bis Twitter, ein allgemeiner Irrsinn über die Einzelwesen der technisch fortgeschrittensten Gesellschaften verhängt ist, der von ihnen verlangt, einerseits nicht aus der Reihe zu tanzen und andererseits möglichst unverwechselbar zu sein?

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