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Die Serie „Home Before Dark“ : Sensationen aus der Orange Street

  • -Aktualisiert am

Spürnasen: Hilde (Brooklynn Prince) geht mit ihren Freunden auf Recherche. Bild: Apple

In der Serie „Home Before Dark“ mischt eine neunjährige Reporterin eine amerikanische Kleinstadt auf – sie hat ein reales Vorbild.

          3 Min.

          „Schnitte man mich auf, würde ich Tinte bluten.“ Den Satz könnte man einem Schriftsteller oder einem wettergegerbten Reporter-Haudegen in den Mund legen. Aber einem neunjährigen Mädchen aus einer Generation, für die eine gedruckte Zeitung auf dem Frühstückstisch längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist? Für Hilde Lisko (Brooklynn Prince) liegt der Fall aber anders. Blickt sie auf eine Zeitung, entdeckt sie Abenteuer, Familie und Sinn. Seit sie denken kann, hat sie ihren Vater bei seinen Rechercheeinsätzen für eine große Tageszeitung, an die Tatorte von New York City begleitet. Kein Absperrband kann Hilde abhalten, keine Vorstellung, was hinter der eingetretenen Tür passiert sein könnte, schreckt sie. Als der Vater seinen Job verliert und die Familie in seinen Heimatort zieht, eine verschlafene Kleinstadt, die Hilde als „hübsch und perfekt“ verkauft wird, droht ihr spannendes Leben stillzustehen. Doch die Nachwuchsreporterin spürt sofort, dass in Erie Harbor nichts ist, wie es scheint. Es dauert nicht lange, bis Hilde den ersten Mord melden kann – exklusiv versteht sich.

          Erzählungen von jungen Detektiven gibt es zuhauf. Doch die wenigsten haben reale Vorbilder: Die neunjährige Reporterin Hilde gibt es jedoch wirklich. Ihr richtiger Nachname, Lysiak, wurde für die Serie leicht verändert. Und das bisher Beschriebene trifft so oder zumindest so ähnlich zu. Hilde wurde berühmt, als sie in ihrer Online-Zeitung „Orange Street News“ als Erste von einem Mord in der Nachbarschaft berichtete. Seither hat sie eine Korruptionsaffäre bei der lokalen Feuerwehr aufgedeckt und mit ihrem Vater eine Buchreihe geschrieben: fiktionalisierte Geschichten über reale Fälle, die sie selbst recherchiert hat. Mit zehn wurde sie zum jüngsten Mitglied der amerikanischen Society of Professional Journalists, heute ist Hilde Lysiak dreizehn und betreibt mit ihrer Schwester weiter die „Orange Street News“.

          Sie akzeptiert kein „Nein“ oder „Wenn du groß bist“

          Für die von Apples Streamingdienst AppleTV+ produzierte Serie „Home Before Dark“ ist die mittlerweile mehrfach ausgezeichnete Journalistin ein Zugpferd. Ihr Reportergeist, der bedingungslose Glaube an die Bedeutung von Wahrheit und die Weigerung, aufgrund ihres Alters oder Geschlechts ein „Nein“ oder „Wenn du groß bist“ zu akzeptieren, ist der Kern der Geschichte. Das Wissen um Hildes reale Existenz wird vielleicht besonders ältere Zuschauer beeindrucken, die mit ihren Kindern schauen – für Letztere dürfte eh klar sein, was ihresgleichen alles schaffen kann. So spielt es für sie vielleicht auch keine Rolle, dass die Autoren sich in der Rahmenhandlung doch schnell von der Realität verabschieden, um die Spannung zu erhöhen.

          Und so handelt es sich bei dem Mord, über den Hilde berichtet, um ein Puzzleteil in einer Verschwörung, in die auch ihr Vater in seiner Kindheit auf traumatische Weise verwickelt wurde. Er selbst will das zwar vor ihr geheim halten, doch seine Tochter findet heraus, wieso Matthew Lisko (Jim Sturgess) nie in seine Heimatstadt zurückkehren wollte und warum die Menschen hier so abweisend auf ihn und seine Familie reagieren. Als Kind war er eines Abends mit seinem besten Freund Richie auf dem Fahrrad unterwegs, als ein Lieferwagen mit quietschenden Reifen neben ihnen zum Stehen kam und Richie vom Fahrrad in den Laderaum gerissen wurde. Matthew konnte entkommen, Richie tauchte nie wieder auf. Ein junger Mann wurde für die Tat verurteilt, doch Matthew ist sicher, dass der wahre Entführer noch auf freiem Fuß ist. Nun steht er wieder seinen alten Zeitgenossen gegenüber, von denen die meisten absolut kein Interesse daran haben, den Fall aufzurollen.

          Hilde beobachtet das alles mit den Augen einer leidenschaftlichen Reporterin, aber auch denen eines Kindes, das sich um ihren Vater sorgt, sich davor fürchtet, in der Schule gehänselt zu werden und keine Freunde zu finden. Eine bessere Schauspielerin als Brooklynn Prince hätten die Macherinnen Dana Fox und Dara Resnik kaum finden können. Die aparte Mischung aus Greta Thunberg und Wednesday Adams trägt sie auch in ihr Spiel, mit festem Blick, entschlossen, sich von anderen nicht beirren zu lassen und im Namen der Wahrheit niemals Kompromisse zu machen. Wenn sie dann aber mit ihrem Tablett einsam in der Schulkantine steht und niemand Platz für sie macht, oder ihr die Tränen in die Augen schießen weil ihr Vater die Beherrschung verloren hat und dann schließlich, statt türenknallend in ihr Zimmer zu verschwinden, in seine Arme läuft, um ihn zu trösten, ist sie doch wieder ein Kind mitsamt Ängsten und Wünschen.

          Home Before Dark lebt von Hildes Kampf, diese Ängste zu überwinden und ihre Prinzipien, so naiv und kindlich sie in den Augen ihrer Mitmenschen auch sein mögen, nicht zu verraten. Und es ist eine Liebeserklärung an den Journalismus für eine junge Zielgruppe, die mit einer ganz neuen Art der Fake News aufgewachsen ist.

          Home Before Dark läuft bei Apple TV+.

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