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Netflix-Serie „Hollywood“ : Träume vom Fließband

  • -Aktualisiert am

Mondän an der Tankstelle: Samara Weaving (links) und Laura Harrier in „Hollywood“. Bild: SAEED ADYANI/NETFLIX

Aufgetankter Mythos: Ryan Murphys „Hollywood“-Serie gibt sich als Hommage an die Flitterstadt. Dabei biegt sie die Historie souverän in ein Leinwandmärchen um.

          3 Min.

          Wann immer die Filmbranche die Kameras auf sich selbst richtet – und das hat sie von Billy Wilders „Sunset Boulevard“ (1950) über Godards Abrechnung „Die Verachtung“ (1963) bis zur Stummfilm-Anhimmelei „The Artist“ (2011) schon sehr oft getan –, ist das, als stehe man zwischen zwei Spiegeln und sehe in eine Tiefe, von der man weiß, dass sie Suggestion ist. Schnell mischt sich dann Nostalgie mit Melancholie. Da tut es gut, wenn das Suggestive einmal frech ins Pompöse übersteigert wird. Dass aus Hollywoods goldenem Zeitalter noch ein progressives Gegennarrativ werden könnte, hätte man jedenfalls nicht erwartet. Das Unerwartete aber, das ist im Film die Glückswährung schlechthin.

          An der Idee, mehreren naiven, wenngleich nicht unschuldigen Glückssuchern, die zu denen gehören, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Filmbusiness wenig zu sagen hatten – Schwarze, Frauen, Schwule –, nicht nur nachträglich den Aufstieg zu ermöglichen, sondern sie ganz Hollywood übernehmen zu lassen, steht und fällt alles mit der Größe der Suggestion: Die Spiegel müssen so enorm sein, dass kein Rand mehr zu sehen ist. Eine gute Voraussetzung dafür ist es sicherlich, wenn einer der mächtigsten Fernsehtitanen hinter dem Projekt steht: der genial kreative Serienerfinder Ryan Murphy („Nip/Tuck“, „Glee“, „American Horror Story“, „Pose“, „The Politician“), dessen Dienste sich Netflix 2018 für unvorstellbare 300 Millionen Dollar (für fünf Jahre) exklusiv gesichert hat.

          Von gewinnender „Vom Winde verweht“ Grandezza

          Ein Look, wie ihn diese Ende der vierziger Jahre spielende Serie besitzt, ist wohl nur möglich, wenn Geld kein Problem darstellt (allein die Sets!), das Selbstbewusstsein in den Himmel wächst und die Rollen mit den heißesten Aufsteigern besetzt werden: Frauen, bei denen einem, wie intendiert, die Luft wegbleibt; Männer mit glaubhafter James-Dean- oder Rock-Hudson-Aura; ein zigarrenkauender Studioboss, der nicht nur Parodie ist. Man nehme nur den Vorspann, in dem die Protagonisten den damals noch „Hollywoodland“ lautenden Schriftzug in den Hills erklimmen: Wie sich Laura Harrier als Technicolor-Star Camille Washington und David Corenswet als junger Ex-Soldat Jack Castello – er gibt den klassischen Hollywood-Helden – im Sonnenaufgang über die Buchstabenkante wuchten und in die Ferne blicken, das ist von so gewinnender „Vom Winde verweht“Grandezza, dass alles Behauptete abfällt.

          Jack will Schauspieler werden, hat aber nur sein Aussehen, keine Erfahrung. Weil es nicht auf Anhieb klappt, landet er zermürbt in einer Bar – auch das purer James Dean –, wo er sich vom schillernden Tankwart Ernie (Dylan McDermott) für dessen Bordell-Tankstelle anheuern lässt. Weil Jack homosexuelle Dienstleistungen ablehnt, muss er noch einen Schwulen auftreiben. Das lässt sich leicht an. „Tinseltown“, die Flitterstadt, brummt vor Talenten aller Art. So gehört bald auch der Afroamerikaner Archie (Jeremy Pope), eigentlich ein Drehbuchautor, der sich in den halb fiktionalisierten Rock Hudson verliebt (Jake Picking, überragend unsicher und ausstrahlungsstark), zu Ernies Fill-up-Boys, die nun in Doppelfunktion eine glamouröse George-Cukor-Sex-Party aufpeppen.

          Dass Hollywood und Prostitution eng miteinander verwandt sind, soll auch der verschlagene und ebenfalls der Wirklichkeit abgeschaute Agent Henry Willson (voller Selbsthass gespielt von Jim Parsons) deutlich machen. Er nimmt Rock Hudson zu eindeutigen Bedingungen unter Vertrag. All das aber ist allenfalls partiell als Anklage im „MeToo“-Sinne gemeint – und nie als „Hure Babylon“-Puritanismus. Vielmehr kommt die Prostitution so schlecht nicht weg: Es geht, hier wie da, um Traumerfüllung. Die Tankstellenkunden ordern, so das Codewort, eine Fahrt nach „Dreamland“. Nichts kann solche Protagonisten aufhalten. Der halbphilippinische Regisseur Raymond (Darren Criss) jubelt dem für Neues offenen Produzenten Dick Samuels (Joe Mantello) gar Archies Parabel über Außenseiter im verlogenen Hollywood unter, deren Stunde gekommen zu sein scheint, als der Studioboss (Rob Reiner) unpässlich wird. Die Krise als Chance.

          Als die tragische Hauptfigur von Raymonds Film, Peg Entwistle, die sich 1932 tatsächlich vom „H“ des Schriftzugs gestürzt hat, auch noch zur Afroamerikanerin umgeschrieben wird – Raymonds Freundin Camille will sie spielen –, biegen wir endgültig ins Märchenhafte ab, obgleich der Auftritt von Hattie McDaniel (Queen Latifah), der ersten schwarzen Oscar-Preisträgerin (freilich für eine Sklavin in „Vom Winde verweht“), ebenso wie Eleanor Roosevelts Beistand andeuten sollen, dass ein anderes Hollywood zumindest denkbar war. Dass alle Figuren zweidimensional bleiben und in ihrer polierten Oberflächlichkeit an „Westworld“-Hosts erinnern, hat aber seine Richtigkeit, weil sie samt Dialogen und Posen dem alten Filmheldenkosmos entstammen. Bewegte Starschnitte sozusagen, emanzipatorisch nachkoloriert.

          Murphy unterläuft das klassische, nach außen biedere, nach innen rassistische, sexistische und homophobe Hollywood mit den Mitteln ebendieses klassischen Hollywoods. Das hat Charme. Diese Serie, die mit ihrem kontrafaktischen Tränenfinale furios die Oscar-Geschichte umschreibt, hat deutlich mehr mit Tarantinos historisch freihändiger Phantasie „Once Upon a Time in Hollywood“ zu tun als mit dem Harvey-Weinstein-Prozess. Sie ist, was die Lügenfabrik Hollywood im Idealfall immer schon war: grandiose Unterhaltung und Sprung durch den Spiegel.

          Die Serie Hollywood ist auf Netflix abrufbar.

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