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Arte-Satireserie „Hindafing“ : Braucht der Papst Panzerfäuste?

Bekommt er den Segen für seine kriminellen Waffenschiebereien? Politiker Alfons Zischl (Maximilian Brückner) beim Pontifex Maximus (Wulf Schmid Noerr). Bild: Arvid Uhlig/NEUESUPER /BR

Die Serie „Hindafing“ zeigt, was in diesem Land wirklich los ist. Jeder hat Dreck am Stecken. Der korrupt-sympathische Politiker Alfons Zischl ist da noch ein kleines Übel.

          3 Min.

          Wie schrecklich schön, wenn das Furchtbare noch grauenvoller und deshalb umso entsetzlicher lustig wird: Deutschlands bösartigste, schwarzhumorigste Politsatiren-Serie „Hindafing“ geht als Koproduktion des Bayerischen Rundfunks mit Arte in die zweite Runde und schraubt sich nicht nur politisch in neue Höhen – also Tiefen. Bayerns korruptester Bürgermeister Alfons Zischl, in dessen Rolle Maximilian Brückner wieder eine bemerkenswerte Schmerzfreiheit an den Tag legt, ist in den Landtag eingezogen, als Ersatzabgeordneter für einen Kinderschänder.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine Verbesserung, möchte man meinen, hat doch Zischl vergleichsweise menschenfreundliche, nachgerade kleinkriminelle Ambitionen: ein Naturschutzgebiet zubetonieren, damit sein Spezi, der auf die Eroberung des chinesischen Leberwurstmarkts zielende Gammelfleisch-Großmetzger Sepp Goldhammer (Andreas Giebel) eine Fabrik bauen kann. Dumm nur für diesen, dass Zischl antichambrierend rasch andere Pläne fasst.

          Weil die Ministerpräsidentin ihre Gefolgschaft zeitgemäß im Internet sammelt, will Zischl einen vermeintlichen „hidden champion“ der Tech-Branche aus seinem Wahlkreis vor dem Konkurs retten und so seine Chancen auf den Posten des Staatssekretärs erhöhen. Als Genie der Ahnungslosigkeit landet Zischl freilich bei einem maroden Rüstungsunternehmen, das Schrott-Waffen an die Bundeswehr für den Afghanistan-Einsatz verkauft hat – und damit im politischen Aus. Bis ein Attentat auf die Landesmutter während einer Treibjagd den Ruf nach mehr innerer Sicherheit laut werden lässt.

          Brotzeit mit Schläfer: Bei Familie Goldhammer (Roland Schreglmann, Andreas Giebel, Petra Berndt) gibt es für den einen Wasser, für die anderen Bier.

          Neue Waffen für die Polizei sollen her. Zischl könnte dick ins Geschäft einsteigen und der Metzger mit seiner neu entwickelten Schwäche für Kanonenfutter ebenso. Aber Zischl hat schon soviel frischen Dreck am Stecken, dass er sein eigenes Grab schaufelt, in das paradoxerweise aber all jene zu stürzen drohen, die ihm zu nahe kommen. Zum Beispiel seine schwangere, an Arglosigkeit nicht zu überbietende Frau Marie (Katrin Röver).

          Was Boris Kunz als Drehbuchautor und Regisseur gemeinsam mit den anderen Autoren Niklas Hoffmann und Rafael Parente alles in sechs mal eine Dreiviertelstunde packt, ist atemberaubend. Wie in dem Wahn, der Zischl als Flugpilze futternden Prostatakrebs-Simulanten auf Alternativmedizin-Trip in der Schwitzhütte erfasst, fließen bundesrepublikanische Albträume in eins und kochen hoch zu einem toxisch-köstlichen Gebräu: Angst vor Migranten, einem außer Kontrolle geratenen Wohnungsmarkt, alte und neue Radikale aller Couleur; zerrüttete Familien, Sauferei und Drogen; unfähige Politiker, parlamentarische Turbofeministinnen und gottlose Pfaffen, sie sich den Pervertierungen der Macht auch sexuell hingeben, und eine mit krimineller Energie vorangetriebene Globalisierung. Nur der Klimawandel fehlt, was für einen blinden Fleck in diesem Hohlspiegel unserer Gesellschaft sorgt. Aber auch ohne Umweltapokalypse geht es im Irrenhaus schon genug drunter und drüber.

          Die Flüchtlingskrise der ersten Staffel ist längst auf ganz eigene Weise überstanden. Bei Goldhammers sind Migranten für spezielle Dienstleistung inklusive Befriedigung der unstillbaren Bedürfnisse der Dame des Hauses (Petra Berndt) zuständig und werden nebenbei als Demonstranten in Stellung gebracht. Der verlorene Sohn, vollbärtig zurück von wer weiß woher – also Afghanistan – taucht als mutmaßlich islamistischer Schläfer bei der Bundeswehr unter – und trifft auf Kameraden, die die erste Strophe des Deutschlandlieds schmettern und den Umsturz planen. Bei Zischl zieht die Schwiegermutter mit RAF-Vergangenheit ein, und welche Hautfarbe sein Kind haben wird, ist nicht ausgemacht. Der ehemalige Pfarrer von Hindafing sucht den Tod seines Geliebten, des Migranten Amadou, aufzuklären. Die Spur, die er mit seinen anderen Liebschaften, einem Lokaljournalisten und einem Monsignore aus dem Vatikan, verfolgt, führt zu Zischl. Dabei will der doch Waffengeschäfte über den Heiligen Stuhl abwickeln. Da ist es ein Glück, dass die ukrainischen Waffennarren die falsche Panzerfaust erwischen und Linksradikale keine Bomben entschärfen.

          Für zarte Seelen ist das nicht. Zu von Blasmusikern gnadenlos intoniertem Jazz setzt Zischl sein Fähnchen immer neu in den Wind, ein Betrüger, Lügner, und Verbrecher unter anderen, von Tim Kuhns Kamera aus nächster Nähe verfolgt. Daran, wie bei ihm und seinesgleichen Tote verschwinden, hätte Wilhelm Busch seine Freude, mehr noch als Quentin Tarantino oder die Coen-Brüder. Die Eigenwilligkeit, die „Hindafing“ abseits dessen zu eigen ist, was die Serie mit Vorbildern wie „Fargo“ und „Breaking Bad“ verbindet, ist ihre besondere Qualität.

          Nicht immer sprühen Funken, wenn hier grobe Keile grobe Klötze spalten. Doch in der Summe ist diese Satire eine Wucht, gespielt mit vollem Einsatz, vor allem von Brückner, der für seinen Auftritt in der ersten Staffel den Bayerischen und den Österreichischen Fernsehpreis erhalten hat. Er brüllt und jault, rauft sich die Haare, lässt sie sich abrasieren, macht Hundeaugen und sich selbst zum Affen, lässte einzelne Muskeln in seinem Gesicht zucken und leibt und lebt so als Prachtexemplar der depperten Verdorbenheit. Da ist es geradezu anrührender, mit welcher Stoik Katrin Röver als Marie Zischl die einzige Figur gibt, die man fast ernstnehmen könnte, weil sie alles ernst nimmt, und Johanna Bittenbinder die treudoof-herzensgute Sekretärin. Kündigen? Käme für sie nie in frage. Warum auch? Zischls Aufstieg könnte weitergehen, vielleicht in Berlin oder Brüssel. Solche Typen haben überall eine Zukunft.

          Hindafing, an diesem Donnerstag um 20.15 Uhr auf Arte

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