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Serie „High Maintenance“ : Räuchermännchen auf Rädern

Drogendealer im Jahr 2016: Ben Sinclair spielt in „High Maintenance“ einen freundlichen Grasverkäufer, dessen Kunden die eigentliche Attraktion sind. Bild: Sky Atlantic

In „High Maintenance“ führt ein Cannabis-Dealer durch einen zauberhaften Porträtreigen. Darin treten die üblichen und unübliche Stadtneurotiker New Yorks auf.

          3 Min.

          Die Ausgangsfrage ist ja doch immer: „How to handle the chronic“. Wie hält man es mit (und ohne) Gras (aus)? Menschen gehen ganz unterschiedlich mit Marijuana um. Sie verteufeln es. Sie beschönigen es. Sie pflegen es – keiner gibt das zu – immer noch als eine Art rebellisches Ritual. Sie rauchen, weil es sie beruhigt. Sie kiffen, damit Sie etwas zu erzählen haben. Sie konsumieren heimlich und verstummen. Über Cannabis lässt sich so gut streiten wie über Alkohol. Und einer der besten Ratschläge zum Thema stammt vermutlich von Peter Rühmkorf. Der riet, man möge Gras benutzen wie ein Segelflieger. Nicht wie ein Bruchpilot.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          So verfährt auch die Serie des Ehepaars Katja Blichfeld und Ben Sinclair, „High Maintenance“. Das Gras, das der namenlose Hipster, den alle „The Guy“ nennen, mit Rennrad samt Fahrradhelm in Brooklyn und Manhattan verteilt, ist nur Nebensache. Und doch ein Vehikel, das die Serie abheben lässt. Nicht etwa, weil der Stoff die Wahrnehmung beeinflusst, sondern weil sein Verbot Begehrlichkeiten weckt, die sich in allen Milieus finden und die Figur des Dealers erst nötig machen.

          Dialoge von der Qualität juwelenbesetzter Schnellfeuerwaffen

          „The Guy“, der Typ (Ben Sinclair) ist in „High Maintenance“ das verbindende Element im Hintergrund. Es ist nicht seine Geschichte, noch die seiner Ware. In jeder Folge bekommt der Zuschauer stattdessen einen Einblick in das Leben seiner Kunden und der Menschen, die mittelbar mit ihnen in Beziehung stehen. Ihre Porträts – im Original ausgestattet mit Dialogen von der Qualität juwelenbesetzter Schnellfeuerwaffen – sind in den dreißig Minuten der Serie mal offensichtlich, mal überraschend, mal peripher, aber immer kunstvoll miteinander verknüpft.

          Als Zuschauer reist man mit dem Grasverkäufer zu den Schauplätzen der Verwerfungen – meist Kammerspiele für zwei Personen. Oder aber die tragende Rolle der Episode wird einfach einem riesigen einsamen Hund gegeben. Bei den Figuren verweilen wir und lernen sie kennen, während der Dealer seinen handlichen Koffer von der Größe eines Schuhkartons mit den etikettierten Tütchen darin wieder in seinem Rucksack verstaut und zum nächsten Kunden radelt. Obgleich man beim Anblick dieses Bartträgers für einen Moment diesen kalten Hauch von Rennradmütze, Gym-Sack, St.Oberholz und Artisan-Hanfschokolade im Nacken zu spüren meint, ist der Typ grundsympathisch: zurückhaltend, offen, unaufgeregt, warmherzig. Er ist der Gegenpart zu seinen verstörten Kunden, die allesamt einem Woody-Allen-Film entsprungen sein könnten.

          Räuchermännchen auf Rädern: Seine Kunden beliefert „The Guy“ (Ben Sinclair) stets auf umweltfreundliche Weise.

          Unter ihnen finden sich narzisstisch gestörte Bodybuilder mit Beziehungsproblemen, die japanische Schwerter – „geschmiedet am Fuße des Fuji“ – fast so selbstverliebt schwingen, als wäre es „Ein Fisch namens Wanda“. Dann begegnet der Zuschauer einer Zweier-WG mit einer feierwütigen jungen Frau – „wir wollen uns später noch Wodka-Tampons gönnen“ – und ihrem schwulen Freund. Der stiehlt sich davon, um beim Treffen einer Suchtselbsthilfegruppe seinem Schwarm näher zu sein. Man begegnet einem pubertierenden pakistanischen Mädchen, dass versucht, seinem streng getakteten Schul- und Familienalltag zu entfliehen und die schreienden Erwartungen in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen. Eine der vielleicht ungewöhnlichsten und deshalb schönsten Episoden ist jene, die um den irischen Wolfshund „Gatsby“ kreist. Der Zottelriese hat sich in seine Hundesitterin (zauberhaft: Yael Stone, „Orange Is The New Black“) verliebt.

          Das Unwohlsein des Wahljahres 2016 findet nur andeutungsweise statt

          Man sagt dem Wirkstoff THC nach, er verändere die Wahrnehmung der Zeit. Das zumindest haben die sechs Episoden der ersten Staffel mit dem Marijuana gemein: Eigentlich sind es nur jeweils dreißig Minuten, doch die sind so reich bespielt, dass man am Ende meint, man habe eine ganze Stunde vor dem Schirm gehangen, ohne dass es auch nur eine Sekunde zu lang geworden wäre. Das liegt sicher auch am gleichmäßigen Fluss des Schnitts, der den Blick ohne große Brüche von Detailaufnahmen, auf Gesichter und fast sepiafarbene Aufnahmen des nächtlichen New Yorks lenkt, bevor der Zuschauer wieder mitten im Geschehen ist. Und doch gleicht keine Episode der anderen – außer, dass man sich stets die Frage stellt, wann und wo der Typ in der Geschichte wieder auftaucht.

          Der anfängliche Eindruck, die Serie kreise, obwohl im vergangenen Wahljahr 2016 angesiedelt, um ein elitäres Großstadtamerika, in dem blond toupierte weiße Männer mit Hang zur Selbstüberschätzung nicht vorkommen, löst sich von Folge zu Folge immer mehr auf. Das politische Geschehen versteckt sich in Details, wie in einem von der Kamera angeschnittenen „Vote-For-Trump“-Schild. Es ist im Hintergrund als genereller Dissens und allgemeines Unwohlsein spürbar.

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