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Serie „Haus des Geldes“ : Sie sprengen die Bank

Blick ins Verborgene: Szene aus „Haus des Geldes“. Bild: Netflix

„Haus des Geldes“ ist die erfolgreichste nicht-englischsprachige Serie bei Netflix. Das hat seinen Grund. Die Panzerknacker aus Spanien gehen in jeder Hinsicht aufs Ganze.

          Wenn alles vorüber ist, die Tresore geleert und die Spuren vernichtet, die neue Identität übergezogen wie ein sauberes Hemd, lässt man es sich gutgehen. Man wählt einen Ort, an dem niemand suchen würde, viele Sonnenstunden sollte er haben und die Anmutung eines Sommernachtstraums, und faulenzt dort den ganzen Tag, ausgesorgt ist ja. Natürlich gilt es in diesem Abschnitt des Räuberlebens, Risiken zu minimieren, zu bedenken, dass man nie ganz sicher sein wird nach dem großen Coup, bei dem es um 2,4 Milliarden Euro ging und die halbe Welt zusah. Dass die Geheimdienste nicht ruhen werden. Risiken wie – ein Telefongespräch.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber es ist ein zentrales Motiv der spanischen Netzflix-Serie „Haus des Geldes“ („Casa de Papel“), dass die Liebe gegen den Plan läuft. Der Professor (Álvaro Morte), der die Räuber in der ersten Staffel versammelte und ihnen seinen irrwitzigen Plan unterbreitete, mit Salvador-Dalí-Masken die Staatliche Banknotendruckerei in Madrid zu überfallen, das Gehirn der Bande gewissermaßen, hatte es zur ersten Regel gemacht: keine privaten Beziehungen in der Gruppe. Ein Großteil dessen, was dann bei dem Überfall schiefging, war dann solchen persönlichen Beziehungen geschuldet, aber am Ende entkamen sie mit dem Geld, die meisten jedenfalls, und so hätte es bis ans Ende ihrer Tage weitergehen können. Aber auf einer karibischen Insel greift Rio (Miguel Herrán) nach dem Satellitentelefon, um Tokios (Úrsula Corberó) Stimme in der Ferne zu hören. Zehn Minuten später ist Interpol da.

          Die ersten beiden Staffeln von „Haus des Geldes“ erzählten die Geschichte dieses „größten Raubüberfalls in der Geschichte Spaniens“, und währenddessen nahmen die Charaktere der Räuber Farbe an, sie wuchsen und wurden kunstvoll ausgeformt, bis man meinte, mitten unter ihnen zu sein: Teil der Gruppe in der Notendruckerei, von denen sich einige am Ende mit den Räubern gemein machten, weil diese ja im Grunde nur Gutes verfolgten.

          Der nächste Showdown? Szene aus „Haus des Geldes“.

          Gewissermaßen war diese Geschichte der raffinierten Wendungen nach der Idee von Álex Pina auch eine typisch spanische, die gesellschaftspolitische Probleme aufgriff, von häuslicher Gewalt bis zum Machismo, dem herabwürdigenden Verhalten gegenüber Frauen: Da war die Ermittlerin (Itziar Ituño) mit ihrem Schläger-Exfreund und der Kollege vom Geheimdienst, der ihr die Urteilskraft absprach. Da waren kämpferische Frauen, eine rührende Familiengeschichte und genau das richtige Maß an Größenwahn, um sich hervorragend unterhalten zu fühlen. „Haus des Geldes“ wurde zur meistgestreamten nicht-englischsprachigen Serie auf Netflix und gewann einen Emmy.

          Nun musste der Handlungsstrang irgendwann enden, kein noch so ausgeklügelter Raubzug trägt mehr als zwei Staffeln. Eigentlich sollte der Befreiungsschlag am Ende der zweiten Staffel so stehenbleiben, eine Fortsetzung war nicht geplant. Aber wer gibt schon freiwillig Charaktere wie die unberechenbare Tokio auf, Denver (Jaime Lorente) mit seiner Alltagsschläue, den um die Kontrolle ringenden Professor? Zumal es so gut lief.

          In Staffel drei also gerät das Erfolgskonzept der Entertainer-Geschichte aus den Fugen. Ein neuer, noch atemberaubenderer Raubzug musste her und ein Anlass, die persönlichen Paradiese zu verlassen. Weil Rio in einem Folterkeller auf sein Ende wartet, beschließt die Gruppe, ein Zeichen zu setzen und die Banco de Espana mit ihren Goldschränken weit unter der Erde unter ihre Kontrolle zu bringen: Machtbeweis und Metapher eines Widerstands gegen die Staatsgewalt, den die Spanier auf den Straßen Madrids ein wenig zu exaltiert feiern. Aber bevor sich der neue Coup entfalten kann, wird unter Rückgriff auf das Bilderbuch kultureller Klischees die Wiedervereinigung zelebriert: Begegnung mit dem Professor in den kühlen Hallen eines thailändischen Tempels, fröhliche Tuktukfahrten, Streunen im kolumbianischen Dschungel, Erkenntnisse bei Kerzenschein: „Wir haben alle Fehler gemacht, aber die Bande war immer da.“

          Bis die „Oceans-Eleven“-Reminiszenzen überstanden sind, dauert es getreu der Erzählweise der Serie, in der sich Zeit dehnt, ohne dass es je langweilig wird, eine Weile. Dann kann es endlich losgehen, ein Blick zurück, ein Blick nach vorn, diesmal mit Tokio, die noch immer Erzählerin der Geschichte ist, ein Blick auf den Professor fernab des Geschehens, der den Überfall dirigieren sollte, aber in der Brandung steht und starrt und spürt, dass er die Kontrolle dieses Mal schon viel zu früh verloren hat.

          Als Rio sich zu Beginn der Staffel am Strand ihrer Insel von Tokio verabschiedet und er unter Tränen fragt, wie lange die Trennung dauern wird, sagt sie: „Lass uns davon ausgehen, dass es für immer ist.“ Die gehörige Portion Größenwahn, die solche Szene hervorbringt, wird ausreichen, um auch diesen Coup zu einem schlauen Ende zu bringen. Wer weiß, ob der Abschied dann für immer ist.

          Die dritte Staffel von Haus des Geldes ist bei Netflix abrufbar.

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