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Serie „Godfather of Harlem“ : Ein Mafioso mit sozialer Verantwortung

  • -Aktualisiert am

Zuerst war er Produzent, doch dann sah er sich selbst in der Rolle: Forest Withaker spielt in „Godfather of Harlem“ den Gangsterboss Ellsworth „Bumpy“ Johnson. Bild: Epix/Magenta TV

In der Serie „Godfather of Harlem“ spielt Forest Whitaker den berühmten Gangsterboss „Bumpy“ Johnson.Wieso er die Rolle wollte und was die Story für das schwarze Amerika bedeutet: ein Gespräch.

          3 Min.

          Im Harlem des Jahres 1963 treffen sich zwei Männer, die vieles voneinander trennt, aber eines verbindet: Als Kinder haben sie von einer Karriere als Anwalt geträumt. Für Afroamerikaner zu dieser Zeit ein nahezu utopisches Ziel, das keiner von beiden erreichte. Sie machten anders Karriere und wurden legendär – der eine als Bürgerrechtler, der andere als Gangsterboss. Der eine ist Malcolm X, der andere Ellsworth „Bumpy“ Johnson, dessen Ruf als „Godfather von Harlem“ der Serie des amerikanischen Abosenders „Epix“ ihren Titel gibt.

          Es ist nach der Netflix-Produktion „Narcos“ über die Geschichte von Pablo Escobar die zweite Mafia-Erzählung der Autoren Chris Brancato und Paul Eckstein, prominente Verstärkung bekamen die beiden durch den Schauspieler Forest Whitaker. Er arbeitete zunächst als Produzent an dem Projekt, irgendwann reizte ihn die Figur des Mobsters aber so sehr, dass er es sich nicht nehmen lassen wollte, sie auch selbst zu spielen. „Ich wollte Bumpy in seiner Gänze darstellen. Als Poet, als Schachspieler, als Stratege und Mafioso. Er war jemand, der auf seltsame Art versucht hat, seine soziale Verantwortung zu verstehen“, sagt Whitaker im Interview.

          Als Poet und Schachspieler tat sich Bumpy vor allem im Gefängnis hervor, das darf er zu Beginn der ersten Folge nach elf Jahren verlassen. Aber auch die Zeit in Alcatraz hat ihm seine kriminellen Ambitionen nicht ausgetrieben, ganz im Gegenteil. Kaum hat er seine Frau Mayme (Ilfenesh Hadera) und Tochter Margaret (Demi Singleton) in die Arme geschlossen, wartet auch schon ein Aufgebot an Informanten und Bittstellern auf ihn. Bumpy Johnson hat für alle ein offenes Ohr und geht gleich die drängendste Aufgabe an: Die italienische Mafia hat sich in seinem Revier breitgemacht und handelt im großen Stil mit Heroin, was auf den Straßen zu mehr Prostitution, Gewalt und Verwahrlosung führt.

          „Abgrenzen statt integrieren“

          Auch Bumpys Tochter Elise (Antoinette Crowe-Legacy) ist vor Jahren dem Heroin verfallen, doch ihr Vater will das Gift deshalb nicht etwa aus der Welt schaffen, sondern den Italienern die Handelsmacht entreißen. „Ich treibe ihnen nicht die Nadel in den Arm“, verteidigt er sich gegenüber Malcolm X, der den heimlichen Herrscher von Harlem immer wieder dazu bewegen will, ihm in seinem Kampf gegen die Unterdrückung beizuspringen. „Abgrenzen statt integrieren“ ist das Motto des Bürgerrechtlers, Bumpy dagegen scheut auf seinem Weg nach oben keine Allianzen mit Weißen. Trotzdem überschneiden sich die Interessen der beiden nicht selten, und besonders interessant wird es, wenn noch eine dritte Kraft zu ihnen stößt: Adam Clayton Powell, der erste afroamerikanische Kongressabgeordnete aus New York, von Giancarlo Esposito gespielt als Lebemann und abgebrühter Taktiker par excellence.

          Der Auftritt von Whitaker, Esposito und Nigel Thatch, der Malcolm X schon 2014 in der oscarprämierten Martin-Luther-King-Erzählung „Selma“ spielte, macht „Godfather of Harlem“ sehenswert: drei Figuren, die sich aus systematischer Unterdrückung auf einflussreiche Positionen hochgearbeitet haben und von dort für die schwarze Bevölkerung und die eigene Macht kämpfen. Der Gangsterboss setzt dabei selbstverständlich ganz andere Mittel ein als der Bürgerrechtler und der Politiker. Wer Bumpys Geschäfte gefährdet, macht mit seiner Rasierklinge Bekanntschaft. Wer ihn provoziert, hat Schlimmes zu befürchten.

          „Solange es Menschen in der Gesellschaft gibt, die dort keinen Platz für sich finden, die aufsteigen wollen, obwohl sie dazu kaum Möglichkeiten haben, wird es die negativen Konsequenzen geben, die wir in der Serie zeigen. Es ist aber wichtig, solche Figuren zu erzählen, um zu verstehen, wie sie so geworden sind. Sonst kann nie eine Lösung für die Probleme gefunden werden“, sagt Forest Whitaker. Dass es der Lösungen bedarf, zeigt die frappierende Aktualität der gezeigten Konflikte: Es geht um Rassismus, Polizeigewalt und die Drogenepidemie. „Wir wollen der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Wir wollen, dass die Menschen über all die Dinge reden, die sie von damals wiedererkennen: die Opioidkrise, die Vorverurteilung junger schwarzer Männer, die Polarisierung der Nation. Und wir hoffen, dass sie aktiv werden, um etwas zu verbessern“, sagt Whitaker.

          Mit ihrem hehren Ansinnen neigen die Macher leider mitunter zu Überdramatisierung. Besonders in den Nebenhandlungen um Margaret, die nicht erfahren soll, dass Bumpy und Mayme sie als Baby adoptiert haben, weil ihre drogensüchtige Mutter nicht in der Lage war, sich um sie zu kümmern. Oder bei einer Liebesgeschichte zwischen der Tochter des italienischen Mafiabosses Vincent „Chin“ Gigante (Vincent D’Onofrio) und einem schwarzen Jazz-Musiker. Hier verlieren die Autoren auch den ernsthaften Ton der sonst durchaus komplexen Charakterstudie von Bumpy Johnson aus dem Blick. So vermag die Serie im Vergleich zu Vorzeigetiteln wie „Die Sopranos“, „Boardwalk Empire“ oder „Narcos“ nicht ganz zu bestehen, ist aber eine wertvolle Erzählung über Marginalisierung und persönliche Verantwortung im Angesicht brutaler Ungerechtigkeit. Und dann ist da noch die Musik. „Wer ist dieser James Brown?“, fragt Bumpy Johnson auf dem Rückweg aus dem Gefängnis. Um den Soundtrack seiner Herrschaft können ihn andere Gangster beneiden.

          Godfather of Harlem startet heute beim Streamingdienst Magenta TV.

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