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Neue Serie „Emergence“ bei Fox : „Stranger Things“ ohne Retroklamotten

  • -Aktualisiert am

Donner, Blitz und Findelkind: Allison Tolman und Alexa Swinton in „Emergence“ am Strand. Bild: ABC Studios/Fox

Vom Himmel hoch: Die Serie „Emergence“ dreht sich um ein rätselhaft mächtiges Mädchen, handelt aber eigentlich von der Kraft der Familie.

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          Fünf Jahre bedeuten im Reich der Serien eine Ewigkeit. Und doch dürften viele sich gern an die erste Staffel von „Fargo“ erinnern. Wie Billy Bob Thornton und Martin Freeman ihr skurriles Dämon-verführt-Duckmäuser-Spiel um Leben und Tod begannen, das entwickelte einen unwiderstehlichen Sog. Überragend gut aber wurde die Serie, als die wunderbar unkonventionelle Detektivin Molly Solverson die Szenerie betrat, verkörpert von Allison Tolman, die gleich für einen Emmy und einen Golden Globe nominiert wurde. Inzwischen hat sie sich durch einige mittelprächtige Filme und Serien gespielt, unter anderem in einer rasch beendeten Hunde-Komödie für ABC.

          Dass Tolman an der Seite der hinreißenden, gerade einmal zehn Jahre alten und über einige Ecken mit Tilda Swinton verwandten Jungschauspielerin Alexa Swinton jetzt wieder angemessen strahlen darf, verdankt sie ebenfalls dem seit „Lost“ verzweifelt nach dem nächsten Mystery-Hit suchenden Sender ABC, auch wenn die um ein „spooky kid“ kreisende Serie „Emergence“ von Michele Fazekas und Tara Butters ursprünglich für NBC entwickelt worden ist. Im Gegensatz zu vielen komplizierten Expositionen geht es hier einfach los: In guter Genre-Tradition sorgen elektrische Interferenzen, erweitert um kuriose Magnetfelder, für nächtlichen Stromausfall in einem kleinen Ort auf Long Island. Kurz darauf stürzt am Strand ein Flugzeug ab. Die nordlichtartige Aura über den Trümmern zeigt an: Das gespenstische Kind ist da.

          Tolmens Figur, die Polizistin Jo, entdeckt ein verängstigtes, aber unverletztes Mädchen, das sich an nichts erinnert. Weil sich schnell herausstellt, dass skrupellose Verfolger, die sich mal als Eltern, mal als Angehörige der Verkehrsbehörde NTSB ausgeben, hinter der Überlebenden her sind, nimmt Jo das Mädchen, das sie Piper nennt, kurzerhand mit zu sich nach Hause. Dort kümmern sich ihre Tochter Mia (Ashley Aufderheide) und Jos Vater (Clancy Brown), der als an Krebs erkrankter Nine-Eleven-Feuerwehrmann etwas zu stereotyp geraten ist, herzallerliebst um den Findling. Gemeinsam mit ihrem nicht sonderlich verflossen, dafür umso besorgter wirkenden Ex-Mann Alex (Donald Faison) und dem Kollegen Chris (Robert Bailey jr.) schlägt Jo einige Angreifer in die Flucht, aber einer der Entführungsversuche scheitert einzig am Eingreifen einer höheren Macht, die von dem kleinen Mädchen auszugehen scheint. Am Ende des Piloten sehen wir, was längst zu ahnen war: dass Piper so ganz normalmenschlich nicht ist.

          Die Handlung verknotet sich bald doch telefonkabelsalatstark, enthält überraschende Filiationen, invertierte Turing-Tests, scheintote Techniker, Algorithmen-Zirkus und eine vorschlaghammersymbolisch „Augur Industries“ genannte, mal wieder prometheisch das Götterfeuer klauende Tech-Firma. Es mag zudem sein, dass der gut informierte investigative Journalist (gespielt vom draufgängerischen „Mentalist“-Detektiv Owain Yeoman), mit dem Jo Informationen austauscht, eine etwas arg abgegriffene Figur ist. Aber das alles stört kaum, weil es mit sicherer Hand zackig inszeniert wird, vor allem aber, weil im Vordergrund die bewegende, aber nie kitschig wirkende Beziehung von Jo, Mia und Piper steht. „Emergence“ ist zu guten Teilen ein stimmiges Mutter-(Adoptiv-)Tochter-Drama, das von der Fremdheit Heranwachsender sich selbst gegenüber und von der Kraft des Vertrauens erzählt.

          Der Hauptdarstellerin gelingt es bravourös, das Energiegeladene und beschützend Zugewandte ihrer Figur auszubalancieren. Als Jo bemerkt, dass das Kind, das ihre Zuneigung gewonnen hat, so harmlos wohl nicht ist, widerruft sie ihre Liebe nicht. „Emergence“, verdeutscht als „Mädchen ohne Gedächtnis“, nimmt sich Zeit, um zu reflektieren, was Familien ausmacht. Das im Elternstatus aufgehobene Verhältnis von Jo und Alex zahlt darauf ebenso ein wie ein von Obsession und Verachtung geprägtes Negativ-Abbild des zentralen Beziehungsnetzwerks in späteren Folgen.

          Dass die sonst gern übertriebene Komponente des Mysteriösen – unter anderem durch „Sherlock“-Regisseur Paul McGuigan – zurückhaltend, dann aber wuchtig inszeniert wird, lässt die Zuschauer umso gespannter auf die Auflösung mancher Rätsel warten, die anders als in „Stranger Things“ nicht durch einen Distanz schaffenden Nostalgie- und Zitate-Vorhang hindurch wahrgenommen werden. Stattdessen sorgt die unschuldige Anmut Alexa Swintons im Zusammenspiel mit dem mütterlich Instinkthaften, das Tolman ihrer Figur mitgibt, für ein intensives emotionales Interesse an den Protagonisten. Zu Recht wurde das aparte Charisma der Serie mit dem von „E.T.“ verglichen. Dass daneben oft etwas explodiert, Künstliche Intelligenz im Spiel ist, eine gewaltige Verschwörung aufgedeckt werden muss und „Lost“-Star Terry O’Quinn eine Nebenrolle spielt, könnte man da fast vergessen.

          Emergence, heute, Mittwoch 4. Dezember, um 21 Uhr beim Abosender Fox.

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