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Serie „Eden“ auf Arte : Meer der Erinnerung

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Fremd im eigenen Haus: Florian (Bruno Alexander) ist nicht begeistert von der Idee, dass er das Haus in Zukunft mit einem Fremden teilen soll. Bild: SWR

Sehenswerte Schicksalsweberei: Die deutsch-französische Serie „Eden“ folgt drei Flüchtlingsschicksalen und dem Drama um einen vierten, der bei der Flucht aus einem Lager ums Leben kam.

          An einem Strand in Spanien filmten Urlauber vor zwei Jahren die Ankunft eines Schlauchbootes aus Marokko. Es war voll mit Menschen, die von Europa träumten, sie sprangen in der Brandung, und kaum dass die Touristen diese Szene bemerkten, waren sie über den Sand in die angrenzenden Orte entflohen. Heftiger können zwei Welten kaum aufeinanderstoßen – die Flüchtlinge preschten mitten in die Urlaubssorglosigkeit der Europäer hinein.

          Auch im sechsteiligen Drama „Eden“ ist das Schlauchboot darum zu sehen. Regisseur Dominik Moll hat die Szene an eine griechische Insel verlagert, wo sich eine Lehrerfamilie aus Deutschland gerade ihrem Eis hingibt, das Vater Jürgen (Wolfram Koch) herbei-jongliert hat. Schon schiebt sich das Boot an den Strand, Menschen wie Amare (Joshua Edoze) hasten los in den Wald. Der junge Nigerianer ist einer der Protagonisten. Wir werden ihn bald in einem Flüchtlingslager in Athen, in einem überfüllten Kleinlaster mit Schleppern, an einem Grenzzaun und an weiteren Stationen beobachten. England ist sein Ziel, die Mutter wartet auf Geld.

          Menschen mit höchst unterschiedlichen Ausgangspositionen

          Die Serie erzählt von weiteren Menschen mit höchst unterschiedlichen Ausgangspositionen. Ihre Geschichten berühren sich: Die gewiefte Unternehmerin Hélène (Sylvie Testud) konnte die Griechen zu einem Experiment überreden. Sie darf ein Flüchtlingscamp betreiben, in dem unter staatlicher Leitung noch „desaströse Zustände“ herrschten. Die Syrerin Meryem (Diamand Bou Abboud), die mit ihrer Familie über die französische Botschaft in Beirut nach Paris gelangte, knüpft zaghaft Kontakt zu Landsleuten, während ihr Mann einen Investigativ-Journalisten hilft. Silke (Juliane Köhler) und Jürgen Hennings wiederum – die Lehrer vom Strand, die in ihrer selbstlosen Hilfsbereitschaft doch arg überzeichnet werden – nehmen das Urlaubserlebnis zum Anlass, den höflichen jungen Syrer Bassam (Adnan Jafar) bei sich unterzubringen. Kicker raus, Matratze rein, fertig.

          Entwickelt haben diese Erzählungen unter anderem die Autoren Nele Müller-Stöfen, Marianne Wendt und Edward Berger, der zunächst auch Regie führen sollte, dann aber für die Serie „Patrick Melrose“ mit Benedict Cumberbatch gebraucht wurde. Einigen Geschichten wohnt eine unterschwellig stärker werdende Dramatik inne, die sich in der vielsprachigen Originalversion besser als in der Synchronfassung entfalten kann. Die berührendste Geschichte ist die Odyssee von Amare, der seinen großen Bruder bei der Flucht aus dem Lager verliert; die stärkste, die Geschichte der Syrerin in Paris, die allmählich die Rolle ihres Mannes Hamid (Maxim Khalil) im Assad-Regime zu hinterfragen beginnt.

          „Ein boomender Markt, da muss man handeln“

          Nicht alles, was die Serie sich vornimmt, gelingt. Die Mannheimer Geschichte enthält mit dem eifersüchtigen Lehrersohn Florian (Bruno Alexander) eine Figur, die den Gast im Keller anfangs ruppig ablehnt und misstrauisch beäugt, und wenn die Kamera Bassam zeigt, wie er mit einem Bärtigen Mann skypt oder Gastmutter Silke nachts beim Schlafen beobachtet, stellt sie auch die Vorurteile der Zuschauer auf die Probe – auch wenn hier kaum zu erahnen ist, wie heiß das Thema Flüchtlinge in Deutschland diskutiert wird und wurde.

          Die in Frankfurt, Brüssel und einem echten Camp im Hafen von Athen gedrehte Story um die Geschäftsfrau Hélène verwendet viel Energie auf die Frage, ob die kühle Französin, die über einen Bekannten die Ausweitung ihres Experiments auf andere EU-Staaten zu erreichen versucht, stärker von Investoren oder Idealen geleitet wird: „Es ist ein boomender Markt, da muss man handeln.“ Aber so wenig im deutschen Handlungsstrang die politische Unruhe im Land greifbar ist, so wenig ist sie es bei Hélènes Szenen. Nur bei der Vorbereitung eines Vortrags wird die „größte Krise der Europäischen Union seit ihrer Gründung“ erkennbar.

          Der Kamera, die zu häufig auf Stativen steht (Patrick Ghiringhelli) und der schwermütigen Musik (Adrian Johnston) gelingt es mäßig, das Geschehen ein- und aufzufangen. Vor allem die Musik versucht die Gefühle des Publikums so stark zu steuern, dass man sofort an Wolfgang Fischers sensationelles Drama „Styx“ denken muss, das im Herbst von der Begegnung einer Einhandseglerin und einem Flüchtlingsboot erzählte – und ganz ohne Musik auskam. Dafür besticht die deutsch-französische Serie durch die Vielzahl und Echtheit ihrer Drehorte, natürlich wirkende Migranten-Schicksale, die unterschiedliche Beweggründe haben, und ein großartiges Casting. Man sieht: Auch die griechischen Lagerwachen Yiannis (Michalis Ikanomou) und Alexandros (Michalis Ikonomou) die den Tod eines Flüchtlings zu vertuschen versuchen, sind ganz normale Leute, ins Unglück gestolpert. Sie entsorgen die Leiche dort, wo so viele andere Menschen ums Leben kommen, im Meer. Ihre Hoffnung, nicht mehr daran erinnert zu werden, erfüllt sich nicht.

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