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Serie zu „Colonia Dignidad“ : Er herrschte in der Horror-Sekte jahrzehntelang

  • -Aktualisiert am

Alles unter Kontrolle: Götz Otto spielt den grausamen Sektenführer Paul Schäfer. Bild: Joyn

Die deutsch-chilenische Serie „Dignity“ erzählt von der Suche nach Paul Schäfer, dem 1997 abgetauchten Führer der Sekte „Colonia Dignidad“. Für seine Missbrauchstaten wurde er erst spät belangt, sein Handlanger gar nicht.

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          Es gibt Filmgestalten, von denen man bereits beim Auftritt weiß, dass sie einem in Albträumen wiederbegegnen, gespenstische Typen, die sich betont unscheinbar geben und zu allem in der Lage sind. Der nach Chile ausgewanderte deutsche Arzt Bernhard Hausmann, in der deutsch-chilenischen Serie „Dignity“ verkörpert von Devid Striesow, ist so ein Typ.

          Er ist nervös, als die Polizei auf dem großen, mit einem Tor, einem Wachmann und Überwachungskameras gesichteten Gelände der „Colonia Dignidad“-Siedlung auftaucht, die Augenlider zucken. Aber er zwingt sich zur Ruhe, sagt: „Das ist Hausfriedensbruch, das hier ist Privatbesitz.“ Genau diese erzwungene Ruhe ist es, die den leicht aufgedunsenen, leicht rotgesichtigen und biederen Mittfünfziger im Rund streng dreinblickender Kolonie-Bewohnerinnen im Dirndl so unheimlich macht.

          Der Zuschauer muss an dieser Stelle noch gar nicht wissen, was er später erfährt: dass Hausmann mit einem Gewehr auf ein Kind schießen kann, wenn ihm danach ist; dass er nachts Menschen über ein Feld schleppen kann, um dem Verschleppten eine Pistole zum fingierten Selbstmord in die Finger zu drücken; dass er „Du bist was ganz Besonderes“ zu einer Frau flüstern kann, ohne dass es liebevoll klingt.

          Es reicht vielmehr aus, Hausmann bei diesem ersten Auftritt zu sehen, und sofort ist klar, dass er nicht anders ist als der Mann, für den er als rechte Hand wirkt: Kolonie-Gründer Paul Schäfer (Götz Otto). Der hat gleich in der ersten, in den siebziger Jahren spielenden Szene der Serie einen Jungen eingeschüchtert und in die Dusche beordert: „Du musst dich reinwaschen.“

          Entführung und Kindesmissbrauch

          Die Polizisten, die „Onkel Schäfer“ zwanzig Jahre später suchen, sprechen von Entführung und Kindesmissbrauch. Was Hausmann wenig beeindruckt. Er entgegnet, er sei nur der Chef des Krankenhauses der Siedlung. Während Schäfer („Unser Vater hat uns nicht verlassen!“) abtaucht.

          Im Zentrum des düsteren Achtteilers, für den Maria Elena und Patricio Pereira als Schöpfer, Andreas Gutzeit als Hauptautor sowie Julio Jorquera Arriagada und Nancy Rivas als Regisseure verantwortlich zeichnen, steht indes der ernste, junge Staatsanwalt Leo Ramirez (Marcel Rodriguez). Nachdem sich die Mutter eines zwölfjährigen Opfers bereiterklärt hat, auszusagen, geht der Auftrag, Paul Schäfer zu fassen, an Ramirez – weil er die Sekte aus eigener Erfahrung kennt. Bange Blicke, als Ramirez das Gelände zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder betritt, Ratlosigkeit, als die Suche zu nichts führt.

          Szene für Szene jagt uns in „Dignity“ der Schauer über den Rücken, unterstützt von einer Musik, die zum Einstieg mit unguten Flächenklängen arbeitet, über denen die schneidend helle Melodie von „Kein schöner Land“ liegt, und manchmal in nur einem einzigen, langen Ton eines Streichers besteht. Wir lauschen einer Polizistin (Antonia Zegers), die Kollegen die Namen von missbrauchten Kindern verliest, während die Kolonie für andere noch der Ort ist, an dem die örtliche Bevölkerung eine solide Gesundheitsversorgung bekommt. Wir sehen junge Frauen der Siedlung, die mit Medikamenten ruhiggehalten und zur Züchtigung in eine unterirdische Kiste gesteckt werden; Schäferhunde, die sie von der Flucht abhalten. In einer von vielen Rückblenden taucht ein Militär auf, der von General Pinochet grüßt, Waffen sichtet und uns daran erinnert, dass auf dem Gelände der „Colonia Dignidad“, heute ein Hotel, Regimegegner gefoltert und ermordet wurden. Diese Serie ist finster.

          Ob „Dignity“ mit True-Crime-Formaten wie „Narcos“ oder „Manhunt“ mithalten kann, lässt sich nach den beiden vorab einsehbaren Folgen schwerlich sagen. Es wird von der Gewichtung und Glaubwürdigkeit der Geschichte Leo Ramirez’ abhängen, einer fiktiven Figur. Und zugleich davon, wie elegant Andreas Gutzeit diese Story mit dem verwebt, was wir aus den Nachrichten kennen: Sektengründer Paul Schäfer, den die Bonner Staatsanwaltschaft schon 1961, als er nach Chile ging, wegen „Unzucht mit Abhängigen“ suchte, wurde 2006 in Santiago wegen Kindesmissbrauchs in 25 Fällen und 2009 wegen Körperverletzung zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt; er starb 2010 im Alter von 88 Jahren.

          Drohungen und Gewalt: Devid Striesow spielt den Handlanger des Sektenchefs.

          Sein wichtigster Handlanger, der im Film anders als in Wirklichkeit heißt, wurde in Chile 2011 wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch von Kindern verurteilt, konnte sich aber absetzen. In Krefeld eingeleitete Ermittlungen gegen ihn wurden im Mai dieses Jahres nach acht Jahren eingestellt. Der Mann lebt unbehelligt in Deutschland.

          Der Bundestag gründete 2017, entsetzt über die unrühmliche Rolle deutscher Diplomaten bei dem Thema, die unter anderem in Florian Gallenbergers Kinofilm von 2016 zur Sprache kam, eine Kommission zur Aufarbeitung der Verbrechen. Diese beschloss ein Hilfskonzept für die 240 noch lebenden Opfer der „Colonia Dignidad“. Niels Annen, Staatsminister im Auswärtigen Amt, betonte bei dessen Vorstellung, die Bundesregierung trage zwar „keine direkte Verantwortung“ für das Geschehen, habe aber „eine moralische Schuld“.

          Entscheidend für die Resonanz der Serie wird auch sein, wie „Dignity“, produziert für Joyn, das Portal von Pro Sieben Sat.1, und den chilenischen Sender Mega, mit der politischen Dimension der Geschichte umgeht. Mit Caro Ramirez (Martina Klier), der schwangeren Ehefrau von Staatsanwalt Ramirez, die in der Botschaft arbeitet und mit dem Botschafter Sattelberger (Carlos Kaspar) aneinandergerät, gibt es eine Figur, die entsprechende Einblicke erlaubt. Unser Bauchgefühl sagt: „Dignity“ wird das stemmen.

          Dignity ist von heute an auf Joyn abrufbar.

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