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Serie „Die neue Zeit“ bei Arte : Die Liebe am Bauhaus

Unterrichtsbeginn: Anna Maria Mühe (Mitte) spielt Dörte Helm. Bild: ZDF und Anke Neugebauer

Jetzt entdecken auch Arte und ZDF das Bauhaus: Der Sechsteiler „Die Neue Zeit“ stellt eine junge Frau in den Mittelpunkt. Sie soll den künstlerischen Aufbruch symbolisieren. Aber am Ende geht es vor allem um eine Affäre.

          4 Min.

          Nach Stunden des Gesprächs mit Walter Gropius – die Journalistin und der greise Architekt sind von Hochprozentigem zum Bier übergegangen und haben einander längst mürbe geredet – hält es die Interviewerin Stine Branderup nicht mehr aus. Für „Vanity Fair“ ist sie zu dem Achtzigjährigen nach New York gekommen, in ein Zuhause, das einem Designmuseum gleicht, und will aus ihm herauskitzeln, wie es wirklich stand um die Gleichberechtigung von Mann und Frau am 1919 von Gropius begründeten Bauhaus.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Viel Zeit ist seitdem vergangen. Wir schreiben das Jahr 1963; Branderup (Trine Dyrholm) ist eine feministische Autorin. Dass ihr Ehemann sie verprügelt, ist eine andere Geschichte, die Spuren der Schläge verbirgt sie zunächst hinter einer Sonnenbrille. Aber als Gropius, auch in der Altersmaske gespielt von August Diehl, wieder anfängt von Klees Bildern, Ittens Farbkurs, den Anfängen des Produktdesigns, von Kandinskys Ankunft, da redet sie endlich mit offenem Visier: „Ich spare mir mein Band auf, bis du mit diesem kunsthistorischen Quatsch durch bist“, herrscht sie ihn an. Alles, was sie interessiert, ist: „die Affäre“.

          Es ist schon eine bemerkenswerte Volte, die man da bestaunen kann in dem von ZDF und Arte koproduzierten Sechsteiler „Die Neue Zeit“. Nach „Lotte am Bauhaus“ im Ersten ist es der zweite öffentlich-rechtliche Spielfilm-Festakt zum Jubeljahr der berühmtesten deutschen Kunst- und Designschule. Wie schon in der ARD soll das Schicksal der am Bauhaus an den Rand gedrängten Künstlerinnen ausgeleuchtet werden. Hatte das Erste mit einem Ufa-Film zum Thema dessen ausgerufenes Anliegen unterminiert, indem es plump eine frei erfundene Künstlerin auf einen von Liebesdingen geprägten Hindernislauf der Gleichberechtigung schickte und ihr schamlos Werke echter Bauhausfrauen als Schöpfungen unterjubelte, geht „Die Neue Zeit“ subtiler vor.

          Retrospektive Bildbetrachtung: Walter Gropius (August Diehl) steht der Journalistin Stine Branderup (Trine Dyrholm) Rede und Antwort.

          Die Miniserie lässt eine fiktive Journalistin späterer Jahre Fragen stellen, die man in den Zwanzigern so noch nicht aufgeworfen hätte. Das schafft einen – freilich von einem Mann, Walter Gropius – abgesteckten Erinnerungsrahmen, in dessen Zentrum eine reale Frau steht: die Künstlerin Dörte Helm. Die von Anna Maria Mühe verkörperte Rostockerin war eine von vielen Studentinnen am Bauhaus in Weimar. Die Tochter eines Altphilologen, deren Mutter Jüdin war, absolvierte den Vorkurs bei Johannes Itten und, anders als die meisten ihrer Kommilitoninnen, ein breites Ausbildungsspektrum von der Glasgestaltung über die Weberei bis zur Wandmalerei; sie legte eine Gesellenprüfung als Dekorationsmalerin ab und fertigte für das Haus Sommerfeld einen Vorhang. In der Literatur über Bauhaus-Künstlerinnen, die stetig wächst, kommt sie kaum vor. Zu epigonenhaft, zu klein scheint das erhaltene Werk der Frau, die schon 1941 an einer Infektion starb. 1924 verließ sie die Schule – weshalb, weiß man nicht. Nur dass es das Gerücht einer Affäre mit Gropius gab, ist überliefert. Und das scheint bei Filmemachern den meisten Eindruck zu machen.

          Bauhaus-Kolleginnen: Gunta Stölzl (Valerie Pachner, l.) und Dörte Helm (Anna Maria Mühe, rechts).

          In „Lotte im Bauhaus“ sprengte Dörte Helm als Geliebte die Ehe der braven Lotte; in „Die Neue Zeit“ bildet ihre ausgedichtete Beziehung zu Gropius das Gravitationszentrum einer Serie, die sonst von ihren erzählerischen Fliehkräften in alle Richtungen gezerrt würde. Schließlich geht es dem Regisseur Lars Kraume, der gemeinsam mit seiner Frau, der Kunsthistorikerin Lena Kiessler, und Judith Angerbauer auch das Drehbuch geschrieben hat, um das große Ganze. Er will nicht nur erklären, was das praktisch aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs heraus entstandene Bauhaus war und welche Vorstellungen von Kunst dort diskutiert und verwirklicht wurden; es geht auch um die Gefährdungen durch bürgerliche Konservative und die politische Rechte, um Freundschaften, Liebeleien und ein großes Schaulaufen der internationalen Kunstprominenz nebst kurz ins Bild gehaltener Werke.

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