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„Der Name der Rose“ im TV : Da hilft nur noch beten

Aufklärer in dunklen Zeiten: Der Franziskaner William von Baskerville (John Turturro, rechts) und sein Adlatus Adson von Melk (Damian Hardung). Bild: Sky/Tele München

Umbertos Ecos Mittelalterroman „Der Name der Rose“ war mit Sean Connery großes Kino. Jetzt wird eine zeitgeistige Serie mit Sex, Crime und Feminismus daraus. Das ist ziemlich profan.

          Das Mittelalter ist noch gar nicht so lange ferne Vergangenheit: Vor dreißig, vierzig Jahren war es total aktuell. In die Gegenwart geholt hatte es damals der französische Geschichtsprofessor Jacques Le Goff, der die Gabe besaß, Mediävistisches als populärwissenschaftliche Unterhaltungslektüre zu verkaufen – und für den das Mittelalter nicht mit Luther, dem Buchdruck oder der Entdeckung Amerikas, sondern mit der Französischen Revolution beendet war, also quasi vorgestern.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nach ihm rollte ein italienischer Professor für Semiotik das Feld auf: Durch seinen 1327 in einer Benediktinerabtei spielenden Kriminalroman „Der Name der Rose“, der zum internationalen Bestseller avancierte, machte Umberto Eco 1980 aus der Mittelalterwelle einen Tsunami. Ken Follett schwamm mit seinem Kathedralen-Epos „Die Säulen der Erde“ ebenso auf der Woge wie Marion Zimmer Bradley mit „Die Nebel von Avalon“; Mittelalter-Festivals schossen wie Pilze aus dem Boden, der Jakobsweg war wieder angesagt, CD-Aufnahmen gregorianischer Choräle kamen in die Hitparaden, und Hildegard-Kekse verkauften sich bestens.

          Das hieß: Als Ex-007 Sean Connery 1986 die Mönchskutte überstreifte, um in Jean-Jacques Annauds Verfilmung von „Der Name der Rose“ den Sherlock-Franziskaner William von Baskerville zu spielen, der, begleitet von seinem Watson-Novizen Adson (Christian Slater), anno 1327 einen Serienmörder in einer norditalienischen Benediktinerabtei sucht und nebenbei brisante theologische Dispute führt, mussten weder er noch der Regisseur oder die Drehbuchautoren viel erklären. Die Story war so bekannt, der historisch glänzend recherchierte, mit postmodernem Witz geschriebene Roman so vielgelesen, der Hauptdarsteller so beliebt, das Budget so groß, dass der Film nur die Mäkeleien derer fürchten musste, denen zu wenig aus dem Buch vorkam.

          Überall radikale Prediger

          Denn dort nehmen der die Kirche erschütternde Streit darüber, ob Jesus arm war oder nicht, sowie der Machtkampf zwischen dem Papst in Avignon und dem exkommunizierten Kaiser breiten Raum ein. Williams Mission ist, in der Abtei verschiedene Delegationen zu moderieren, darunter die Inquisition, während auf dem Land Fratizellen, radikale Armuts- und Bußprediger, Seelen fangen und in den Städten eine neue, vernünftigere Zeit anbricht. Im Film ist davon fast nichts geblieben, er konzentrierte sich auf die Kriminalerzählung, mit einem leise ironischen Connery im Zentrum.

          Das ist nun alles anders. Die Neuverfilmung von „Der Name der Rose“ als achtteilige Fernsehserie, eine auf Englisch in Italien gedrehte internationale Koproduktion, will ein Publikum gewinnen, das Eco nie gelesen hat und vielleicht nur „Game of Thrones“ kennt – oder „Die Wanderhure“.

          Dem eigentlichen Geschehen vorangestellt ist ein Gemetzel auf dem Schlachtfeld und eine Bettszene mit Prostituierter, die pikanterweise Adsons Vater seinem Sohn (Damian Hardung) zur Übernahme anbietet. Dann erhebt sich, eisig eingepudert und perfekt am Computer bearbeitet, die Abtei des Verbrechens über den Felsen.

          Unter der Regie von Giacomo Battiato spielt John Turturro den scharfsinnigen Mönch, überraschend abgeklärt – oder auch langweilig. William ist eine ruhige, Ernst ausstrahlende Figur geworden; das Kloster wirkt weniger wie ein monastisches Panoptikum als ein Hort verklemmter Homoerotik. Gleichmütig werden die Leichenfunde inszeniert: der Tote im Bottich mit Schweineblut, der Tote in der Badewanne und so fort, blaue Zungen hier, trübe Augen dort beim wenig charismatischen Jorge (James Cosmo) und wirrer Blick beim nur sacht entstellten Salvatore ( Stefano Fresi). Einzig Rupert Everett als Inquisitor Bernardo Gui trumpft schauspielerisch auf.

          Und dann übernimmt die Nebenhandlung, die komplett dazuerfunden wurde, mit Frauen, die Schwerter schwingen und Pfeil und Bogen führen, weil es ohne starke Frauenrollen einfach nicht mehr geht im Fernsehen. Parallel zur Kriminalhandlung wird in Rückblenden das Leben und Sterben des Fratizellen-Anführers Fra Dolcino (Alessio Boni) ausgestellt, der mit Frau und Kind eine Kreuzung aus Hippietrupp und Bauernaufstand leitet. Seine Tochter (Greta Scarano) lauert nach dem gewaltsamen Ende des Predigers Bernardo Gui als Rächerin auf, just als dieser zum Armutsgipfel in das Kloster reist. Dass sie sich mit Adsons Angebeteter, einem offensichtlich von Luft und Liebe im Wald lebenden Flüchtlingsmädchen (Antonia Fotaras), verschwestert, ist fast ebenso unvermeidlich wie der Hexenprozess.

          Ein bisschen Feminismus hätte dieser Ära zweifellos gutgetan, der Serie hilft er nicht weiter. Denn der zweite Handlungsstrang, historisch hanebüchen zusammengewunden, legt sich über den ursprünglichen, bis Spannung, die Stringenz braucht, gar nicht erst aufkommt. Aus einem klassischen Whodunit mit zahlreichen Verdächtigen an einem abgeschlossenen Ort wird ein wirres Panorama mit fragwürdigen Koinzidenzen. Umberto Eco, der vor drei Jahren gestorben ist, hat das dazu passende Bonmot natürlich längst selbst geschrieben: „Es hat eben jeder seine eigene (meist verdorbene) Idee vom Mittelalter.“

          Der Name der Rose startet heute, Freitag, 24. Mai, um 20.15 Uhr auf Sky1.

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