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„Am Anschlag“ bei ZDFneo : Wie wird ein Mensch zum Killer?

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Der Wahnsinn hat Formen angenommen: Gül (Alev Irmak) erfährt, dass ihr Sohn am Ort des Amoklaufs ist. Bild: ZDF und (c) Umut Dag / Tivoli Fi

Durchgebrannte Sicherung: „Am Anschlag“ erzählt die Vorgeschichte eines Amoklaufs als multiperspektivisches Verzweiflungsdrama. Wer den Abzug drückt, bleibt lange offen.

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          Passionierte Whodunit-Fans wissen, woran man Täter im Fernsehkrimi erkennt: Es sind immer die bekanntesten Schauspieler mit dem schwächsten Motiv. Ganz so leicht darf es sich eine Serie, die einen Amoklauf im Einkaufszentrum plausibel erklären möchte, allerdings nicht machen.

          Es muss vielmehr ein wahrscheinlicher Täter, eine wahrscheinliche Täterin sein, doch der Clou der dicht erzählten ZDFneo-Eigenentwicklung „Am Anschlag“ besteht darin, dass es auch davon eine ganze Reihe gibt. Mit Rückgriff auf ein Sachbuch des Psychiaters Reinhard Haller – in der Serie tritt er unter wahrem Namen als in den Nachrichten zugeschalteter Experte auf – ist lediglich gesetzt, dass eine Tat vorliegt, die durch eine persönliche Kränkung motiviert wurde. Um einen Terrorangriff nach religiöser oder nationalistischer Gehirnwäsche-Radikalisierung handelt es sich also eher nicht.

          Es geht um den Täter

          Anders als in der exzellenten, ganz auf die Opfer abstellenden dänischen Serie „Wenn die Stille einkehrt“ geht es also wieder einmal täterzentriert zu, aber der multiperspektivische Ansatz mildert dies in interessanter Weise ab, schließlich jongliert das ausgeklügelte Buch von Agnes Pluch mit Tätern im Konjunktiv, von denen viele sich letztlich als Opfer erweisen werden. Fünf der sechs Episoden sind jeweils einer Figur gewidmet, blenden aber auch in die übrigen Erzählstränge hinein.

          Da sich die Narration über fünf dem Anschlag vorausliegende Tage erstreckt, läuft die Handlung trotz der Perspektivsprünge chronologisch ab. Umut Dağ hat sie temporeich, aber auch leicht routiniert in Szene gesetzt. Immer wieder zoomt die vorausdeutende Kamera kleine Hinweise heran, etwa eine pralle Geldtasche (die natürlich verschwindet), ein Schlüsselbund (mit Folgewirkung), Waffen aller Art. Inhaltlich wird uns eine ganze Palette an Kränkungen präsentiert. Ursachen sind verletzter Stolz, enttäuschte Liebe, Mobbing bis zum Selbsthass, Muttertraumata, Unfallfolgen, gefühlskalter Betrug, Versagensgefühle in Bezug auf die eigenen Kinder oder berufliche Erniedrigungen. Diese Vielfalt ist Programm: Jede Hoffnung, deutet die Serie nachvollziehbar an, kann in ihr Gegenteil umschlagen.

          Die Ratlosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben: Murathan Muslu spielt den Sicherheitsmann Georg.
          Die Ratlosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben: Murathan Muslu spielt den Sicherheitsmann Georg. : Bild: ZDF und Hubert Mican

          Da haben wir etwa die alleinerziehende Mutter Sarah (Johanna Wokalek), die für ihre Kinder zu wenig Zeit aufbringt, sich mit einer Arztpraxis finanziell übernommen hat und mit dem Ex-Mann um Unterhaltszahlungen streitet; Geldprobleme gibt es eben auch im gehobenen Mittelstand. Der bärenstarke, um seine Beförderung gebrachte Security-Mitarbeiter Georg (Murathan Muslu) wiederum ist ein rammsteinhafter Romantiker mit überholtem Geschlechterrollenverständnis und Minderwertigkeitskomplex, der mit der Erblindung seiner depressiven Frau (Antje Traue) nicht umgehen kann, zumal er sich Vorwürfe macht, weil er am Steuer des Unfallwagens saß. Auch die den Protagonisten jeweils zugeordneten Nebenfiguren durchleben eine Enttäuschung nach der anderen.

          Der Chef ist ein Ausbeuter

          Dass die ausschnitthaft in ihrem Arbeitsalltag gezeigten Lebensläufe mitunter stereotyp geraten sind – am auffälligsten bei der als Kind vergeblich um die Liebe der Eltern gebuhlt habenden Businessfrau Mira (Julia Koschitz), die in ihrem fast parodistisch überspitzten Karrierejob bei einer Versicherung mit einem sie intellektuell und sexuell ausbeutenden Klischee-Chef (Anian Zollner) zu kämpfen hat –, ist ein Manko der Serie. Auch kommt mancher Charakterumschwung zu plötzlich. Das hat die dänische Serie authentischer hinbekommen. Dafür sind Agnes Pluch einige Twists gelungen, mit denen man nicht gerechnet hätte, etwa im Zusammenhang mit einer zunächst allzu offensichtlich anmutenden Online-Dating-Falle, in die Miras Mutter (Ulrike Willenbacher) getappt zu sein scheint.

          Brennt bei ihr die Sicherung durch: Julia Koschitz spielt die Karrierefrau Mira.
          Brennt bei ihr die Sicherung durch: Julia Koschitz spielt die Karrierefrau Mira. : Bild: ZDF und Petro Domenigg / FILMSTI

          Bei experimentellen Konstruktionen besteht immer die Gefahr, dass das Formprinzip die Erzähldynamik überlagert. Dass das hier nicht der Fall ist, liegt daran, dass die reizvollen Sub-Plots in sich schlüssig bleiben, bildtechnisch überzeugend physisch anmuten (Kamera Cristian Pirjol) und dabei raffiniert miteinander verwoben sind. Selbst Einzelgänger wie der Sarah mit seiner Zuneigung bedrängende Arzthelfer Oliver (Daniel Langbein) interagieren zwanglos mit den Protagonisten anderer Erzählstränge.

          Und obwohl ein echter Psychiater zu Beginn jeder Folge interpretatorische Starthilfe gibt, wird auf Figurenebene nicht allzu sehr psychologisiert. Die Dialoge wirken meist wie aus dem Leben gegriffen. Dass scheiternde Liebe ins Desaster führen kann, soll also gar nicht psychoanalytisch verkopft bewiesen werden, sondern ist schlicht eine lebensnahe Grundannahme, von der aus diese Tragödie äußerst gegenwärtig entwickelt wird. Hinzu kommt eine durchweg überzeugende Darstellerleistung. Julia Koschitz ist dabei (wieder einmal) so gut, dass sie selbst ihrer wenig originellen Figur durch punktgenaue Emotionalität so etwas wie Hauptrollen-Flair verleiht.

          Wer ist fähig zu einer solchen Tat?

          Spannend bleibt es überdies. Bis kurz vor Schluss ist völlig unklar, welche der Figuren zu der Amoktat fähig sein wird. Impulsiv sind sie alle, zertrümmern aus Verzweiflung teure Autos, zerschlagen Laptops (das Kind wünschte sich einen besseren), vergiften Haustiere oder verbrennen ihre liebsten Erinnerungen. Und doch erheben sich Pluch und Dağ über keine der Figuren oder deren Unglück, weil sie wissen, dass Verzweiflung immer individuell ist und sich nicht gegeneinander abwiegen lässt.

          Auch wenn da viel Konzept in den einzelnen Dramen steckt und der rassistisch motivierte Anschlag von München, auf den indirekt angespielt wird, sich wohl noch etwas anders erklärt, ist ZDFneo eine zugleich packende wie nachdenkliche Miniserie gelungen, die uns vor Augen hält, welch fatale Folgen es haben kann, wenn Menschen ihre Isolation – ob begründet oder nicht – als Demütigung durch die Gesellschaft begreifen und einen Hass auf jedes vermeintliche Glück entwickeln.

          Am Anschlag – Die Macht der Kränkung läuft in jeweils drei Folgen heute und am Mittwoch, ab 21.45 Uhr, auf ZDFneo.

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